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Umgang mit afrikanischem Erbe : Die Zukunft des Kulturbesitzes

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Macrons Forderung der endgültigen Restitution des afrikanisches Erbes an Afrika hat Auswirkungen auf ganz Europa: Unter anderem auch auf das Humboldtforum in Berlin. Bild: F.A.Z

Ende der kolonialen Amnesie: Der französische Präsident Macron fordert, das künstlerische Erbe Afrikas zu restituieren. Das muss Folgen haben – auch für das Humboldtforum.

          Man sagt, die Jugend sei die Zeit des Mutes. Innerhalb von zwei Minuten und dreiunddreißig Sekunden wischte Emmanuel Macron mit einem Streich mehrere Jahrzehnte der offiziellen französischen Praxis und des Diskurses in Fragen des kolonialen Erbes und der Museen beiseite. Er tat es, wie er selbst sagte, an einem Ort, „an dem man nicht mogeln kann“: im überfüllten Auditorium maximum einer afrikanischen Universität, vor mehreren hundert Studentinnen und Studenten, unter den Augen des Staatspräsidenten von Burkina Faso und den Kameras von France24. Er tat es im Namen der Jugend, seiner Jugend: „Ich gehöre zu einer Generation von Franzosen, für die die Verbrechen der europäischen Kolonialisierung unbestreitbar und Teil unserer Geschichte sind.“ – „Ich möchte, dass innerhalb der nächsten fünf Jahre die Voraussetzungen für zeitweilige oder endgültige Restitutionen des afrikanisches Erbes an Afrika geschaffen werden.“ Applaus und Pfiffe. Auf Twitter legt der Elysée-Palast nach: „Das afrikanische Erbe darf kein Gefangener europäischer Museen sein.“

          Eine Revolution. Voller Verblüffung registriert die westliche Presse dieses tektonische Beben. Innerhalb wie außerhalb Afrikas sehen jene, die seit langem schon für die Rückgabe des verlorenen Erbes kämpfen, ein neues Zeitalter anbrechen: „Die Post-Ouagadougou-Zeit hat begonnen“, schreibt Kwame Opoku. In Berlin löst Emmanuel Macrons Rede einen heftigen Streit über die koloniale Amnesie aus, von der die Gestalter des zukünftigen Humboldtforums befallen zu sein scheinen, das von 2019 an die ethnologischen Sammlungen des einstigen preußischen Staates aufnehmen soll. In einem offenen Brief an Angela Merkel fordern vierzig in der Arbeit für Afrika engagierte Organisationen die Bundeskanzlerin auf, „sich zur historischen Initiative des französischen Präsidenten zu positionieren“.

          Leuchtende Konservatorien der menschlichen Schöpferkraft

          Die Rede von Ouagadougou betrifft zwar zunächst einmal Paris und seine prestigeträchtigen Sammlungen afrikanischer Kunst, hat aber auch Auswirkungen auf ganz Europa und die kolonialen oder aus Missionstätigkeit stammenden Bestände der dortigen ethnologischen Museen. Vom British Museum (mehr als 200.000 afrikanische Objekte) bis zum Weltmuseum Wien (37.000), vom Musée royal de l’Afrique centrale in Belgien (180.000) bis zum zukünftigen Humboldtforum in Berlin (75.000), von den Vatikanischen Museen bis zum Musée du Quai Branly (70.000) – die Geschichte der Afrikasammlungen ist eine gemeinsame europäische Geschichte, eine Familienangelegenheit, wenn man so will, in der ästhetische Neugier, wissenschaftliches Interesse, militärische Expeditionen, Handelsnetze und „Gelegenheiten“ jeglicher Art dazu beigetragen haben, Logiken der Herrschaft, der Selbstbestätigung und der nationalen Rivalität zu nähren. Die Museen in unseren Hauptstädten sind leuchtende Konservatorien der menschlichen Schöpferkraft. Sie sind zugleich durchaus unfreiwillig auch Verwahrer einer dunkleren und bislang allzu selten erzählten Geschichte.

          Emmanuel Macron spricht an der Ouagadougou-Universität

          In Frankreich wie auch anderswo in Europa löst allein schon das Wort „Restitution“ einen Abschottungs- und Abwehrreflex aus. Diesen Reflex führte François Mitterand 1994 vor, als er Helmut Kohl für die Rückgabe von 27 französischen Gemälden dankte, die während des Kriegs von den Nationalsozialisten geraubt worden waren. Er erklärte: „Die Kuratoren in unserem Land, die für unsere großen Museen Verantwortlichen, dürften heute Abend eine gewisse Unruhe empfinden. Und wenn das zur Regel würde? Ich riskiere nicht zu viel, wenn ich denke, dass dieses Beispiel eine große Ausnahme bleiben und die Ansteckung rasch zum Stillstand kommen wird.“

          Restitution und Ansteckung, politische Vorsicht und Angst der Museen: wir gehören zu einer Generation, die nur schmerzhafte oder in zähen Kämpfen erstrittene Restitutionen kennt. Niemand in Frankreich hat den Grabenkrieg vergessen, der 2010 von den Konservatoren der Bibliothèque Nationale de France geführt wurde, als Nicolas Sarkozy sich am Rande von Wirtschaftsverhandlungen dafür einsetzte, dass nahezu dreihundert kostbare Handschriften an Südkorea zurückgegeben wurden, die 1866 während einer französischen Strafexpedition erbeutet worden waren. In Italien vergisst niemand die Verhandlungen, die sich über ein halbes Jahrhundert hinzogen, bevor man den Obelisken von Axum an Äthiopien zurückgab, den Mussolini 1937 geraubt hatte. Und in Berlin möchte niemand eines Tages das riesige fossile Skelett des größten Dinosauriers der Welt, des Brachiosaurus Brancai, an Tansania zurückgeben, das man 1912 aus dem damaligen deutschen Protektorat nach Berlin holte.

          Es ist einigen dieser Objekte vorbestimmt, nach Afrika zurückzukehren

          Kann man sich unter diesen Umständen überhaupt glückliche und einvernehmliche Restitutionen vorstellen, die im Interesse der Völker wie auch der Objekte erfolgten? Kann man sich Restitutionen vorstellen, die nicht rein strategisch, politisch oder wirtschaftlich, sondern wirklich kulturell motiviert wären – kulturell im ursprünglichen Sinne des lateinischen Verbs colere, das „pflegen“, „bebauen“ und „ehren“ bedeutet? Die in Ouagadougou gemachte Ankündigung scheint zu sagen: ja. Sie bezieht ihre Kraft aus einem Generationenwechsel. Sie sagt, dass es möglich sei zu teilen. Und dass Afrika ein Sonderfall sei. Und gegen alle Erwartungen führt sie nicht zu den institutionellen Abwehrreaktionen, an die uns die Diskussionen der vergangenen Jahre gewöhnt hatten. Im Gegenteil: Von den Medien zu einer Reaktion auf Emmanuel Macrons Erklärung aufgefordert, stimmte der Direktor des Musée du Quai Branly, Stéphane Martin, dem uneingeschränkt zu und betonte, es könne nicht sein, „dass ein Kontinent derart der Zeugnisse seiner Vergangenheit und seines plastischen Genies beraubt“ sei. Und: „Am Ende ist es einigen dieser Objekte vorbestimmt, nach Afrika zurückzukehren.“ Eine zweite Überraschung, diesmal auf institutioneller Ebene.

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          Was nun? Zuerst einmal und vor allem anderen gilt es, unverzüglich und ohne falsche Vorspiegelungen afrikanische Persönlichkeiten an den Diskussionen zu beteiligen, die sich jetzt in Frankreich entwickeln werden: Stimmen von Aktivisten, Intellektuellen, politisch Verantwortlichen und Vertretern der Museen; von Afrikanern aus Afrika und solchen aus der Diaspora; von solchen, die eine Rückgabe wollen, und solchen, die sie nicht wollen; von Kunstförderern, Lehrenden, Künstlern. Man setzt sich an einen Tisch, hier oder anderswo. Man hört einander zu. Und man achtet sorgfältig darauf, dass man sich nicht in den Zuständigkeitsbereich der anderen einmischt.

          Als Frankreich nach Waterloo 1815 die während der Revolution und des Kaiserreichs nach Paris geholten Werke den europäischen Ländern zurückerstattete, erklärte man dem Papst und den Herrschern Deutschlands, Österreichs, Spaniens und anderer Länder nicht, wie sie in Zukunft mit ihren Sammlungen umgehen und sie bewahren sollten. In diesen Ländern bedurfte es oft vieler Jahrzehnte und zahlreicher strittiger Debatten, bis „moderne“ Methoden der Bewahrung des Erbes und des Aufbaus einer geeigneten Infrastruktur aufkamen. In Berlin etwa wurden die nach 1815 von Frankreich zurückgegebenen Werke erst 1830 in einem öffentlichen Museum ausgestellt. Und 1945 sagten die Amerikaner den Franzosen nicht, wie sie die von ihnen in Nazideutschland sichergestellten Werke behandeln sollten. Der französische Staat zögerte nicht, nach der Rückgabe mehrere tausend dieser Werke auf Auktionen zu versteigern. Man muss denen, die solche Werke zurückerhalten, auch den Umgang mit ihnen überlassen und ihnen die nötige Zeit geben, Lösungen zu finden, die ihren Bedürfnissen entsprechen.

          Vor allem aber dürfen wir träumen; bislang unbekannte juristische Konstruktionen ersinnen; neue Formen von Partnerschaften wie die seit zehn Jahren von der Fondation Zinsou in Benin geübte Praxis erproben; flexible, an die Realitäten eines riesigen Kontinents angepasste Modelle erfinden, eines Kontinents, in dem Dakar und Pretoria weiter voneinander entfernt liegen als Paris und Peking und das Durchschnittsalter der Bevölkerung bei 21 Jahren liegt (gegenüber 40 in Europa).

          Wir müssen groß und klein denken, auf lange und auf kurze Sicht. Wir müssen natürlich an jene denken, die Kunstwerke erhalten, dürfen aber auch jene nicht vernachlässigen, die sich in Frankreich und anderswo im Stolz auf ihren Kulturbesitz oder in ihrer kulturellen Identität verletzt fühlen. Man wird sich Zeit nehmen müssen, unserer heimischen Öffentlichkeit zu erklären, was man tut und warum man es tut. Schließlich wird man den Museumsbesuchern erzählen müssen, wie diese Sammlungen zustande kamen; auf welche Weise, wann und zu welchem Preis diese Werke zu uns gelangten. Und gewiss wird man einige museographische „Selbstverständlichkeiten“ und „Tabus“ in Frage stellen müssen. Und wenn es so geschehen soll, dann soll es auch mit Freude geschehen, einer verantwortungsvollen, klugen und überlegten Freude, die diesem großen Projekt des 21. Jahrhunderts eine Seele verleiht. „Ich möchte, dass innerhalb der nächsten fünf Jahre die Voraussetzungen für zeitweilige oder endgültige Restitutionen des afrikanisches Erbes an Afrika geschaffen werden.“ Die Wette gilt.

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