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Luxus und Dekadenz Der goldene Wonnekessel des Imperiums

15.08.2007 ·  Schon die Antike wollte „Neapel sehen und sterben“. So entstand ein Paradies rund um den Vesuv. Das Römermuseum in Haltern zeigt in der Ausstellung „Luxus und Dekadenz“ atemberaubende und frisch restaurierte Kostbarkeiten.

Von Dieter Bartetzko
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Man glaubt förmlich die plissierte Seide der Tunika knistern zu hören, das weiche kühle Leinen der Stola tasten zu können und den Narden-Duft der Essenzen zu riechen, der den getürmten Locken entströmte - so lebensecht steht diese aus weißem Marmor gemeißelte junge Römerin vor einem. Doch da ist mehr - unter Würde verborgene Scheu nämlich, Melancholie und Verletzlichkeit.

Diese griechisch anmutende römische Verbindung aus Verismus und Idealismus galt der Tochter des Marcus Nonius Balbus, Prätor von Kyrene und Kreta, Patron der Stadt Herculaneum, eines wohlhabenden Luftkurorts am Golf von Neapel. Seine Statue, geborgen aus den Verschüttungsmassen des Vesuv, der 79 nach Christus neben Pompeji auch Herculaneum begrub, steht, ebenso meisterlich gestaltet, neben der der jungen Frau - ein Mann in den besten Jahren, honorig in Amtstracht, erste Zeichen des Alterns.

Ehrenmann von Schrot und Korn

Zu den Verschwendern und Modepuppen, als deren Stellvertreter beide die Besucher der Ausstellung „Luxus und Dekadenz“ empfangen, dürften Marcus Nonius Balbus und die Schöne allerdings nicht gehört haben. Der Mann, der Herculaneum eine noble Basilika stiftete, auf eigene Kosten andere öffentliche Bauten verschönern und die Stadtmauern wiederherstellen ließ, muss ein Ehrenmann von altem römischem Schrot und Korn gewesen sein. Darauf deuten die zehn Ehrenstatuen hin, die ihm um 50 nach Christus die Bürger Herculaneums errichtet hatten. Doch das Vermögen, dank dem er als Wohltäter und Mäzen handeln konnte, hatte Marcus Nonius Balbus als Statthalter erworben - und das dürfte, wie alle Vergleichsbeispiele der römischen Geschichte zeigen, auf nicht gerade zimperliche Weise geschehen sein.

Mit den gigantischen Summen, die die Eroberung der damaligen Welt dem Imperium Romanum eingetragen hatte, begann um 150 vor Christus der Aufstieg des Golfs von Neapel zum Luxusparadies. Jeder reiche Römer suchte zwischen Baiae, Neapel, Herculaneum, Pompeji und Stabiae eine Villa zu bauen, als Sommer- oder Alterssitz. Nachdem neben Lukull, Vergil und Cicero, Caesar, Agrippa und Sulla auch noch die römischen Kaiser von Augustus bis Tiberius sich Paläste in der zauberhaften Gegend errichten ließen, stieg das Interesse derart an, dass die Küste, wie Plinius d. Ä. berichtet, wirkte, als säume sie eine einzige paradiesisch schöne Stadt. Im Gefolge dieser Schönheit kamen Luxus und Dekadenz und mit ihnen wiederum ätzende Kritik: „Luxus braucht Bewunderer und Mitwisser“, teilte Seneca 50 nach Christus mokant dem römischen Publikum mit und mahnte: „Wir leben durch fremde Mühen.“ Was ihn nicht hinderte, binnen weniger Jahre als Großgrundbesitzer ein Vermögen von 300 Millionen Sesterzen anzuhäufen. So traf denn auch ihn das Urteil seines Zeitgenossen Valerius Maximus, der lakonisch feststellte: „Luxus ist ein süßes Gift, das man viel leichter anklagen als vermeiden kann.“

Der goldene Strand der Venus

Wonnekessel des Imperiums“ nannte man damals den Golf, und Baiaes Küste, an deren Schwefelquellen, meist alles andere als Gesundheit suchend, sich sommers tummelte, was in Rom und den Provinzen Rang und Namen hatte, hieß doppeldeutig der „goldene Strand der Venus“. Bis heute hat jeder Beispiele parat für jene Dekadenz, die dort ins Kraut schoss. Zum Beispiel die Anekdote von der kaiserlichen Lebedame Antonia Minor, die ihrer Lieblingsmuräne - Edelfische in kostspieligen Meerwasserbecken zu züchten war ein Spleen der Hautevolee - Diamantohrringe implantieren ließ. Als Hologramm schwimmt diese Muräne nun in Haltern, kommentiert von einem Paar Ohrringe aus Pompeji, bestehend aus winzigen korbartigen Golddrahtgeflechten, die mit damals sündhaft teuren Perlen besetzt sind. Für ein ähnlich groteskes allbekanntes Phänomen, das der Völlerei, steht nahebei ein hohes, innen mit tönernen Spiralen versehenes und außen gelochtes Tongefäß, das zur Mast von Siebenschläfern diente, die gebraten eine kulinarische Attraktion von Banketten waren.

Schauplatz solcher Auswüchse waren die Golf-Villen. Die Ausstellung führt sie in Gestalt hinreißend schöner Veduten vor: seidig schimmernde Fresken, die von den Wänden der originalen Villen stammen. Dekadenz? Die Raffinesse, mit der hier idyllische Landschaften und grazile Traumpaläste dargeboten werden, hat nichts von Protzerei und Übersättigung. Unbefangene Freude an Natur und Kunst, sublimes Genussvermögen spricht aus ihnen. Das gilt auch für Meisterwerke wie das - ein hellenistisches Original kopierende - Wandgemälde „Iphigenie auf Tauris“ aus einer Stadtvilla in Pompeji.

Fast lasziv schöne Venus

Diskrete samtige Farben, gezähmte Leidenschaften, eine ruhige Komposition - man versteht, weshalb das achtzehnte Jahrhundert, als die Vesuvstädte wiederentdeckt wurden, Gemälde wie dieses mit denen Rafaels oder Leonardos verglich. Ebenso fesselnd die Skulpturen: Die marmorne Statuette eines hellenistischen Herrschers beispielsweise, ein um 150 vor Christus entstandener Griechenlandimport, der ein pompejanisches Nymphäum schmückte, steht ihrem Vorbild, dem berühmten „Doryphoros“ des Polyklet, nicht nach. Ebenso die Satyre und Faune, eine fast lasziv schöne Venus und ein bestrickender jugendlicher Aristaeus, Gott der Bienenzucht. Sie, wie auch die bronzenen, mit Gänsen, Delphinen oder Früchten spielenden Eroten schmückten die Peristyle, die Ziergärten der Villen.

Ein mit sublimen Lichteffekten und Gaze-Wänden mediterran inszenierter Gartensaal lässt in Haltern die antiken arkadischen Inszenierungen nachempfinden. Wasser war ein wichtiges den Zauber steigerndes Element. In Kaskaden sprühte oder rann es aus den Nischen mosaizierter künstlicher Grotten, floss durch Minaturkanäle und Schwimmbecken oder sprudelte in Marmorschalen. Eine davon lässt in Haltern schaudern: Auf ihrem Grund ist die Büste eines schlafenden Knaben eingemeißelt. Kopf und Schultern samt einer Hand, die ein Salbölfläschchen umschließt, scheinen von unten durch die glatte Wandung zu drängen. War die Schale gefüllt, muss das ein Anblick gewesen sein, als treibe ein ertrunkener Junge unter dem Wasserspiegel. Welcher Effekt wirklich beabsichtigt war - denn auch der abgebrühteste Dekdenzler hätte eine derartige Assoziation gescheut -, bleibt ein Rätsel.

Kaufen nach dem Hörensagen

Haltern verschweigt nicht, dass der vom Luxus entfachte Kunstsinn sich wie zu Dekadenz so auch zu hohler Protzerei auswuchs: „Wir Idioten sind auf Gemälde und Plastiken ja ganz versessen!“ - Senecas selbstkritischer Seufzer über den damaligen Kunstmarkt und die geschmacklose Wahllosigkeit der Käufer findet in Objekten wie den ungelenk gemalten „Drei Grazien“ aus Pompeji Kronzeugen: Unsicher im Geschmack, oberflächlich gebildet, urteilten und kauften viele Neureiche nach dem Hörensagen. Eben noch in eher kleinen Häusern lebend, hatte man nun Riesensäle und weite Parks zu füllen. So kam es, dass Massenware sich unter erlesene Kunstwerke - meist in Griechenland, später auch in Kampanien gefertigte Kopien und freie Nachkompositionen griechischer Originale - mischte: Putten vom ästhetischen Niveau unserer Gartenzwerge, Götter mit dem pausbäckigen Charme von Dorfschönheiten. Neben diesem blinden Anhäufen stand die Sammelwut der arbitri elegantiarum, unter ihnen selbst Cicero, der behauptete, er habe eine Million Sesterzen für einen der begehrten Beistelltische aus dem raren exotischen Zitrusholz gezahlt.

Rund 1700 Jahre später löste das Freilegen der Vesuvstädte eine vergleichbare Sammelleidenschaft aus. Die seither geborgenen Schätze füllen längst nicht nur die Schausäle, sondern in erstickender Enge auch alle Magazine des Nationalmuseums in Neapel. Hier durften, dank der guten, auf dem Erfolg der Halterner Herculaneum-Ausstellung von 2005, die 180.000 Besucher zählte, basierenden Zusammenarbeit zwischen Neapel und der westfälischen Kleinstadt, die Ausstellungsmacher für ihre jetzige Präsentation auswählen. So sind nun in Deutschland, oft erstmals seit ihrer Bergung, atemberaubende und (dies war die Bedingung Neapels) frisch restaurierte Kostbarkeiten zu sehen. Zum Beispiel eine Patera, eine Griffschale aus opakblauem Glas mit weißen Auflagen, die einen virtuos gestalteten Silenenkopf inmitten eines wirbelnden Blätterkreises zeigen, oder einer jener legendären aus einem einzigen Bergkristall geschliffenen Pokale, für die Nero Menschen töten ließ, dazu Smaragdkolliers, Siegel- und Gemmenringe, Flakons und elfenbeinerne Schatullen.

Haltern hat nicht nur klug ausgewählt, sondern ebenso klug maßgehalten. Kein Raum ist überfüllt - bezwingend teilt sich so die Schönheit jenes Arkadien mit, das sich Roms Oberschicht schuf. Ein Prozent der achtzig Millionen Menschen, die das Imperium bevölkerten, lebte in solchem Luxus, bis der Vesuvausbruch dieses Paradies verwüstete. Als das Inferno tobte, vielleicht auch erst, als man vor rauchenden Trümmern stand, gipfelte die ewige Luxuskritik in einem vernichtenden biblischen Fluch: „Sodom und Gomora“ ritzte jemand in eine Hauswand Pompejis. Das Graffitto auf einem ausgemergelten Stück Verputz bildet den ernüchternden Schluss der Ausstellung.

Luxus und Dekadenz. Vom 16. August bis zum 25. November im Römermuseum Haltern am See; danach in Bremen, Nijmegen und München. Der Katalog kostet 24,90 Euro.

Quelle: F.A.Z., 15.08.2007, Nr. 188 / Seite 33
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Jahrgang 1949, Redakteur im Feuilleton.

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