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Lotte Laserstein im Städel : Mit einem Hauch von Braun auf der Haut

Weiß im Schnee auf den Dächern, im Malkittel und im Laken: Lasersteins Vertraute als Akt „In meinem Atelier“, 1928 Bild: VG-Bildkunst 2018

Im Jahr 1928 gewann sie einen Wettbewerb für das schönste und charakteristischste deutsche Frauenporträt. Das Frankfurter Städel zeigt jetzt die zärtliche Kunst der Lotte Laserstein.

          Asche auf das Haupt der Kunstgeschichte: Eine Malerin wie Lotte Laserstein, 1937 nach Schweden exiliert, die sich schon 1930 mit dem monumentalen „Abend über Potsdam“ im Aufgriff von Leonardos Letztem Abendmahl, aber mit bedenklich schiefstehendem Tisch und einem grellgelb jüdischen Ausgegrenzten-Gewand im Zentrum, als melancholischem Abgesang in die Geschichte der Kunst einschreibt, die in ihren Akten Giorgione und Tizian ebenso gekonnt zitiert wie bei ihren Bekleideten Courbet oder Daumier und doch stets etwas Eigenständiges daraus formt – eine solche Malbegabung also bis zu einer ersten Ausstellung 2003 im Berliner „Verborgenen Museum“ zu vergessen, dazu gehört etwas.

          Stefan Trinks

          Redakteur im Feuilleton.

          Selbst die zweite Chance zur Wiederentdeckung der 1993 im Alter von fünfundneunzig Jahren in Schweden verstorbenen Künstlerin, nach dem Krieg, verstrich; inzwischen war in Deutschland gegenstandslose Abstraktion als Gegengift zur figürlichen Nazi-Kunst auserkoren und der unzureichend als „Neue Sachlichkeit“ charakterisierte Stil Lasersteins verpönt.

          Das Frankfurter Städel leistet nun Aufklärungsarbeit über die Verschollene, durch die erste umfassende Einzelausstellung außerhalb Berlins mit rund vierzig Gemälden unter dem sinnigen Titel „Von Angesicht zu Angesicht“. Denn es sind die Gesichter, mit denen die Malerin Unverwechselbares schuf und unser Bild der zwanziger Jahre erweitert.

          Zärtlichkeit im Pinsel

          Sie malt weniger die „Neue Frau“, nach der in der Weimarer Republik mit ihrer „Neu“-Manie alle suchen, auch wenn ihre Porträtierten Bubikopf und Zeitkostüm tragen – vielmehr die Frau an sich. Was aber ist dann das Alleinstellungsmerkmal und die Stärke dieser Malerin? Anders als etwa ihre Berliner Kollegin Jeanne Mammen stürzt sie sich nicht in das Nachtleben der Roaring Twenties, ist keine Gesellschafts-Chronistin, sondern aus der Distanz (an)teilnehmende Betrachterin, die sich für die innere Wandlung der Menschen in ebendieser Gesellschaft interessiert.

          Am sichtbarsten sind diese dezenten Annäherungen Lasersteins wie auch ihr malerisches Können in dem Porträt „Russisches Mädchen“ von 1928, das sie kontraststark wie Schneewittchen mit schwarzem Haar, heller Haut, kirschrotem Mund und dunkelroter Kappe typisiert, mit einem überzeichneten Oval als Kopfform wie bei Jawlenskys Ikonengesichtern. Es scheint unmöglich, hinter die Fassade dieses maskenhaften Gesichts zu dringen, aber Laserstein schreibt der Oberfläche alles Wissenswerte ein. Das Bildnis ist ein überraschend miniaturhaftes Konzentrat, in das sich der Kopf gerade so zu zwängen scheint.

          Auch das Bild „Tennisspielerin“ von 1929 ist aus Privatbesitz für die Ausstellung ins Städel gekommen. Bilderstrecke

          Das glatt lasierte Gesicht ist gleichmäßig wie von feinem Puder überstäubt; gut erkennt man, dass Laserstein innerhalb der Gesichtsfläche nahezu überall die Pinselstriche abrupt gegeneinandersetzt, indem sie etwa den Pinsel unterhalb des Auges vertikal und dreiecksförmig nach unten zieht, um diagonal von links und von rechts horizontal dagegen zu malen. Am extremsten vollzieht sie dieses Gegeneinandermalen in der grellroten Mundpartie, auf die von allen Seiten die Pinselstriche wie Lemminge zulaufen, um ins Schwarz des leicht geöffneten Mundes zu stürzen. Durch diese bei aller Glätte reliefhaften Oberflächen besitzen ihre Porträts eine Dynamik, wie sie vergleichbar nur sehr wenige andere Maler in den Zwanzigern erzeugten.

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