20.09.2005 · Auf dem Trafalgar Square im Herzen Londons sorgt eine neue Skulptur für Aufsehen: Eine Marmorfigur zeigt die Künstlerin Alison Lapper, die ohne Arme und mit zwei Beinstümpfen geboren wurde.
Von Gina Thomas, LondonTrafalgar Square ist der Punkt, von dem aus alle Entfernungen von der Hauptstadt gemessen werden. Hier kommen die drei Eckpfeiler der Nation zusammen: Politik, Krone und Kommerz. Südlich davon liegen das Parlament und die Ministerien, im Westen hat die Königin ihre Residenz, und im Osten verbindet der Strand den Platz, der oftmals als Herz der Nation bezeichnet worden ist, mit der City.
Am Trafalgar Square versammeln sich die Londoner, um ihr Mißfallen und ihrer Freude kundzutun. Hier enden alle großen Demonstrationen und beginnen viele Feiern. Die symbolische Bedeutung des Platzes im nationalen Bewußtsein läßt sich schwer übertreiben. Daher auch das Aufsehen, das eine jetzt vom Londoner Bürgermeister Ken Livingstone enthüllte Skulptur am Trafalgar Square erregt.
Ein leerer Sockel
Seitdem dieser Knotenpunkt Mitte des neunzehnten Jahrhunderts angelegt wurde, steht der Sockel in der nordwestlichen Ecke leer. Ein Reiterstandbild sollte die anderen Denkmäler imperialer Helden vervollständigen, aber es fehlten die Mittel dazu. Vor einigen Jahren tat sich eine Gruppe zusammen, um eine passende Skulptur auf diesen Sockel zu heben. An Vorschlägen mangelte es nicht. Von Nelson Mandela und Gandhi bis hin zur Königinmutter und Prinzessin Diana fanden viele Figuren eine Lobby. Um die Debatte über eine langfristige Lösung zu beleben, entschied sich die Königliche Gesellschaft zur Förderung von Kunst, Manufaktur und Kommerz statt dessen, drei zeitgenössische Bildhauer zu beauftragen, deren Werke über mehrere Monate hinweg im Turnus auf dem Platz zu besichtigen waren.
Der Erfolg dieser Rotation führte zur Berufung eines neuen Gremiums, das ein künstlerisches Programm für den „vierten Sockel“ gestalten sollte. Aus einem Wettbewerb ging Marc Quinn mit seiner Maquette „Alison Lapper Pregnant“ als Sieger hervor. Der Bildhauer war in der von Charles Saatchi geförderten Gruppe von „Sensations“-Künstlern mit einer Büste aus gefrorenem Blut hervorgetreten, die als Metapher der Vergänglichkeit dienen sollte: Von dem Porträt bleibe nur noch eine Blutlache, wenn man den Stecker aus der tiefgekühlten Vitrine zöge, so wie auch das Leben mit einem Schlag ausgelöscht werden könne und alles zu Asche werde. Für den Sockel hat sich Quinn eine neue und nicht weniger banale Provokation ausgedacht. Diesmal versucht er, das herkömmliche Schönheitsideal, wie es die teils fragmentierten Antiken im Museum verkörpern, mit einem ungewöhnlichen Frauenakt auf den Kopf zu stellen.
Noch lange kein Kunstwerk
Sein Sujet ist die vierzig Jahre alte Alison Lapper, die aufgrund eines genetischen Defektes ohne Arme und mit zwei Beinstümpfen geboren wurde. Mit ungeheurem Mut hat sie sich gegen alle Widrigkeiten durchgesetzt. Dafür verdient Frau Lapper den allerhöchsten Respekt. Das will aber noch lange nicht heißen, daß ein Abguß ihrer im achten Monat schwangeren, nackten Figur, fast vierfach vergrößert auf 3,55 Meter und mit mechanischen Meißeln in Marmor umgesetzt, ein Kunstwerk ist, selbst wenn jedes der drei Exemplare ein Preisschild von einer halben Million Pfund trägt. Da mag Quinn noch so sehr posaunen, daß er den Ausgleich schaffe für das bisherige Fehlen einer „positiven Darstellung“ der Körperbehinderung in der Kunstgeschichte oder daß er „dem größten Phallus-Symbol Europas“ (Nelsons Säule) ein Sinnbild von Weiblichkeit und Mutterschaft zur Seite gestellt habe.
Die glatte Ausführung, die gewaltige Dimension, die kalte Pracht des Carrara-Steines und die propagandistische Absicht dahinter lassen vielmehr an den Bombast der faschistischen Bildhauerei denken. Offenbar hat der Affekt gegen alles, wofür die alten Skulpturen am Trafalgar Square stehen, die Befürworter dieses Denkmals an die politische Korrektheit vergessen lassen, daß der Platz bereits eine „positive Darstellung der Körperbehinderung“ besitzt in der Gestalt Nelsons, dem ein Arm und das Sehvermögen an einem Auge fehlten. Der Admiral kehrt dem Neuankömmling, der achtzehn Monate auf dem vierten Sockel thronen wird, bevor Thomas Schüttes „Vogelhotel“ an der Reihe ist, denn auch demonstrativ den Rücken.