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Veröffentlicht: 07.04.2014, 15:59 Uhr

Lenin-Museum wieder eröffnet Ein Krokodil für Wladimir Iljitsch

Zwanzig Jahre nach seiner Schließung ist das Lenin-Museum in Moskau wieder da: Kitsch und Kunst für Sankt Bolschewik in der Schau mit dem Titel „Der Mythos vom geliebten Führer“.

von , Moskau

Am Roten Platz, der in nachsowjetischer Zeit mit Kasaner Kathedrale und dem Torbogen der Auferstehung der Gottesmutter seine vorstalinistisch-christlichen Gesichtszüge zurückerhalten hat, ist, zwanzig Jahre nach seiner offiziellen Schließung, soeben auch das Lenin-Museum wieder auferstanden.

Kerstin Holm Folgen:

Im schmucken roten Ziegelbau, der im Revolutionsjahr 1905 für die Moskauer Stadt-Duma erbaut wurde und heute eine Filiale des Historischen Museums beherbergt, hat die langjährige stellvertretende Direktorin des seit 1924 hier untergebrachten Museums des russischen Revolutionsführers, Tatjana Koloskowa, die prachtvolle Lenin-Memorabiliensammlung in ganzer Fülle endlich wieder ausgebreitet, bereichert um liebevoll gefertigte Geschenke an Lenin und Stalin aus den tiefsten Sowjetprovinzen, aber auch aus fernsten Ländern.

Dazu kommen, als Dokumente einer geplanten, dann aber dem politischen Tauwetter zum Opfer gefallenen Gedenkstätte, bisher kaum gezeigte Reliquien aus Stalins Moskauer Datscha, dem letzten Wohnsitz des Diktators. Die Laufzeit der Schau mit dem Titel „Der Mythos vom geliebten Führer“, vorerst bis zum 13.Januar 2015, wirkt wie die Probezeit für eine dauerhafte Einrichtung.

Dramatische Rettung der Bestände

Tatjana Koloskowa, stolz auf ihre Leistung und ihr Stehvermögen, legt zugleich Wert auf die Feststellung, dass es sich um eine historisch distanzierte, ideologiefreie Ausstellung handelt. Doch heute pflegten die Kulturnationen bewusst das, was ihr jeweiliges Alleinstellungsmerkmal darstelle, merkt sie an, und dazu gehörten im Fall der Hauptstadt des sowjetischen Imperiums nun mal die unvergleichlichen Hervorbringungen einer weitverbreiteten revolutionären Volksfrömmigkeit. Auch die Besucher des 1993 förmlich umgewidmeten Lenin-Museums seien in ihrer Mehrzahl einfache Leute gewesen, meint Frau Koloskowa. Hohe Parteifunktionäre hätten hier nicht ihre Zeit vertan.

Umso dramatischer geriet die Rettung der Bestände, als nach dem August-Putsch von 1991 die Stadt Moskau dem Haus mitten in der Urlaubssaison von einem Tag auf den anderen die Nachtwache entzog. Damals schleppte Tatjana Koloskowa in einer Blitzaktion, fast auf sich allein gestellt, alle tragbaren Exponate in die Magazine.

Die versammelten Gemälde, Statuen, Kultgegenstände beeindrucken durch die andachtsvolle Konzentration, womit einzelne Künstler oder ganze kunsthandwerkliche Kollektive sich in ihren hagiographisch vorgegebenen Gegenstand vertiefen und ihn überhöhen. Aus ihnen hebt sich einzigartig expressiv und eigenwillig die überlebensgroße Holzbüste des schreienden, „nichtkanonischen Lenin“ hervor, eine Art revolutionärer Schmerzensmann, den der vegetabil versponnene Moskauer Bildhauer Sergej Konjonkow 1921 in weiches Birkenholz schnitt.

Prophetisch, offiziös und verschmitzt

Sehr wertvoll auch die wenigen Bleistiftzeichnungen, die einige Künstler – wie Filipp Maljawin, Natan Altman, Leonid Pasternak – zu Lebzeiten von Lenin anfertigten und wo das „asiatisch“ undurchdringliche Lächeln des Bolschewikenführers eingefangen ist. Denn der Tod machte Lenin zur Ikone. Ihn aufgebahrt zu porträtieren wurde zur Staatsaufgabe. Der Bildhauer Iwan Schadr modellierte sein Antlitz mit angespannter Stirn nach, wie gezeichnet von letzter großer Gedankenanstrengung. Der Maler Sergej Maljutin verleiht der sterblichen Hülle klassisch bedeutsame Züge. Als geglücktestes postumes Bildnis galt den Zeitgenossen die kleine, fein lakonische Aquarellskizze von Kusma Petrow-Wodkin.

Danach verwandelte Lenin sich in jenes Idol, das in immer neuen Minimalvariationen, die in der Provinz auch unfreiwillig komisch ausfallen konnten, obligatorisch jede Behörde, jede Hochschule, jeden Kulturpalast im Sowjetreich zierten und den Sowjetbürgern zwischen Kursk und Kamtschatka ein gemeinsames Heimatgefühl vermittelten.

Ein Schöpfer des kanonischen „Iljitsch“, wie man den Gründervater des Sowjetstaats familiär beim Vaternamen nannte, Bildhauer Nikolai Andrejew (1873 bis 1932), hatte sein Modell nie lebend gesehen und knetete vielleicht deshalb so viele schöne prophetisch, offiziös oder gar verschmitzt dreinblickende Lenins – die Schau präsentiert auf einer Regalwand neunzig Klone –, die wenngleich nicht seinen Kollegen Sergej Merkurow, der Lenin die Totenmaske abnahm, überzeugte, dafür aber Generationen von Nachgeborenen. Von bezwingender Kraft, weil von jeder Anschauung frei, ist auf magisch strenge Art der hölzerne Leninkopf, den japanische Genossen 1977 der Gabensammlung der Sowjetführer verehrten.

Sauberkeit und Ordnung

Mit einem Humor begabt, der eines Stalin würdig gewesen wäre, zeigten sich jene Werktätigen aus Brasilien, die für den sowjetischen Völkervater das wahrscheinlich passendste Geschenk gefunden hatten: eine Aktenmappe aus edlem Krokoleder, aus dem – wie ein maliziöses Versprechen ewigen Ruhms – der grinsende Oberkiefer und die mumifizierten Vorderpfoten eines jungen Amazonaskrokodils hervorragen. Daneben sind Dinge aus dem persönlichen Besitz des für seine private Bescheidenheit gerühmten Despoten zu bewundern: außer der kapitalen Pfeifensammlung sein abgeschabter Sommermantel, die alte Fuchsmütze, die veilchengrüne, goldbetresste Paradeuniform.

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Im hölzernen Garderobenschrank hing Stalins Mantel immer am äußersten linken Haken, erklärt Tatjana Koloskowa. Stalin, der unmittelbar nach dem Sieg über Nazi-Deutschland erklärte, die Hitlers kämen und gingen, das deutsche Volk aber und der deutsche Staat blieben bestehen, war Geld gegenüber gleichgültig. Und er legte größten Wert auf Sauberkeit und Ordnung, verkündet Kuratorin Koloskowa, die sich, man hört es an der Wärme ihrer Stimme, zumindest hierin mit Russlands Horrorherrscher solidarisiert.

Glosse

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