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Leipziger Paulinum Hier steh ich nun, ich armer Tor

 ·  Streit um Innenausstattung, bankrotte Architekten, Verzögerungen der Bauzeit und hohe Kosten säumen den Weg dieses Bauprojekts: Im Ergebnis verstrahlt das Leipziger Paulinum mehr Warenästhetik als Weisheitsglanz.

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© Foto Bartetzky Vergrößern Aula, Kirche, Warenhaus: Das Leipziger Paulinum bleibt unentschieden

Am 30. Mai 1968 verwandelte ein Sprengkommando des SED-Regimes Leipzigs gotische Universitätskirche St. Pauli in Schutt. Es war ein Denkmalsturz von doppelter Zerstörungskraft. Er vernichtete ein bedeutendes, im Krieg unversehrt gebliebenes Kulturdenkmal - und er vergiftet bis heute das Klima der Leipziger Debatten über verantwortungs- und geschichtsbewusstes Bauen.

Seit der frühen Nachwendezeit spaltete ein erbitterter Streit über den Wiederaufbau die Bevölkerung. Während in Dresden die Rekonstruktion der Frauenkirche als Versöhnungsbotschaft wirkte, schürte in Leipzig der für den Nachbau der Universitätskirche kämpfende Paulinerverein Hass gegen Andersdenkende. In dieser Atmosphäre geriet 2002 ein Architekturwettbewerb zur Umgestaltung des Universitätscampus, der in DDR-Zeiten auf dem Areal errichtet worden war, zum Debakel.

Streit um Innengestaltung

Nachdem es den Rekonstruktionsanhängern gelungen war, den Siegerentwurf, der anstelle der Kirche einen strengen Kubus vorsah, zu kippen, folgte 2004 ein „Qualifizierungsverfahren“ mit geladenen Teilnehmern. Dessen Sieger, der Rotterdamer Architekt Erick van Egeraat, entwarf einen Bau, der mit einem gotisierenden Giebel an die verschwundene Kirche erinnert, sich zugleich aber mit exaltierten Formen und glänzenden Oberflächen plakativ zeitgenössisch gibt. Die Presse feierte den Entwurf, der die beiden Lager versöhnen sollte, als Befreiungsschlag, das Stadtpublikum war überwiegend begeistert.

Bald aber stritt man um den Status und die Innengestaltung des neuen „Paulinums“. Für den Paulinerverein war der Neubau eine Kirche, die Universität plante ihn aber als Aula mit beigefügtem Andachtsraum. Ein Kompromiss erbrachte schließlich die verkorkste Bezeichnung „Kirche-Aula-Bau“ - aber keine Ruhe. Nun stritt man um den Einbau einer Glaswand, die den Andachtsraum, ausgestattet mit geborgenen Kunstwerken der historischen Paulinerkirche, von der Aula abtrennen soll.

Verzögerung der Bauzeit

Die Universität nennt raumklimatische Anforderungen für den Schutz der Exponate als Grund. Die Kritiker unterstellen ihr dagegen religionsfeindliche Motive. Dabei schlagen sie einen zunehmend martialischen Ton an. So beschimpfte kürzlich der Leipziger Bundestagsabgeordnete Thomas Feist (CDU) den aller DDR-Sympathien unverdächtigen Kustos der Universitätssammlungen, Rudolf Hiller von Gaertringen, als „willigen Vollstrecker der kommunistischen Universitätssäuberung“, weil dieser konservatorische Bedenken gegen die geplante Aufstellung der geretteten Kirchenkanzel in der Aula äußerte.

Nicht nur deswegen hatte die Leipziger Universität an dem Neubau am Augustusplatz bisher wenig Freude: Eine Kündigung des Generalunternehmers, Prozesse um Urheberrechtsstreitigkeiten mit Egeraat und die Pleite seines Architekturbüros infolge der Finanzkrise verdreifachten bisher die Bauzeit. Die Fertigstellung des Paulinums, das 2009 zur Sechshundertjahrfeier der Universität eröffnet werden sollte, wird nun für Ende 2014 angestrebt.

Das benachbarte, ebenfalls von Egeraat entworfene „Neue Augusteum“, das den zusammen mit der Kirche gesprengten klassizistischen Universitätshauptbau ersetzt, wurde mit dreijährigem Verzug erst im Herbst 2012 vollständig in Betrieb genommen. Hinzu kommt die Kostenexplosion: Mit bisher vorsichtig geschätzten 250 Millionen Euro wird der ins Sparen verliebte Freistaat Sachsen für den neuen Campus fast das Doppelte der ursprünglich veranschlagten Summe ausgeben.

All der Ärger ließe sich verwinden, wäre er nicht von einem architektonisch derart bedeutenden Bauprojekt verursacht, das obendrein gleichsam das „Gesicht“ der Universität ist. Genau hier liegt das Hauptproblem: Mit den effekthascherischen Verrenkungen und dem gleisenden Spiegelglas der Fassaden schwankt das Ensemble aus Paulinum, Neuem Augusteum und einem benachbarten, gleichfalls von Egeraat gestalteten Geschäftshaus zwischen der marktschreierischen Kommerzästhetik einer Mall und postsowjetischem Neurussenschick.

Exzentrik und gestalterisches Unvermögen

Während sich die Paulinerkirche in die Platzfront einordnete, tut ihr Nachfolger alles, um sich in den Vordergrund zu drängen. Über dem pathetischen Giebel mit Fensterrose und Maßwerkimitaten buhlt ein glitzernder Riesenglasbuckel um Aufmerksamkeit. Wie zum Hohn sind hier, über der noch im Ausbau befindlichen, die Kubatur der einstigen Kirche einnehmenden Aula, Seminarräume und Büros gestapelt. Damit nicht genug der unfreiwilligen Komik: Zum Schutz vor Sonneneinstrahlung krönt den Bau eine klobige Lamellenkonstruktion, die die Transparenz des Glasdachs karikiert und an den Schuppenpanzer eines fetten Reptils erinnert.

Aggressive Exzentrik paart sich mit gestalterischem Unvermögen und Schlampigkeit. Der Freistaat Sachsen muss für den Fehlgriff tief in die Tasche greifen. Leipzigs Universität büßt für ihn mit funktionalen Nachteilen, etwa der Raumverschwendung durch tote Ecken, verwinkelte Gänge und wirre Treppen in den Obergeschossen des Paulinums - und vor allem mit dem Imageschaden durch einen Bau, der sich nicht im Ernst als Visitenkarte vorführen, aber auch nicht verstecken lässt.

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