01.06.2006 · Vera Lehndorff war in den 60er Jahren unter dem Pseudonym Veruschka eines der meistgebuchten internationalen Modelle. Der Schriftsteller Wolf Wondratschek über seine Begegnungen mit Veruschka.
Von Wolf WondratschekWir begegneten einander, glaube ich, vor gut dreißig Jahren im Haus deiner Mutter, einer Art Gutshof im niederbayerischen Peterskirchen, zum ersten Mal, alles ein wenig abgeschieden, still wie die kleine improvisierte Silvesterparty, in die ich hineinplatzte.
Kein Lärm, kein lautes Sprechen, angenehm. Ich weiß gar nicht mehr, wer mich mitgenommen hat, aber ich war hemmungslos neugierig auf dich. Ich will mal ein paar Dinge aufzählen, die ich mit deinem Namen damals, als wir da hinterm Schnee nach dem Weg zu dir suchten, in Verbindung brachte: die Happening-Aktionen mit Dali, den Film „Blow up“ von Antonioni, Jahre mit einem italienischen Lover, einem gewissen Rubartelli (du siehst, ich war, selbst was römische Klatschgeschichten anging, auf dem laufenden), ständig in Zeitschriften, die man, wenn du drin warst, nie wegwerfen wollte.
Kunst ist kein Beruf
Um mir selbst eine Freude zu machen, will ich wenigstens ein paar der Fotografen aufzählen, mit denen du gearbeitet hast, darunter die weltbesten: Avedon, Newton, Penn, Bailey, Cecil Beaton. Kind, was willst du mehr? Noch dazu warst du inzwischen ja selbst zur Künstlerin geworden, um dem Endgültigen deiner Karriere etwas entgegenzusetzen, was in dir erst im Entstehen war. Ich sehe dein Gesicht vor mir. Künstlerin? Nimm das gefälligst zurück, sagt es. Laß das. Es genügt, daß wir die Sache, die wir machen, ernst nehmen. Kunst ist kein Beruf, es ist die Art, wie man einen Beruf ausübt.
Viele Jahre später, einander in freundschaftlicher Zuwendung zugetan, trafen wir uns wieder in New York, wo du, blutjung und unbekannt, mit dem Satz ICH BIN VERUSCHKA! debütiert und die Modewelt mit geheimnisvollen Details einer treffsicher erfundenen Biographie a la russe fasziniert hattest - im zweiten Anlauf. Der erste, ein heißer Sommer, Testfotos in geliehenen Kleidern und einer Frisur, die dich dein letztes Geld gekostet hatte, war so folgenlos geblieben, daß sich niemand an dich erinnerte, als du mit einem Plan zurückgekehrt bist und der Coup gelang, deine allen unvergeßliche Inszenierung - schwarz gekleidet, jede Bewegung wie in Zeitlupe, ein Wesen, das nicht sprach, außer eben, und das leise, mit unnachahmlicher Verschwiegenheit: ICH BIN VERUSCHKA. Woraufhin Diana Vreeland zum Hörer griff!
Lange her und, ganz nach deinem Geschmack, vorbei. Ruhm ist anstrengend - und ein Laufsteg kein Ort, sich auszustrecken. Das alles hast du jetzt, wo es keinen Grund zur Eile mehr gab, heruntergespielt.
Geliebt und bewundert
Wir gingen spazieren, die 7. Avenue runter zum Central Park, du eine Indianerin, lang wie ein Lichtstrahl, von mir geliebt und bewundert. Ich weiß noch, worüber wir sprachen. Ich wollte, daß du Gary heiratest, Gary Indiana, unseren Freund, einen zwergenhaften, überaus unterhaltsamen, schwulen Schriftsteller, in dessen Gegenwart alles Heilige lächerlich war, aber das Lachen darüber seine heilsamste Wirkung entfaltete. Marilyn Monroe und Arthur Miller war eine Lüge gewesen wie Sartre und die de Beauvoir auch. Dagegen Gary und du, redete ich auf dich ein, sein Humor und deine Gliedmaßen, du Schutz suchend vor den Posen der Unsterblichkeit und den Zumutungen einer internationalen Karriere, vor den Affären, die du mit der visuellen Intelligenz derer hattest, die dich ablichteten, Schutz vor dem Dauerzustand eines gewissen Schwebens, von dem man fürchtet, daß es in einem Fallen, schlimmstenfalls in einem Aufprall endet. Wer ist man, wenn man hundert Stunden hergerichtet wird, aus- und an- und umgezogen, frisiert, geschminkt, ja bemalt wird, wenn man ganz lebendig sein und gleichzeitig vollkommen stillhalten muß? Und was gehört einem noch von sich danach auf dem Nachhauseweg?
Auf dem Briefchen mit den Streichhölzern, die ich dir reichte, stand: „Tradition ist die Weitergabe des Feuers und nicht die Anbetung der Asche.“ Man sieht nichts, hast du einmal über deine Bilder, deine Aschebilder, gesagt, genau das ist es. Ich fand euch ein ideales Paar, bei dem wie bei einem Kunstwerk, wie recht du hast, das Wesentliche auch unsichtbar ist.
Unterwegs zwang mich ein gelangweiltes: Ach, da war ich auch mal drauf vorne! in die Knie, um in einem Haufen alter LIFE-Hefte, die ein Händler auf der Straße ausgebreitet hatte, nach genau dieser Ausgabe zu suchen.
Sogar Madonna verehrte dich
Dann, wieder eine Ewigkeit später, der schöne lange Tag in Paris, in deiner kleinen Wohnung in der rue du Moulin Vert. Um die Ecke hatte Giacometti sein Atelier gehabt. Abends die Verabredung im Bain Douche, zu der du mich batest, dich zu begleiten, eine Party, die Nadja Auermann schmiß. Wie dich alle, die nach dir gekommen sind, verehrten, sogar Madonna, die lange nach Mitternacht mit Gefolge eintraf. Alle sind da, sagtest du, na ja. Es klang gleichgültig und glücklich, mit einem Unterton von Mitgefühl für die jüngeren, in der Branche gerade aktuell gefeierten und entsprechend kaputten Kolleginnen, denen noch alle die Notwendigkeit zu schaffen macht, unter allen Umständen, ob indisponiert oder narkotisiert (oder logischerweise beides zugleich), gefallen zu müssen. Die Zeremonien der alten Mode-Kultur gehörten der Vergangenheit an. Ich fing wieder mit Gary an. Du solltest ihn, sagte ich, heiraten, unbedingt, und sei es nur, weil er noch häßlicher ist als Jean-Paul Gaultier, der auch rumschwirrte, und einfach amüsanter als die Erfolgreicheren.
Unser Tag war wie ein Geschenk. Zeichnungen auf dem Tisch. Nachmittagssonne. Musik von Berlioz. Bekifft im La Tunisie, einer Kneipe in der rue d'Alesia, wo wir uns mit Vorspeisen begnügten, weil du vorhattest, zu Hause noch zu kochen. Um Gottes willen, Vera, kochen, und was? Fisch! Nein, auch noch ausgerechnet Fisch? Willst du, daß wir alle beide den Rest des Abends nach Fisch stinken? Gib den Fisch Äfflein, deinem Liebling, dem grauen Kater. Und außerdem müssen wir in einer halben Stunde weg! Was dich, völlig ruhiggestellt von hohen Anteilen konzentrierter Energie und dem Zeitgefühl einer ostpreußischen Adligen, nicht davon abhielt, dich in die Küche zu begeben; ich hinterher, um nur ja nichts von der Geschichte mit Azzedine Alaia zu verpassen, die zu erzählen du schon im Tunisie begonnen hattest - ich werde mich ihrer Jahre später erinnern und sie in meinem Roman „Kelly-Briefe“ (1998) nacherzählen, deiner gedenkend und dankend, die Geschichte des Jungen, der die Hunde reicher Pariserinnen ausführte; die gleichen Damen, die ihn dann seiner Mode wegen vergötterten.
Der Fisch war längst fertig, nur die Geschichte noch nicht. Und gleichzeitig wollte ich mir das Rezept einprägen, wie man Fisch völlig umstandslos und ohne daß danach Haut, Haar und Kleidung nach Fisch riechen, zubereitet? Ganz einfach. Wasser in einem Kessel erhitzen und kochen lassen, abdecken mit einem Teller, die Fischfleisch-Filets drauf legen, das Ganze nach Geschmack salzen und garen lassen.