07.05.2009 · Die New Yorker Künstlerin Laurie Anderson gibt eines ihrer seltenen Konzerte in Berlin. Ein Interview über festgefahrene Rollen und neue Muster, Cowboys und Geschäftsmänner und die Gefahr bei Multimediaarbeiten.
Laurie Anderson, Sie haben mit fünf Jahren begonnen, Geige zu spielen, und besitzen ein großes Archiv mit persönlichen Notizen, Fotos, Briefen und Tagebüchern. Wenn man Ihre Arbeit betrachtet, stellt man fest, dass Sie vor allem Geschichten erzählen. Sehen Sie sich als Geschichtenerzählerin?
Ich werde zwar immer als Multimediakünstlerin bezeichnet, aber wenn ich Medien einsetze – also Bilder, Video, Licht, Sound und Elektronik – dann tue ich das tatsächlich immer nur, um eine Geschichte zu erzählen. Meine Show „The End of the Moon“ war eigentlich ein langes Gedicht. Es dauerte neunzig Minuten. Als ich damit anfing, war es schwierig. Die Gefahr bei Multimediaarbeiten ist ja immer, dass es schnell zu viel wird: Zu viele Bildschirme, zu viele Videoleinwände, zu viele Soundeffekte. Das gehört heute zu unserem Alltag. Eine Autofirma bringt ein neues Auto heraus und was macht sie: eine Multimedia-Show. Modefirmen machen es nicht anders. Es ist also nichts Besonderes, wenn heute jemand auf einen Knopf drückt und etwas geht los. Ich aber nutze Medien nur auf solche Weise, dass sie einer Geschichte dienen. Wenn sie keinen Nutzen für die Geschichte haben, fliegen sie hinaus.
In Ihren Arbeiten fallen zwei große Themen auf: Kommunikation und Alltag sowie ihre jeweilige Wechselwirkung.
Ich habe sehr viele Themen, aber ich glaube, mein größtes Thema ist die Zeit. Das habe ich in „The End of the Moon“ bearbeitet. Ich zitiere hierzu gern Jean-Luc Godard, der gesagt hat: „Jede Geschichte hat einen Anfang, eine Mitte und ein Ende. Aber nicht unbedingt in dieser Reihenfolge.“ Das gefällt mir. Auch mein Leben ist keine geradlinige Erzählung. Es kommen zwar eine ganze Menge Charaktere ständig darin vor, aber mein Leben hat keine eigentliche „Handlung“. Man kann es nicht mit einem Werk der Literatur oder mit einem Theaterstück vergleichen. Ich achte mehr darauf, wie wir im Moment leben, und nicht so sehr darauf, wie das in eine bestimmte Lebenserzählung hineinpasst, die irgendwelche Anfänge und Enden hätte. Kommunikation interessiert mich insofern, als sie unsere Zeit total bestimmt. Man hört überall nur noch „Ich, ich, ich“, „Ich denke“, „Ich finde“, kurz: „mein Auto, mein Haus, mein Beruf“. Das sind unsere Wurzeln. Dieses Ego muss sich heute permanent gegen die Massenmedien verteidigen.
Haben Sie denn auch andere Erfahrungen gemacht?
Ja, zum Beispiel in Japan, wo ich gearbeitet und gelebt habe. Da gibt es noch eine Kommunikation in Form der Schüler-Lehrer-Beziehung. Bei uns im Westen gibt es eigentlich nur die Liebesbeziehung. Die Lehrer-Schüler-Beziehung ist verschwunden. Als Solo-Performerin gestalte ich meine Beziehung zum Publikum als eine Art Kommunikation. Ich mache Angebote und sage zum Beispiel: „Es könnte so sein, es könnte aber auch so sein. Was meinen Sie?“ Am Ende sollte daraus eine Unterhaltung mit dem Publikum entstehen. Das hoffe ich jedenfalls.
Sie beziehen bei Ihren Performances das Publikum ein, überraschen es mit Gedankenwendungen. Und es gibt bei Ihnen viele Brüche, die Sie „jump cuts“ nennen.
Ja, ich rege an, ich provoziere. Ich fordere heraus. Dabei habe nichts zu sagen oder zu lehren. Ich will die Leute nicht überzeugen. Ich interessiere mich dafür, wie der menschliche Geist funktioniert. Dafür benutze ich gewisse Mittel, etwa den „jump cut“, um zu sehen, wie das abläuft. Oder ich nehme einen anderen Umweg, um die Menschen aus ihren Mustern herauszuschütteln. Zu Beginn des einundzwanzigsten Jahrhunderts muss man da besonders konsequent sein: Wie soll man als Frau des einundzwanzigsten Jahrhunderts denken und fühlen? Wie als Mann? In den Vereinigten Staaten sind diese Rollen sehr festgelegt. Und ich finde, da gibt es schreckliche Fallen. Für einen Mann gibt es doch nur zwei oder drei Rollen: Der Geschäftsmann, der vorgibt, sich für Dich zu interessieren, der Dir aber nur etwas verkaufen will. Oder der Cowboy: Der ist ein bisschen freier in dem, was er tut. Aber wenn man diese Rollen verlässt, wird man zurückgewiesen. Ich glaube, die Menschen haben große Lust, diese festgefahrenen Rollen zu verlassen und neue Muster auszuprobieren, neue Rollen zu spielen.
Sie haben als Avantgardekünstlerin fast jedes Medium eingesetzt. Licht- und Soundeffekte und viel Elektronik. Sie trugen ein Mikrofon in ihrer Brille oder am Kehlkopf. Sie spielen aber immer noch Geige. Mögen Sie den physischen Kontakt zu diesem Instrument, im Gegensatz zur „kalten“ Elektronik?
Die Geige, die ich spiele, ist vollgepackt mit Elektronik. Sie hat keinen Resonanzboden, keinen Atem. Sie ist ein rein elektronisches Instrument. Aber ich kann sie in die Hand nehmen und mit ihr herumgehen, was man mit einem Klavier nicht kann. Sie ist wie ein Tanzpartner. Auch wer Saxophon spielt, kann damit beim Spielen tanzen. Das Körperliche an der Geige gefällt mir. Außerdem habe ich elektronische Filter entwickelt. Mit diesen kann ich die Obertöne oder die Zwischentöne der Geige herausfiltern. Sie sind normalerweise für das menschliche Ohr nicht zu hören, die Filter aber fangen sie ein und verstärken sie. Das klingt dann wie mongolische Obertöne oder wie kaum wahrnehmbare Harmonien. Es sind gespenstische Töne, ein Geisterklang. So setze ich meine Geige ein.
Sie geben selten Konzerte. Liegt das daran, dass Sie Ihr Publikum immer wieder überraschen wollen? Oder dass Sie es immer wieder neuen Situationen aussetzen wollen?
Ich mag Überraschungen, aber ich bin keine professionelle Tourmusikerin. Deshalb mache ich das nicht die ganze Zeit. In den vergangenen Jahren habe ich zum Beispiel viel Zeit damit verbracht, in Japan Gärten anzulegen. Oder ich habe Filme geschrieben und gedreht. Ich gehe nur ab und zu auf Reisen und habe keinen regelmäßigen Tourneeplan. Ich habe ja nicht einmal eine Crew. Wenn ich reise, dann immer allein. Ich komme irgendwo an mit meinem Laptop und den Geigen, stelle die Elektronik auf, und dann geht es am Abend los.
Wie haben Sie sich Ihre Neugier bewahrt?
Je älter ich werde, um so weniger weiß ich etwas. Ich weiß es wirklich nicht. Umso mehr strenge ich mich an, aufzupassen, da zu sein, den Moment zu erleben und nicht den vorgefassten Meinungen zu folgen. Ich bin wieder neugierig auf die Welt wie ein Kind, das die Dinge in die Hand nimmt und herausfinden will, wie sie funktionieren. Man kann als Mensch manchmal ziemlich einsam sein. Man kann sich auch verrennen und den Blick völlig verengen. Ich versuche immer, dagegen Fragen zu stellen: Warum macht man das? Was ist das? Und die Antworten, die ich finde, gelten immer nur für einen Tag. Was ich am wenigsten will, ist zu funktionieren wie ein Automat.
Laurie Anderson spielt am Freitag, den 8. Mai, um 20 Uhr in der Universität der Künste in Berlin, Hardenbergstraße 33.