04.12.2008 · Melancholie und Welterfindung aus dem Geist eines besonderen Himmelskörpers: Die zweite Kunsttriennale in Turin zeigt, was die Künstler der Gegenwart umtreibt. Und womit die Leiterin der nächsten Documenta derzeit zu tun hat.
Von Niklas Maak, TurinIn Turin liebt man die Schattenseiten des Alls. Zusammen mit London und San Francisco gilt die italienische Stadt als Teil eines „Dreiecks der schwarzen Magie“, Okkultisten pilgern zur Fontana di Frejus, in deren Engel sie Luzifer erkennen wollen; der Alchemist, Astronom und Astrologe Nostradamus trieb sein Unwesen am Hof Emanuele Filibertos - und so ist der Titel dieser Kunsttriennale fast naheliegend: „50 Moons of Saturn“ heißt das Thema, unter das der Kurator der Schau, Daniel Birnbaum, die Triennale gestellt hat, was, einerseits, eine Hommage an die Stadt der Planetenforschung und des Sternenglaubens ist, andererseits ein Versuch, eine Grundstimmung zu umreißen, die viele Werke der jüngeren Kunst beherrscht. Und diese Grundstimmung ist eben nicht nur das Gefühl des Verlusts, eine diffuse Melancholie und Handlungshemmung, die traditionell mit dem Planeten und den in seinem Zeichen grübelnden Künstlern assoziiert werden.
Im Zeichen des Saturn stehen auch der geschärfte Blick, der aus dem Gefühl des Bedrohten, Prekären wächst, und die Utopie, die im Zentrum der antiken Saturnalien stand: Bei dem römischen Fest zu Ehren Saturns wurden die Klassenunterschiede für einen Moment aufgehoben, Herren bedienten ihre Sklaven. Nichts ist sicher, alles kann anders werden: Saturn ist auch der Gott der metamorphotischen Euphorie, der großen Umstürze, Neuanfänge, Weltentwürfe.
Apokalyptischer Kampf der Eindeutigkeit gegen die Unbestimmbarkeit
Eine solche saturnische Utopie zeigt der amerikanische Künstler Paul Chan - der in Turin auch sein neues Langzeitprojekt zu de Sade vorstellt - in seinem Film „Happiness“. Der Film erinnert an die zitternden Welten früher Videospiele; wir sehen einen utopischen Kosmos, in dem Mädchen, die den pathologischen Bilderbüchern Henry Dargers entstiegen zu sein scheinen, über Wiesen hüpfen und wilde Spiele veranstalten, bis man erkennt, dass es sich bei ihnen um Hermaphroditen handelt, um Zwitterwesen mit zwei Geschlechtern. Dass sie in dem Moment, in dem sie ihre Doppelgeschlechtlichkeit enthüllen, vor einem Gemälde von Mark Rothko zu sitzen kommen, ist kein Zufall: Rothko hatte in den vierziger Jahren obsessiv Hermaphroditen gemalt, und auch seine späteren abstrakt glühenden Bilder sind Versuche, mit nebligen Farbfeldern einen hermaphroditischen Raum zu erfinden - einen Raum, der Tiefe hat, aber nicht perspektivisch ist, also kein eindeutiges „Vorn“ und kein „Hinten“ kennt.
Chan baut diese Utopie weiter: Die klassischen binären Weltordnungskategorien wie „Vorn - Hinten“, „Gestern - Heute“, „Mann - Frau“ zerfallen, es gibt nur noch Fraumänner, die alles können, Rückblenden werden Zukunft; die Zeit, die Kategorien sind aus der Bahn geraten und trudeln haltlos und lustvoll durchs virtuelle All. Dann kommt es in Chans Film zum apokalyptischen Kampf der Eindeutigkeit gegen die Unbestimmbarkeit: Eine brutal mordende Männerarmee versucht, die Hermaphroditen auszurotten und der Eindeutigkeit wieder ins Amt zu verhelfen - aber auch sie wird verschluckt vom ewigen Loop des Films.
Ein gefährdeter Melancholiker des Weltraums
Das geheime Zentrum, die Denkfigur hinter dieser Ausstellung (dass sie eine solche, einen Erkenntnisfokus hat, unterscheidet sie wohltuend von den üblichen, thesenlos zusammengerümpelten Kunstbiennalen) ist ein Planet: Ein Mond, der gut in Paul Chans Welt passen würde, ein gefährdetes, exzentrisches Gestirn, das seine Bahn in chaotischen Bewegungen verlässt und allen Kategorien spottet. Hyperion, ein Mond des Saturn, ist ein stark unförmiger Himmelskörper, er trudelt anarchisch in den Schwerkraftfeldern anderer Monde umher, wobei seine Rotationsachse in völlig unvorhersehbarer Weise schwankt; er ist der einzige bekannte Mond im Sonnensystem, der sich so verhält.
Wahrscheinlich ist er ein Bruchstück eines größeren Ursprungskörpers, der bei einem galaktischen Zusammenprall zerbrochen ist, und es ist nicht bloß metaphorisch, ihn zum gefährdeten Melancholiker des Weltraums zu erklären - denn schon jetzt hat er eigentlich keine Planetenform mehr; und bräche noch mehr von ihm ab, wäre er kein Mond mehr, sondern ein Haufen organischer Weltraummüll aus Wassereis und silikatischem Gestein. Er ist tatsächlich, als was die Melancholiker sich empfanden: versehrt, aus der Bahn geworfen, eine Form in Auflösung - und vollführt deswegen die phantasievollsten Tänze.
Ein schwankendes, changierendes Illusionsall
Mit dieser Dialektik von Gefährdung und abwegiger Erfindungslust haben es die meisten italienischen Künstler nicht so: Valerio Carrubba malt aufgerissene Münder, Amputiertes, es sieht aus, als hätte man eine Sechzehnjährige gebeten, eine Metapher für „Schmerz“ zu malen. Überhaupt, die italienische Gegenwartskunst: Sie ist wie die Galapagosinseln, ein von der restlichen Welt abgeschnittenes Terrain, auf dem sich seltsame Spezies gehalten haben, die mit dem Rest der Welt nur schwer kommunizieren können.
In Italien geboren, aber in Frankreich beheimatet ist die Künstlerin Tatiana Trouvé. Sie versammelt seltsame, archaisch wirkende Materialien zu Skulpturen, die manchmal an die surreal-alchemistischen Objekt- und Materialkonstellationen von Beuys erinnern. Blech, Kupfer, Stahlbäume mit Lederästen, bizarr tanzende Metallrohre, Findlinge, auf die Vorhängeschlösser geschlagen sind, als könne sonst jemand den massiven Stein öffnen: All das arrangiert Trouvé in klinisch weißen Architekturen, die, wie Musterhäuser aus dem Katalog der Psychoanalyse, auf Kindergröße geschrumpft sind und Türklinken tragen, wo nur Wand, aber keine Tür ist.
Ein großer Teil der diesjährigen Kunsttriennale findet im Castello di Rivoli statt, wo Carolyn Christov-Bakargiev, Leiterin der kommenden Documenta, das Museum für Gegenwartskunst leitet. Hier hat Trouvé eine solche Architektur in die Ecke der berühmten Manica Lunga, eines hundertvierzig Meter langen und nur sieben Meter breiten Raumes des Castello, gebaut. Dahinter beginnt eine Enfilade von Werken, die das Saturnische, oral Traumatisierte - im Sinne des mythologischen Saturn, der seine Kinder fraß - sehr wörtlich nehmen; einen Trakt weiter hat Olafur Eliasson mit wenigen Mitteln, Plexiglasringen und Licht, seinen Raum in ein schwankendes, changierendes Illusionsall verwandelt.
Hyperion, der kosmische Geisterfahrer
Ein Raum ist Wolfgang Tillmans' Blicken in den Himmel gewidmet: „Paul New York 1994“ zeigt einen jungen Mann, der nachts von einer New Yorker Dachterrasse schaut, auf der Fotografie „Venus transit“ sieht man den gleichnamigen Planeten, wie er die Sonne kreuzt. Die Aufnahme erinnert an kosmische Minimal Art: Venus ist ein schwarzer Punkt, der vor dem großen Kreis der Sonne steht, und es sieht aus, als hätte die ein Einschlussloch in der Herzgegend. Dem Kitsch entkommt beides, weil es auf eine selbst alchemistische Weise das Momenthafte, das zufällig Entdeckte, das beiläufig Mitgerissene bewahrt; man denkt, das hier ist ein möglicher Teil meiner Welt, statt: Marlbororeklame, Sopransaxophon, Melancholieklischee. Tillmans ist dabei einer der etabliertesten Teilnehmer der Schau, die sonst weniger bekannten Künstlern wie Keren Cytter, Simon Dybbroe Möller, Lara Favaretto oder Matthew Brannon Raum gibt.
Über alledem hängt, als Held, guter Geist und als Ermunterung, der zerbeulte Mond Hyperion, der kosmische Geisterfahrer, der seine feste Bahn verließ und dem Lauf der Dinge, der angeblichen Unveränderlichkeit des Alls, seinen exzentrischen Wahnsinnstanz und ein turbulentes „Ich werde nicht sein wie ihr“ entgegenstellt.
Carolyn Christov-Bakargiev leitet die Documenta XIII
Jetzt ist es amtlich: Bisher leitete Carolyn Christov-Bakargiev das Museum für Gegenwartskunst im Turiner Castello di Rivoli, in dem ein großer Teil der diesjährigen Turiner Kunsttriennale stattfindet; bald dürfte sie häufiger nach Deutschland kommen, denn an diesem Mittwoch hat der Aufsichtsrat der Documenta und Museum Fridericianum Veranstaltungs GmbH die Kuratorin zur künstlerischen Leiterin der Documenta 13 gewählt, die vom 9. Juni bis zum 16. September 2012 in Kassel stattfinden wird. Damit bestätigte er das Votum der Findungskommission. Zuvor war Christov-Bakargiev künstlerische Leiterin der 16. Sydney Biennale und, von 1999 bis 2001, Senior Curator am New Yorker PS1. Zu ihren Schwerpunktthemen gehören das Werk von William Kentridge und Janet Cardiff.
F.A.Z.