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Kunstschau documenta 12 Werkvertrauen statt Weltbewegung

 ·  Gut fünf Wochen vor der Eröffnung ist deutlich, dass die documenta 12 sich von ihren Vorgängerinnen absetzen wird. Statt auf Stars des Kunstbetriebs zu setzen, feiert sie die Ästhetik von Einzelwerken. Thomas Wagner hält ein wahres Kunstereignis für möglich. FAZ.NET-Spezial.

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Es ist ruhig in Kassel, verdächtig ruhig. Die Treppenstraße ist von Kaffeehausstühlen überwuchert wie von Frühlingsgrün, in Geschäften und Passagen herrscht Betrieb. Von Chinesen keine Spur. Nur Thomas Schüttes „Fremde“ blicken melancholisch vom Säulenportikus des Kaufhauses Sinn Leffers auf den Friedrichsplatz hinunter und warten. Unten, in der Aue vor der Orangerie, döst der umstrittene temporäre Pavillon der Architekten Lacaton und Vassal in der Sonne wie ein gestrandeter weißer Wal. Wenn die documenta am 16. Juni ihre Pforten öffnet, wird sich hier der internationale Kunstbetrieb tummeln, der auf seiner Grand Tour Venedig und Basel schon hinter sich hat. Die Weiterfahrt nach Münster, zur letzten Station der großen Kunstreise dieses Jahres, ist längst organisiert. Zur bloßen Umsteigestation indes wird die documenta 12 kaum taugen.

Die Ausstellung, die derzeit in Kassel entsteht, ist ein eigensinniger Zwitter: halb Palast der Erinnerung, halb Archiv der Gegenwart. Was die künstlerischen Leiter Roger Buergel und Ruth Noack in Fridericianum, documenta-Halle, Neuer Galerie, Schloss Wilhelmshöhe und im Aue-Pavillon ausbreiten wollen, soll die Kunst der Gegenwart als Teil ihrer eigenen Geschichte und Zukunft erfahrbar werden lassen. Kein großes Team teilt die Verantwortung unter sich auf. Erarbeitet hat, was in Kassel zu sehen sein wird, das Ehepaar, das sich auf das verlässt, was es in den letzten Jahren erprobt und verfeinert hat. Das Modell, das sie erarbeitet haben, um sichtbar werden zu lassen, was Kunst heute ist und kann, ist luftig wie ein Netz mit vielen Maschen. Auf offenem Terrain, zwischen Museumssälen und Palmenhainen, Künstlerräumen und Ruhezonen soll deutlich werden, auf wie unterschiedlichen Ebenen Kunst heute wirkt. Sinn und Bedeutung sollen sich an einzelnen Arbeiten zeigen, im Ganzen betrachtet aber im Fluss bleiben.

Sprengstoff in Zeiten des boomenden Kunstmarkts

Es wird Räume geben, die wie Inseln in der Gesamtinszenierung wirken, und es werden Themen wie Krieg, Protest, Biopolitik, Kolonialismus, Paradies und Garten aufgegriffen. Bezirke der Vernunft werden neben solchen des Zaubers und der Triebe stehen. Malerei, Fotografie, Installationen und Performances werden in weitläufigen, verschachtelten Arealen über historische, geographische, politische und ästhetische Grenzverläufe unterrichten. Wenige Wochen vor der Eröffnung wird erkennbar, dass Roger Buergel und Ruth Noack die Kunst der Gegenwart weder gegen einen Diskurs über sie eintauschen noch Kunst auf Dokumente reduzieren wollen. Stattdessen vertrauen sie auf die Kraft der einzelnen Werke - worin allein schon Sprengstoff steckt in Zeiten, in denen der Markt boomt und die Werke immer schneller zwischen Galerie, Museum und Auktion zirkulieren. Jedes Werk hat Raum, entfaltet seine eigene Atmosphäre und entspinnt seinen eigenen Diskurs. Denn, so die Überlegung, nur in den Nachbarschaften und Beziehungen der Werke untereinander wird wahrnehmbar, wie diese auf Situationen und Krisen außerhalb der Kunst reagieren.

Die Chancen, dass Buergel und Noack in die Geschichte der documenta als diejenigen eingehen werden, die nach den Diskursschlachten und all dem ästhetisch verpackten Alarmismus der beiden letzten Ausgaben der Weltkunstschau wieder auf das künstlerische Werk vertrauten, stehen nicht schlecht. Geht das Konzept auf, wird die Kunst nicht hinter Sekundärem wie Markt, Diskurs, Wissen oder Spektakel verschwinden. Hier soll nichts instrumentalisiert werden. Alles, was sich an Assoziationen, Überlegungen, was sich an Wissen über politische Konflikte ergibt, soll vom einzelnen Werk ausgehen, von diesem erzeugt und getragen werden. Auf diese Weise, so hoffen die Kuratoren, werde eine Erfahrung möglich, die, weil sie Sinne und Verstand anspricht, jede Menge kultureller Unterschiede, historischer Kontinuitäten und formaler Bezüge einschließt.

Einlösen, was vor zehn Jahren nur versprochen wurde

Das Plakative, das lässt sich jetzt schon sagen, wird nicht die Stärke der d 12 sein. Sicher wird es nicht wenige im Kunstbetrieb geben, denen das, was und wie es gezeigt wird, zu wenig spektakulär, zu marktfern, zu subtil und zu differenziert vorkommen wird. Weil auch fast alle Stars fehlen werden, könnten die Reaktionen des Betriebs heftig ausfallen. Dass die d 12 Erwartungen enttäuschen, dafür aber einlösen wird, was Catherine Davids documenta 10 nur propagierte, steht fest: eine große Distanz zum Markt. Galeristen und Spekulanten wissen es längst. So ist die Ruhe über Kassel durchaus trügerisch.

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