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Kunstschau documenta 12 Werkvertrauen statt Weltbewegung

09.06.2007 ·  Gut fünf Wochen vor der Eröffnung ist deutlich, dass die documenta 12 sich von ihren Vorgängerinnen absetzen wird. Statt auf Stars des Kunstbetriebs zu setzen, feiert sie die Ästhetik von Einzelwerken. Thomas Wagner hält ein wahres Kunstereignis für möglich. FAZ.NET-Spezial.

Von Thomas Wagner
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Es ist ruhig in Kassel, verdächtig ruhig. Die Treppenstraße ist von Kaffeehausstühlen überwuchert wie von Frühlingsgrün, in Geschäften und Passagen herrscht Betrieb. Von Chinesen keine Spur. Nur Thomas Schüttes „Fremde“ blicken melancholisch vom Säulenportikus des Kaufhauses Sinn Leffers auf den Friedrichsplatz hinunter und warten. Unten, in der Aue vor der Orangerie, döst der umstrittene temporäre Pavillon der Architekten Lacaton und Vassal in der Sonne wie ein gestrandeter weißer Wal. Wenn die documenta am 16. Juni ihre Pforten öffnet, wird sich hier der internationale Kunstbetrieb tummeln, der auf seiner Grand Tour Venedig und Basel schon hinter sich hat. Die Weiterfahrt nach Münster, zur letzten Station der großen Kunstreise dieses Jahres, ist längst organisiert. Zur bloßen Umsteigestation indes wird die documenta 12 kaum taugen.

Die Ausstellung, die derzeit in Kassel entsteht, ist ein eigensinniger Zwitter: halb Palast der Erinnerung, halb Archiv der Gegenwart. Was die künstlerischen Leiter Roger Buergel und Ruth Noack in Fridericianum, documenta-Halle, Neuer Galerie, Schloss Wilhelmshöhe und im Aue-Pavillon ausbreiten wollen, soll die Kunst der Gegenwart als Teil ihrer eigenen Geschichte und Zukunft erfahrbar werden lassen. Kein großes Team teilt die Verantwortung unter sich auf. Erarbeitet hat, was in Kassel zu sehen sein wird, das Ehepaar, das sich auf das verlässt, was es in den letzten Jahren erprobt und verfeinert hat. Das Modell, das sie erarbeitet haben, um sichtbar werden zu lassen, was Kunst heute ist und kann, ist luftig wie ein Netz mit vielen Maschen. Auf offenem Terrain, zwischen Museumssälen und Palmenhainen, Künstlerräumen und Ruhezonen soll deutlich werden, auf wie unterschiedlichen Ebenen Kunst heute wirkt. Sinn und Bedeutung sollen sich an einzelnen Arbeiten zeigen, im Ganzen betrachtet aber im Fluss bleiben.

Sprengstoff in Zeiten des boomenden Kunstmarkts

Es wird Räume geben, die wie Inseln in der Gesamtinszenierung wirken, und es werden Themen wie Krieg, Protest, Biopolitik, Kolonialismus, Paradies und Garten aufgegriffen. Bezirke der Vernunft werden neben solchen des Zaubers und der Triebe stehen. Malerei, Fotografie, Installationen und Performances werden in weitläufigen, verschachtelten Arealen über historische, geographische, politische und ästhetische Grenzverläufe unterrichten. Wenige Wochen vor der Eröffnung wird erkennbar, dass Roger Buergel und Ruth Noack die Kunst der Gegenwart weder gegen einen Diskurs über sie eintauschen noch Kunst auf Dokumente reduzieren wollen. Stattdessen vertrauen sie auf die Kraft der einzelnen Werke - worin allein schon Sprengstoff steckt in Zeiten, in denen der Markt boomt und die Werke immer schneller zwischen Galerie, Museum und Auktion zirkulieren. Jedes Werk hat Raum, entfaltet seine eigene Atmosphäre und entspinnt seinen eigenen Diskurs. Denn, so die Überlegung, nur in den Nachbarschaften und Beziehungen der Werke untereinander wird wahrnehmbar, wie diese auf Situationen und Krisen außerhalb der Kunst reagieren.

Die Chancen, dass Buergel und Noack in die Geschichte der documenta als diejenigen eingehen werden, die nach den Diskursschlachten und all dem ästhetisch verpackten Alarmismus der beiden letzten Ausgaben der Weltkunstschau wieder auf das künstlerische Werk vertrauten, stehen nicht schlecht. Geht das Konzept auf, wird die Kunst nicht hinter Sekundärem wie Markt, Diskurs, Wissen oder Spektakel verschwinden. Hier soll nichts instrumentalisiert werden. Alles, was sich an Assoziationen, Überlegungen, was sich an Wissen über politische Konflikte ergibt, soll vom einzelnen Werk ausgehen, von diesem erzeugt und getragen werden. Auf diese Weise, so hoffen die Kuratoren, werde eine Erfahrung möglich, die, weil sie Sinne und Verstand anspricht, jede Menge kultureller Unterschiede, historischer Kontinuitäten und formaler Bezüge einschließt.

Einlösen, was vor zehn Jahren nur versprochen wurde

Das Plakative, das lässt sich jetzt schon sagen, wird nicht die Stärke der d 12 sein. Sicher wird es nicht wenige im Kunstbetrieb geben, denen das, was und wie es gezeigt wird, zu wenig spektakulär, zu marktfern, zu subtil und zu differenziert vorkommen wird. Weil auch fast alle Stars fehlen werden, könnten die Reaktionen des Betriebs heftig ausfallen. Dass die d 12 Erwartungen enttäuschen, dafür aber einlösen wird, was Catherine Davids documenta 10 nur propagierte, steht fest: eine große Distanz zum Markt. Galeristen und Spekulanten wissen es längst. So ist die Ruhe über Kassel durchaus trügerisch.

Das Experiment, in Kassel so etwas zu versuchen wie die Bildung einer ästhetischen Gemeinschaft auf Zeit, wird das wenig anfechten. Zumal das Ganze, statt die neuesten Filetstücke des Kunstmarkts zu servieren, darauf vertraut, eine Gesellschaft der Wahrnehmenden auf Bildungsreise durch die unterschiedlichsten Gegenden des ästhetischen Kontinents der Gegenwart mitzunehmen. Was Roger Buergel „Migration der Form“ nennt, ist ein Teil davon: das Verwobensein sinnlicher Formen und Themen über historische, geographische und kulturelle Grenzen hinweg in einem Resonanzraum, in dem die Werke, dem Zusammenhang ihres Entstehens entrissen, neue Wurzeln schlagen.

Die Gegenwart Jahrhunderte alter Werke

Das bedeutet auch: Die Kunst der Gegenwart ist nicht auf das beschränkt, was heute produziert wird. Sie schließt Werke ein, die auf Fragen unserer Gegenwart antworten, ob es sich um eine Miniatur aus dem vierzehnten, einen Teppich aus dem achtzehnten oder ein Gemälde aus dem neunzehnten Jahrhundert handelt. Statt ästhetische Knallbonbons zu verteilen und große Namen zu feiern, wird die d 12 auf eine Vielzahl von Korrespondenzen setzen. Die Gier nach den allerjüngsten und grellsten Arbeiten wird keine Nahrung finden. Die Erziehung von Gefühl und Verstand durch das Auge braucht andere Speisen und fordert vom Rezipienten andere Geschwindigkeiten.

Die d 12 wird eine bewusst solide gemachte Ausstellung sein, kein Exerzierplatz des Neuen, keine Arena der öffentlichen Moral und keine getarnte Kunstmesse. Als Betrachter selbst aktiv werden, lustvoll Bezügen nachgehen, formale und thematische Verbindungen zwischen Werken erkennen, kleine und große Zusammenhänge nachvollziehen - das ist es, was die documenta verspricht. Kunst soll zu sehen und zu schmecken, zu erkunden und zu erfahren sein. Nichts soll in Besitz genommen, sondern in seiner Eigensinnigkeit ernst genommen und erschlossen werden.

Womöglich mehr ist als noch eine Großausstellung

Zweiundfünfzig Jahre nach der ersten wird auch die documenta, die das Dutzend vollmacht, nicht nur durch das wirken, was sie zeigt, sondern auch dadurch, wie sie es zeigt. Und wenn nicht alles täuscht, wird sie darin eine Verbindung zu der ersten Ausstellung von 1955 herstellen, dass auch sie ein Neubeginn ist. Die Rückgriffe sind durchaus provokativ. Nicht nur, weil die Fenster im Fridericianum wieder Vorhänge tragen und damit auf Arnold Bodes erste documenta anspielen; nicht nur, weil das dort verwendete Präsentationssystem an jene Eisenprofile erinnert, an die Bode die Bilder hängte; und nicht nur, weil der große, aus Gewächshausteilen bestehende Aue-Pavillon augenzwinkernd darauf verweist, dass die documenta als Annex einer Gartenschau begann, die, bevor sie die Ruine des Fridericianums besetzte, einen Zeltbau vorgesehen hatte.

Auch die drei Leitfragen, die der d 12 ein Gerüst geben sollen, statt individuelle Perspektiven einer alles beherrschenden Theorie zu unterwerfen, zielen in dieselbe Richtung: Ist die Moderne unsere Antike? Was ist das bloße Leben? Und, mit Blick auf die Bildung: Was tun? Mit diesen Fragen im Gepäck wird sich manches erschließen lassen: Was aus dem Fundus der Moderne können wir noch brauchen? Spielt der Heroismus des Neuen noch immer eine Rolle? Steckt die Moderne voll uneingelöster Versprechen? Was braucht man, um menschenwürdig leben zu können? Ist das bloße Leben ein Leben ohne Kultur? Kann die Kunst zur Bildung einer Persönlichkeit eine Erfahrung ganz eigener Qualität beisteuern?

Was nüchtern klingt, ist emphatisch gemeint: Im Bewusstsein des Gewesenen soll die Aufgabe der Kunst in einer Gesellschaft erneuert werden, die über ihre materielle die geistige und kulturelle Entwicklung aus dem Auge zu verlieren droht. Nimmt man die Werke der Kunst ernst, so versprechen sie eine Erfahrung, die nirgendwo sonst zu haben ist und die, gerade weil sie keine einfachen Lösungen verspricht, den Krisen unserer Gegenwart nähersteht als Politik oder Schule. Das ist alles andere als bescheiden, es spricht von einem soliden Selbstbewusstsein. Gelingt es, den besonderen Reichtum all dessen zu entfalten, was Kunst vermag, so könnte die zwölfte eine documenta werden, die mehr ist als eine weitere Großausstellung. Eine Entdeckungsreise. Ein Bildungserlebnis. Ein Kunstereignis.

Quelle: F.A.Z., 09.05.2007, Nr. 107 / Seite 41
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