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Kunstsammlung NRW Wege zur Wahrheit

 ·  Dank eines vom Bund finanzierten Projekts kann die Kunstsammlung NRW nun die Erwerbung der meisten ihrer Werke dokumentieren und arbeitet weiter an einigen unklaren Fällen aus den Jahren nach 1933.

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© Ralph Richter/Kunstsammlung NRW Vergrößern Das Ständehaus K 21 der Kunstsammlung NRW in Düsseldorf

Als das Land Nordrhein-Westfalen 1960 mit achtundachtzig Bildern von Paul Klee das Fundament der im Jahr darauf gegründeten Kunstsammlung legte, ließ Werner Schmalenbach (1920 bis 2010), ihr erster Direktor, bei seinen Kaufentscheidungen nur ein einziges Kriterium gelten, das er offensiv gegenüber Kunstgeschichte wie Öffentlichkeit verantwortete: Qualität. Die Gemälde, andere Gattungen folgten erst unter seinem Nachfolger Armin Zweite, mussten ihn „überrumpeln“, ihn zum Kauf, so wörtlich, „zwängen“. Jedes von ihnen musste ein Meisterwerk sein.

Doch Schmalenbach, der Halbjude war und vom zwölften Lebensjahr an in Basel aufwuchs, wollte auch wissen, woher die Bilder kommen. „Danach hat er immer gefragt“, sagt Marion Ackermann, die das Haus am Düsseldorfer Grabbe-Platz seit 2009 leitet, „darin war er der Zeit voraus“.

Begrenzte Ermittlungen

Als Akt der Wiedergutmachung durch die „Kraft der Kunst“, so der damalige Ministerpräsident Franz Meyers, sei die Einrichtung des Museums verstanden und seine Klee-Kollektion 1966 erst in Israel und danach in Osteuropa gezeigt worden, so ruft Marion Ackermann in Erinnerung: „Diese Grundlage verpflichtet.“ Das galt schon für Zweite, der 1999, nach der im Dezember 1998 von der Jewish Claims Conference verabschiedeten „Washingtoner Erklärung“, die Provenienzforschung ausbaute und auf Werke fokussierte, die in der Zeit des Nationalsozialismus die Besitzer gewechselt hatten.

Die systematische Überprüfung der Bestände aber konnte erst 2009 mit einem Projekt beginnen, das vom Bund finanziert wurde. Drei Jahre haben Isgard Kracht und Gesa Jeuthe, die sich die Stelle teilten, recherchiert und 179 Kunstwerke bearbeitet. Die Ergebnisse, die Marion Ackermann und Anette Kruszynski, die Leiterin des Projekts, nun vorstellten, haben die meisten Fälle eindeutig klären können, doch auch die Grenzen aufgezeigt, an die Ermittlungen stoßen (müssen). Die Probleme anzusprechen und transparent zu machen - sämtliche Ergebnisse wurden online gestellt -, verstehen Ackermann und Kruszynski als Schritt, einer Lösung näherzukommen.

Paul Klee als Extremfall

Die Sammlung beginnt 1904, „nur“ 179 der Werke sind vor 1945 entstanden: In 146 Fällen konnte die Provenienz abschließend geklärt werden, dreiunddreißig Bilder wiesen Lücken zwischen 1933 und 1945 auf und seien weiter zu prüfen. Für Gemälde, die im Zusammenhang mit der Galerie Alfred Flechtheim stehen, haben die Kunstsammlung zwei Restitutions- und zwölf Auskunftsersuchen erreicht, für elf von diesen könne ein Eigentum des bis März 1933 in Düsseldorf ansässigen Kunsthändlers ausgeschlossen werden. Allein für „Die Nacht“ von Max Beckmann gelte das nicht, hier „erlauben die Rechercheergebnisse bislang keine eindeutigen Aussagen über die Eigentumsverhältnisse“.

Ebendas betrifft auch die beiden Werke, zu denen Restitutionsersuchen vorliegen: Paul Klees „Federpflanze“ und „Nature morte (Violon et encrier)“ von Juan Gris. Das kubistische Stillleben ist, so Ackermann, „der extremste Fall“: Kurz nach seiner Entstehung, so ergaben die Recherchen, gelangte es in den Besitz von Daniel-Henry Kahnweiler, der infolge des Kriegs konfisziert und 1921 im Hôtel Drouot versteigert wurde.

Moral vor Recht?

Dem Syndikat, das der deutsche Galerist Simon bildete, um das Bild zurückzuersteigern, gehörte auch Flechtheim an, der es 1925 in Düsseldorf ausstellte und in verschiedenen Katalogen als Besitzer genannt wird - das letzte Mal im April 1933 im Kunsthaus Zürich, von wo er es zu Kahnweiler nach Paris senden ließ. Im Februar 1934 wurde es in die Mayor Gallery nach London geschickt. Dort hat es Anna Dorothea Ventris erworben, doch von wem und ob zu einem angemessenen Preis, bleibt unklar.

Die Rückgabe dieses Bildes (wie auch anderer Werke aus mehreren deutschen Museen) fordert Michael Hulton, ein Neffe von Flechtheim, im Namen der Erben. Warum, wenn die Eigentumswechsel nicht genau zu klären sind, sich nicht großzügig zeigen und Moral vor Recht ergehen lassen? Die Frage kommt Marion Ackermann noch zu früh, sie will erst einmal „mit Hochdruck an der Wahrheitsfindung weiterarbeiten“. Doch die Recherche ist abgeschlossen, das Projekt ausgelaufen. Neue, womöglich entscheidende Erkenntnisse lassen Privatarchive wie das der Galerie Kahnweiler (heute Louise Leiris) erwarten, die jedoch nicht zugänglich sind. Dahinter vermutet Anette Kruszynski eher pragmatische als prinzipielle Gründe: „Der Arbeitsaufwand dürfte die Galerie überfordern.“

So stellt sich die Frage, ob der Bund ein Vorhaben wie das Düsseldorfer auch in Paris finanzieren kann. Die deutsch-französischen Möglichkeiten, 2013 den fünfzig Jahre alten Élysée-Vertrag zu begehen, könnten über den Tausch der Pavillons beider Länder auf der Biennale in Venedig weit hinausgehen.

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