23.02.2005 · Spätestens nach seiner großen Retrospektive in New York 2002 war Gerhard Richter zum bekanntesten Maler der Gegenwart geworden. Einer Ausstellung seines Werkes in Düsseldorf allerdings fehlt es an Wagemut.
Von Thomas Wagner"Anlaß oder besser Voraussetzung meiner neuen Bilder", schreibt Gerhard Richter 1977 an den Kunsthistoriker Benjamin Buchloh, "ist die gleiche wie bei fast allen anderen Bildern: daß ich nichts mitteilen kann, daß es nichts mitzuteilen gibt, daß die Malerei nie die Mitteilung sein kann, daß sich weder durch Fleiß, Trotz, Irrsinn noch durch sonstige Tricks die fehlende Botschaft von selbst nur so durch das Malen einstellen wird."
Und doch ist Richter, bei aller Skepsis und Sprödigkeit seines Werks, ein Maler des Als-ob. Wie der einzelne - "der jämmerliche Untertan" - in Kafkas Erzählung "Eine kaiserliche Botschaft" sitzt er am Fenster oder vor dem Spiegel seiner Malerei und erträumt sich die Botschaft, wenn der Abend kommt.
Kein Bedarf an kritischer Revision
Gerhard Richter sammelt seinen Ruhm ein. Man kann es ihm nicht verdenken. Spätestens seit im Jahr 2002 das Museum of Modern Art in New York mit 188 Werken die Essenz seines facettenreichen OEuvres präsentierte - "Forty Years of Painting" - und der Beifall um den Globus schallte, war er zu dem geworden, der er für viele längst war: der bekannteste Maler der Gegenwart. So kann die Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen K20 im schwierigen Haus am Grabbeplatz nun 120 Arbeiten des Malers zeigen und das Ganze schlicht "Gerhard Richter" nennen. Wiedersehen ist erwünscht. An kritischer Revision besteht kein Bedarf.
In der Zusammenschau wird abermals deutlich, daß Richters Werk einen Nebel der Unsicherheit und des Zweifels über alles Wirkliche gelegt hat. Hartnäckig entzieht es sich dem Zugriff der Kunst und dem Blick, der es festzuhalten und zu ergründen sucht. Was bleibt, sind Nachbilder eines Verlusts, stets delikat gemalt. Nicht nur in den romantisch grundierten Landschaften hat das etwas zutiefst Melancholisches. Und hier und da scheint auch Furcht hineinzuspielen, die Bilder der Vergangenheit scharf zu stellen.
Den Akzent auf die jüngsten Werke gescheut
Doch auch wenn es nett und unterhaltsam ist, alten Bekannten wie der "Sekretärin" von 1964, dem "Tiger" von 1965 oder dem "Großen Vorhang" von 1967 und den "4096 Farben" von 1974 wieder zu begegnen und sich angesichts der abstrakten Gemälde abermals zu fragen, ob in dieser ästhetischen Bildstörung nicht ein für allemal alles verabschiedet wird, was im Abstrakten Expressionismus und im Informel einst als Dokument des Unbewußten vom Subjekt Zeugnis ablegen sollte, so ist Richters OEuvre doch nicht abgeschlossen. Solange es aber wächst, bleibt in jeder weiteren Werkschau das Problem virulent, was es im Innersten zusammenhält.
Daß sich der Künstler Gerhard Richter nicht mit dem Erreichten zufriedengibt, spricht für ihn. Deshalb ist es bedauerlich, daß das, was in Düsseldorf allzu gedrängt und nicht immer mit einem Gespür für überzeugende Präsenz vorgeführt wird, im summarischen Zugriff auf den kompletten Richter das Wagnis scheut, den Akzent entschieden auf die jüngsten Werke zu legen: die seit 2001 verstärkt entstandenen "Glasscheiben" und die "stehenden Scheiben", vor allem aber auf die kleine Folge "Silikat" und schließlich auf den monumentalen, neun mal neun Meter messenden C-Print "Strontium".
Was sich der Malerei als würdig erweist
All das wird gezeigt, es bespiegelt und bricht das ohnehin schon distanzierte Werk. Den Mut indes, gezielt das Spätwerk auszuleuchten und Richters Produktion von diesem her gleichsam im Krebsgang noch einmal durchzugehen, hat man nicht aufgebracht. Ein solches Vorgehen aber hätte dem Werk Richters eine Frische zurückgewinnen können, die der an Leitmotiven orientierte Überblick vermissen läßt. So wirken einige Räume nostalgisch, und die zuletzt entstandenen Arbeiten runden das Werk scheinbar routiniert ab.
Es hieße Richters Malerei unterbewerten, würde man in ihr allein den Stilwechsel in Permanenz erkennen und sie als eine Überbietung der Fotografie feiern. Gewiß, Richter hat wiederholt betont, daß es ihm immer auch darum zu tun war, die Möglichkeiten der Malerei angesichts der Konkurrenzen, die ihr in all den zirkulierenden fotografischen, elektronischen und technischen Bildern erwachsen sind, auszuloten. Und er hat gleichsam hinter dem Rücken des Motivs vorgeführt, daß es am Ende doch wieder die Malerei ist, die einem Bild Gültigkeit über den Tag hinaus garantiert, auch oder gerade weil sie zugleich den Zweifel an ihrem eigenen Status als Bild vor Augen führt.
So hat Richter mit kaltem Auge das überreiche Bildangebot unserer Zeit gesichtet und - oft am Leitfaden längst als überholt geltender Gattungen - ausgewählt, was ihm wert schien, sich der Malerei als würdig zu erweisen.
Gebrauchsmuster der Kunst
Doch hat Richter in seinen Glasarbeiten Betrachter und Raum wieder und wieder ins Werk als einen magischen Spiegel hineingezogen. So erreicht er mit den Gemälden und C-Prints von Kristallstrukturen bestimmter Elemente eine andere Grenze. Denn so unbestechlich der Blick des Malers auch auf Landschaften, Porträts und Seestücke fällt, so illusionslos er sich auf plane Farbtafeln richtet, die aus dem Readymade der Malerei noch einmal Gemälde machen, so sehr er den Betrachter in grauen Tafeln verschwinden oder ihn von spiegelnden Flächen abprallen läßt, stets hält sich Richter an Gebrauchsmuster der Kunst und untersucht deren Geltung.
Selbst das Farbrauschen seiner Abstraktion, die er im wegwischenden und weggewischten Gestus vorträgt, folgt dem Impuls eines verzweifelten Avantgardismus, auch wenn sie dabei die Feier des Authentischen gegen den Ausweis bloßer Kontingenz eingetauscht hat.
Was aber geschieht der Malerei, wenn sie sich in den Bereich der Mikrophysik, der Kristalle und der Atome wendet, der, entgegen der landläufigen Meinung, keinesfalls unanschaulich ist? Welcher Typus von Bild entspricht ihm, wird das Bild zur bloßen Illustration, oder bedingt die Hinwendung zum Molekularen gar einen verstörten Illusionismus, der in der Op-art sein Vorbild findet?
Die Struktur der Welt?
In "Silikat", vier Darstellungen im Format 290 mal 290 Zentimeter von 2003, bedient sich der Künstler abermals der für ihn typischen, auf die Grautöne der verwischten Fotoabmalungen der Frühzeit reduzierten Farbskala. In zwanzig horizontalen Reihen offenbaren die vier Tafeln eine tendenziell endlose repetitive Struktur. Wiederholt, variiert und in gewohnter Manier ins Unscharfe entrückt wird ein hellgraues Y-Zeichen in einem dunklen Kreis. Offensichtlich spielt Richter mit dem Bild des Silikat-Kristallgitters auf den Grundstoff der Elektronik - Silizium - an, mit dem neben den analogen Sichtbarkeitsspeicher der Fotografie ein digitaler getreten ist, der keiner Berührung mehr bedarf und kein Fenster zur sichtbaren Welt mehr öffnet.
Was, so scheint Richter zu fragen, offenbart uns aber dann das Bild eines Kristalls im Rasterelektronenmikroskop? Die Struktur der Welt? Das Bild eines Stücks Materie, das unser Sehen und unser Denken verändert hat? Oder handelt es sich um ein Bildtyp, den wir aus der Kunst bereits zu kennen glauben?
Irgendwo zwischen Erscheinen und Verschwinden
Mit dem monumentalen C-Print "Strontium", der in der großen Halle der Kunstsammlung eine ganze Stirnwand beansprucht, scheint Richter eine Antwort zu versuchen. Denn was da, vom Blick nicht zu fixieren und jeden stabilen Weltbezug optisch und symbolisch negierend, erscheint, mag eine bildhafte Vorstellung von Materie sein. Sicher aber ist es ein Bild, dessen Prinzip wir aus der Op-art kennen: ein verstörendes abstraktes Muster, das sich nicht fassen läßt, das Schwindel verursacht und jede konkurrierende Wahrnehmung auslöscht.
Also sind wir wieder bei der Kunst, die es - trotz allem - erlaubt, "sich ein Bild zu machen, von dem, was los ist". Irgendwo zwischen Erscheinen und Verschwinden. Der ungläubige Manierist Gerhard Richter schätzt nichts so sehr wie das Unbestimmte und die fortwährende Unsicherheit. Bild und Glas auf allen Etagen.