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Kunstraub Tatort: Museum

 ·  Immer wieder erreichen uns Meldungen von spektakulären Diebstählen millionenschwerer Kunstwerke, wie zuletzt aus Rotterdam. Aber wie ist das eigentlich möglich?

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© Lutz Kleinhans Im Juli 1994 wurden aus der Kunsthalle Schirn in Frankfurt drei Gemälde im Gesamtwert von 40 Millionen Euro gestohlen. Das Diebesgut konnte wiederbeschafft werden

1911, Paris im August: Drei Männer besuchen an einem Sonntag den Louvre, verstecken sich über Nacht in einer Abstellkammer und hängen am nächsten Morgen - es ist besuchsfreier Montag -, die „Mona Lisa“ von der Wand. Sie trennen das Gemälde aus seinem Rahmen, rollen es zusammen und verlassen unbemerkt das Museum.

2012, Rotterdam im Oktober: Mitten in der Nacht steigen Diebe in das Munch-Museum ein und verlassen es wenige Minuten später mit sieben kostbaren Gemälden. Als die durch das Sicherheitssystem alarmierte Polizei eintrifft, sind die Kriminellen längst mitsamt der Beute unbemerkt verschwunden. Noch heute fehlt von ihnen jede Spur.

Hundert Jahre nach dem ersten spektakulären Museumsdiebstahl ist der Reiz, teure Kunstwerke zu stehlen, vielleicht größer als je zuvor. Nicht nur im Fall des Rotterdamer Munch-Museums fragt man sich allerdings, wie gut die teilweise millionenteuren Kunstwerke tatsächlich gesichert sind. Ist es wirklich so einfach, Kunst aus einem Museum zu stehlen, wie man bisweilen annehmen könnte? Wer sich diese Frage stellt, landet früher oder später in Hollywood.

Königsdisziplin Kunstraub

Nehmen wir das Jahr 1968: Steve Mc Queen gibt in „The Thomas Crown Affair“ den raffinierten Charmeur und macht sich einen Spaß daraus, die Polizei an der Nase herumzuführen. In der Neuverfilmung von 1999 stiehlt Pierce Brosnan auf raffinierte Weise einen Monet und verfällt anschließend dem Charme der mindestens genauso raffiniert agierenden Ermittlerin.

2004: Die Hobby-Gauner um Danny Ocean machen sich eher aus Ehrgeiz denn aus Geldmangel an die Arbeit, ein wertvolles Gemälde aus der Privatsammlung eines verrückten Kunstsammlers in Amsterdam zu stehlen. Panzerglas, alarmgesicherte Lichtschranken und ein Bewohner, der nie das Haus verlässt, machen es den Dieben zunächst schwer. Als sie ihr Ziel erreichen, aber vor einem leeren Tresor stehen, beginnt die eigentliche Geschichte: Es entfacht sich ein Wettbewerb zwischen „Ocean’s 12“ und dem, den man nur den „Fuchs“ nennt. Wer ist der beste Dieb?

Der Kunstraub galt damals wie heute in sämtlichen Gaunerfilmen als die Königsdiszi plin unter den Diebstählen. Stets haben es die eleganten Diebe mit extrem raffiniert gesicherten Kunstgegenständen zu tun.

In der Realität hingegen scheinen mitunter offenbar bereits Leiter und Hammer auszureichen, um sich millionenteure Gegenstände zu eigen zu machen. Ein solches Szenario trug sich beispielsweise am 12. Februar 1994 in den frühen Morgenstunden in der Nationalgalerie Oslo zu, wo eine Version von Munchs „Der Schrei“ gestohlen wurde: Die Täter lehnten eine zuvor gestohlene Leiter an eine Wand des Museums, einer zerbrach die Fensterscheibe mit einem Hammer und stieg durch das Fenster ein. Er durchtrennte mit einer Zange die Drähte, an denen das Gemälde befestigt war und reichte es dem Mittäter nach draußen. Durch den Einbruch wurde zwar ein Alarm ausgelöst, der von dem einzigen Wachmann allerdings nicht beachtet wurde. Es war reiner Zufall, dass streifefahrende Beamte Leiter, Hammer und Zange vor dem zerbrochenen Fenster auffielen. Und noch etwas fanden sie: eine Postkarte mit der Nachricht „Danke für die schlechte Sicherung!“

Anruf bei einigen Museen. Die Sätze, die man hört, ähneln einander. Nein, zu Sicherheitsfragen äußere man sich prinzipiell nicht, alles sei in bester Ordnung und das Museum hervorragend gesichert. Die Geheimniskrämerei ist verständlich.

„Ich dachte, das Zeug würde niemand vermissen!“

Der Gründer und ehemalige Leiter der Spezialeinheit für Kunstdiebstähle des FBI, Robert K. Wittman, ermittelte zwanzig Jahre lang als Undercover-Agent in Amerika und Europa. Über seine Erlebnisse als verdeckter Ermittler hat er vor einiger Zeit ein unterhaltsames Buch geschrieben, das den Titel „Unbezahlbar“ trägt. Wenn man dieses Buch liest, wird einem schnell klar, dass es eine auffällige Gemeinsamkeit zwischen allen von Wittman aufgeklärten Fällen gibt: Geldgier als Motiv. Aber während sich im Film das Stehlen von Kunst als eine äußerst komplizierte Aufgabe erweist, beginnt in der Realität die eigentliche Schwierigkeit erst danach: Wie macht man einen gestohlenen Van Gogh, Vermeer oder Munch überhaupt zu Geld? Wittman listet in seinem Buch genau drei Möglichkeiten auf, die Beute in Bares umzuwandeln: Sie verkaufen sie an einen Händler, auf dem Schwarzmarkt oder erpressen das Museum und fordern Lösegeld.

Oft gehören Mitarbeiter des bestohlenen Museums zu den Tätern oder fungieren zumindest als Informanten. So war es 1911 beim Diebstahl der „Mona Lisa“, und so war es bei Wittmans skurrilstem Fall, als sich der betriebsälteste Museumsmitarbeiter als Täter entpuppte. Ernie, Hausmeister und „Mann für alles“ der „Historical Society of Pennsylvania“ (HSP) stahl von Ende der achtziger Jahre bis zu seiner Festnahme 1997 über zweihundert Kunstgegenstände im Wert von insgesamt dreihundert Millionen Euro. Die Mischung aus dem blinden Vertrauen, das man ihm seitens der Museumsdirektion entgegenbrachte, und Naivität („Ich dachte, das Zeug würde niemand vermissen!“) machte ihn zum Gelegenheitsdieb.

Zerstörerischer Akt an kulturellem Erbe

Robert K. Wittman bildet mit seiner hohen Erfolgsquote eine Ausnahme im Bereich der Aufklärung von Kunstdelikten. Selten kennen sich die Ermittler wirklich gut mit Kunst aus, und häufig fehlen zudem Zeit und Geld für eine aufwendige Undercover-Aktion. Die Medien seien zudem mehr an einem Kunstraub als Spektakel interessiert als die Beamten an dessen Aufklärung, so Wittman. Und das wissen die Diebe: Sie können den medialen Druck ausnutzen und darauf vertrauen, dass das bestohlene Museum oder, wenn es um öffentliches Kulturgut geht, gar die Regierung viel Geld zahlen wird, um sich aus der peinlichen Lage zu befreien.

Aber warum wird erst gehandelt, wenn es schon zu spät ist? „Jeder Diebstahl aus jedem Museum ist nicht nur ein Eigentumsdelikt, sondern ein zerstörerischer Akt, der das gesamte Volk seiner Geschichte, seines kulturellen Erbes beraubt“, erklärte 1998 Anne Hawlex, die damalige Direktorin der HSP. Sie hatte das Glück, auf kompetente Ermittler zu stoßen, die das Diebesgut beschlagnahmen und die Täter fassen konnten. Aber wie steht es um die Ermittlungen in Kunstdelikten in Europa?

Anruf beim Bundeskriminalamt in Wiesbaden. Auch hier vertraut man auf das Sprichwort: „Reden ist Silber, Schweigen ist Gold“ und findet keinen passenden Ansprechpartner zum Thema. Das BKA verfügt nach eigener Auskunft über keine qualifizierten Mitarbeiter in Sachen Kunstdiebstahl, lediglich die Statistik gibt Auskunft: Die Aufklärungsquote von Kunstdelikten in Deutschland liegt nur bei etwa 25 Prozent. Zum Vergleich: Raubüberfälle werden zu fünfzig Prozent aufgeklärt. 2011 lag die Aufklärungsquote von Kunstdiebstählen bei 17,7 Prozent, die von Banküberfällen bei 81,5 Prozent. Seit Beginn der Auflistung von gestohlenen Antiquitäten, Kunst- und sakralen Gegenständen 1987 wurden dem BKA insgesamt 28471 Diebstähle gemeldet.

Die schweizerische Privatsammlerin Katharina Büttiker hat viele gute Erfahrungen mit internationalen Museen gemacht, kann aber auch von einigen wenigen unschönen Zwischenfällen in ihrer Galerie oder bezüglich einiger Leihgaben erzählen. Sie sei ein „alter Hase“ im Kunstgeschäft, sagt sie, denn seit über vierzig Jahren sammle sie Glas- und Kunstobjekte, Bilder und Möbel des Art Déco und im Jugendstil. Büttiker betreibt eine Galerie in Zürich und verleiht ihre Sammlerstücke an Museen in beispielsweise Madrid, Tokio oder Chicago. Einmal, gegen Ende einer zweijährigen Leihgabe an eine Ausstellung, die von Wien über Montpellier nach München zog und zu der auch ein sogenanntes Volume (dabei handelt es sich um lose zu einem Buch geheftete Seiten) des Künstlers Alfons Mucha gehörte, bekam sie aus München einen Anruf: „Es tut uns leid, es ist etwas Schreckliches passiert. Ein Blatt aus Ihrem Volume ist verschwunden.“

Irgendwo zwischen Wien, Montpellier und München sei dieses Blatt verlorengegangen. Wo genau es zu dem Diebstahl gekommen war, konnte man Frau Büttiker nicht sagen, der Verlust war offenbar niemandem aufgefallen. Die Geschichte wäre fast in einem Rechtsstreit geendet. Die Lehre, die Katharina Büttiker aus dieser Erfahrung gezogen hat, ist auch der Rat, den sie unermüdlich weitergibt: Wer ein Kunstwerk verleiht, sollte sich nicht auf die häufig unzureichende Versicherung des leihnehmenden Museums verlassen, sondern auf einer Versicherung eigener Wahl bestehen. Meistens sei nämlich der Besitz eines Museums lediglich über eine staatliche Pauschale versichert, was für einen spezifischen Schutz nicht ausreiche.

Freudiges Wiedersehen

Ein anderes Mal betrat ein vermeintlicher Kunstinteressent Büttikers Zürcher Galerie, zückte eine Pistole, bedrohte damit den einzigen anwesenden Mitarbeiter, fesselte ihn und sperrte ihn ins Büro. Die Sicherheitsvorrichtungen wurden auf banalste Weise umgangen. Der Verbrecher ließ Büttikers Angestellten einfach keine Gelegenheit, den „Silent Alarm“ zu betätigen. Der Dieb und sein Komplize waren gut gekleidet, hatten sich Kunstkataloge unter den Arm geklemmt und machten einen seriösen Eindruck. Also öffnete der Galerieangestellte die Tür, und bevor er wusste, wie ihm geschah, lag er gefesselt und geknebelt am Boden. Die Gauner kamen mit zwei Sporttaschen voller Diebesgut davon. Bei den Versuchen, die gestohlene Ware wiederzubeschaffen, fühlte sich Katharina Büttiker von der Polizei im Stich gelassen. Seither ermittelt sie auch auf eigene Faust, ihr großes Netzwerk an Galeristen und Künstlern überall auf der Welt ist ihr dabei behilflich.

Nach dem Überfall auf ihre Galerie informierte sie all ihre Kontaktpersonen und fand so heraus, dass dieselben Täter mit derselben Vorgehensweise eine Galerie in Amsterdam überfielen, kurz nachdem sie bei ihr zugeschlagen hatten. Zwei Jahre später erreichte Katharina Büttiker der Anruf einer Galeristin in Düsseldorf, die berichtete, die von ihr beschriebenen Männer würden seit einigen Minuten vor ihrer Galerie auf und ab gehen. Die Galeristin rief die Polizei, ließ die Männer hinein, und verwickelte sie, obwohl sie dabei Blut und Wasser schwitzte, unter Aufbietung all ihrer Nervenstärke in ein Gespräch, bis die Polizei eintraf und die Festnahme erfolgte. Es waren tatsächliche jene Männer, die auch Büttikers Galerie überfallen hatten, professionelle Kunstdiebe aus Miami, wie sich später herausstellte. Die Kunstwerke aus der Schweiz blieben jedoch verschollen.

40000 Kunstwerke aus 125 Ländern

Während Katharina Büttiker auf ihre eigenen Kontakte schwört, rühmen sich staatliche und private Organisationen, dass sie im Kampf gegen Kunstdelikte immer erfolgreicher würden. Das „Art Crime Team“ des FBI, eine speziell für Diebstähle im Kunstbetrieb angelegte Datenbank von Interpol, sowie private Verzeichnisse, allen voran das „Art Loss Register“, listen jedes als gestohlen gemeldete Werk auf. Falls einem Kunsthändler also ein im „Art Loss Register“ verzeichnetes Gemälde angeboten wird, kann er die Organisation kontaktieren.

Das „ALR“ meldete 2010 ungefähr 300000 gestohlene Kunstgegenstände, wovon seit der Gründung 1991 rund sechstausend wiederbeschafft werden konnten. Die Datenbank von Interpol hat bis heute rund 40000 Kunstwerke aus 125 Ländern aufgelistet. Davon wurden zweitausend wiedergefunden. Doch auch hier gibt es Unstimmigkeiten: Sind private Institutionen darauf fixiert, das Diebesgut wiederzubeschaffen, liegt die Priorität der Behörden oftmals auf der Festnahme der Täter.

Insider-Job und Kommunikationsschwierigkeiten

Was aber ist zu tun, um Kunstdiebstähle in Zukunft stärker einzudämmen? Besuch bei einer der führenden Kunstversicherungen Europas. Die Versicherungsexperten Dr. Hans Jürgen Kronauer und Dirk Heinrich von der „Axa Art“ sind überzeugt, dass Diebstähle verhindert werden können, wenn präventiv gute Arbeit geleistet wird. Die „Axa Art“ sitzt im Kölner Stadtteil Holweide in einem riesigen Versicherungskomplex. Das Geschäft läuft gut, denn das Interesse, in Kunst zu investieren, steigt seit einigen Jahren stetig.

Zu den Auflagen der „Axa Art“ an ein bei ihr versichertes Museum gehört unter anderem ein polizeiliches Führungszeugnis sämtlicher Museumsmitarbeiter. Denn Kronauer ist derselben Meinung wie FBI-Agent Wittman: Die meisten Diebstähle würden erst durch einen sogenannten Insider-Job möglich gemacht. Weitere vermeidbare Fehler sind einfache Kommunikationsschwierigkeiten: „Wenn die Alarmanlage zwar schrillt, der Wachmann aber von einem Fehlalarm ausgeht, ist sie vollkommen unnütz. Und auch das beste Sicherheitssystem hilft nichts, wenn die Tür nicht abgeschlossen ist“, sagt Heinrich.

Die „Axa Art“ setzt auf möglichst perfekte Sicherung von Beginn an. Und wenn allen Vorsichtsmaßnahmen zum Trotz dennoch etwas abhandenkommt? Dann wird der vereinbarte Versicherungswert der geklauten Kunstwerke ausbezahlt und die Versicherung ist danach offizieller Eigentümer. Hierbei richtet sich der Versicherungswert nach dem aktuellen Wert des Kunstgegenstandes auf dem Markt, also nach jenem Preis, den der Sammler oder das Museum jüngst für das Kunstwerk bezahlt hat. Auf Lösegeldforderungen gehen Versicherungen hingegen aus guten Gründen nie ein. Denn das Risiko, die Diebe „zu belohnen“ und somit für Nachahmer zu sorgen, ist zu groß. Belohnungen werden allerdings häufiger ausgesetzt.

Für Hinweise zum Verbleib von Jan Vermeers „Das Konzert“ wurden vom FBI übrigens fünf Millionen Dollar Belohnung ausgesetzt. Das Gemälde befand sich unter den dreizehn Kunstwerken, die 1990 aus dem Isabella Stewart Gardner Museum in Boston geklaut wurden. Zwölf Jahre nach dem Diebstahl fehlt von Vermeers „Konzert“ noch immer jede Spur.

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