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Kunstraub Es geschah am hellichten Tag

28.08.2003 ·  In Schottland wurde die Leonardo da Vinci zugeschriebene "Madonna mit der Spindel" geraubt. Der Diebstahl steigert sowohl Bekanntheitsgrad als auch Marktwert des Bildes beträchtlich.

Von Frank Zöllner
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Leere Tresore hat man schon geknackt, die falsche Person als Geisel entführt und nun auch das falsche Gemälde gestohlen: Am Mittwoch um elf Uhr Ortszeit überwältigten zwei Männer mittleren Alters eine Aufsichtskraft in Drumlanrig Castle, Schottland, und entwendeten die "Madonna mit der Spindel" aus der Sammlung des Duke of Bucchleuch. Dann fuhren sie zusammen mit dem Bild und zwei weiteren Männern in einem weißen Golf GTI davon.

Das Gemälde, das seinen Namen einer kreuzförmigen Spindel in den Händen des Jesuskindes verdankt, wird gelegentlich Leonardo da Vinci zugeschrieben, ebenso wie eine fast identische weitere Fassung desselben Sujets in einer New Yorker Privatsammlung. Ausgehend von neueren Forschungen und den nicht zu übersehenden malerischen Schwächen der beiden Bilder hat sich inzwischen allerdings die Ansicht durchgesetzt, daß es sich bei den Gemälden nicht um eigenhändige Werke Leonardos handeln kann, sondern um Produkte von zwei begabten Schülern des Meisters. Eine von Leonardo selbst gemalte Fassung der "Madonna mit der Spindel", die von einem Zeitgenossen im Frühjahr 1501 begeistert beschrieben wird, gilt hingegen als verschollen. Optimisten unter den Forschern versuchen jedoch immer wieder, eine Zuschreibung der beiden erhaltenen Versionen an Leonardo glaubhaft zu machen. Diesen Optimismus eines Teils der Forschung teilten offenbar auch die vier Diebe; möglich auch, daß sie den gelehrten Disput um die Zuschreibung gar nicht zur Kenntnis genommen und das Bild erst einmal mitgenommen haben.

Nichts Vergleichbares auf Markt

Es geht natürlich in jedem Fall um viel Geld. Bei einer glaubwürdigen Zuschreibung an Leonardo wäre das nur 48,3 mal 36,9 cm messende Bildchen wohl um die zwanzig bis dreißig Millionen Euro wert, und selbst als Werkstattarbeit würde das Gemälde noch einen ansehnlichen Preis erzielen. Vergleichbares ist nicht mehr auf dem Markt, die echten Leonardos dieser Welt sind ausnahmslos in öffentlichen Sammlungen, das letzte seriös zugeschriebene Werk des Malers, das um 1479 entstandene Porträt der Ginevra de' Benci, gelangte 1967 in die National Gallery in Washington.

Die beiden "Madonnen mit der Spindel", und das könnte ausschlaggebend für den Raub gewesen sein, sind also die beiden letzten marktgängigen Gemälde, die überhaupt noch mit dem Namen Leonardos und mit seiner Werkstatt in Verbindung gebracht werden können. Damit käme das geraubte Bild wohl für eine der heikelsten Transaktionen des Kunstmarktes infrage: Das Gemälde wird quasi zur Geisel und gegen Zahlung eines angemessenen Lösegeldes dem Besitzer diskret zurückgegeben oder aber an die in solchen Fällen involvierte Versicherungsfirma "verkauft".

Ein Verkauf an mysteriöse Sammler, die das gute Stück dann niemandem zeigen dürften, ist angesichts der Prominenz des Werks praktisch ausgeschlossen. Durch den Diebstahl des Gemäldes hat sich sein Bekanntheitsgrad natürlich schon jetzt beträchtlich erhöht. Ähnliches widerfuhr seinerzeit Leonardos Mona Lisa, die durch ihren Raub im Jahre 1911 und ihr Wiederauftauchen im Jahre 1913 einen gewaltigen Popularitätsschub erhielt. Wenn nun die "Madonna mit der Spindel" in absehbarer Zeit wieder auftauchte, würde der zweifelhafte Ruhm des Raubes paradoxerweise den Marktwert des Bildes steigern und möglicherweise sogar den optimistischen Verfechtern einer Zuschreibung an Leonardo erneuten Auftrieb geben - ein Schelm, wer Böses dabei denkt.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 29.08.2003, Nr. 200 / Seite 36
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