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Gurlitt-Ausstellung in Bern : Die Freiheit von Verdacht

  • -Aktualisiert am

Hierher sollten nur die Bilder kommen, von denen sicher gesagt werden kann, dass es sich nicht um NS-Raubkunst handle: Das Kunstmuseum Bern zeigt aus dem Gurlitt-Erbe nur drei Gemälde – und 150 Arbeiten auf Papier.

          „Der Cézanne ist leider noch nicht da“, sagt Nina Zimmer, die Direktorin des Berner Kunstmuseums, kurz vor der Eröffnung der Ausstellung. Auf fünfzig Millionen Euro wird der Wert des Bilds geschätzt, es ist damit das teuerste im gesamten Gurlitt-Bestand. Von „La Montagne Sainte-Victoire“ aus dem Jahr 1897 aber ist bislang nur eine Kopie zu sehen, das Original soll demnächst folgen. Die Einfuhr in die Schweiz sei durch „eine ganz besondere Eigentumssituation“ verzögert worden, erklärt die Direktorin. Die Behauptung, es gebe einen Rechtsstreit mit der Familie Cézanne, nennt sie falsch. Ebenso das Gerücht, das Gemälde stehe doch unter Verdacht – „keine Raubkunst“, versichert Nina Zimmer. Darin sei man sich mit der Familie Cézanne einig.

          Dafür wird Franz Marcs Aquarell „Pferde in Landschaft“ von 1911 gezeigt, und hier, vor Ort, betrachtet man das Bild mit dem merkwürdigen Gefühl, einen alten Bekannten zu sehen. Es gehörte zu den ersten Werken, die an die Öffentlichkeit kamen. Der bayerische Staatsanwalt zeigte es 2013 auf der Pressekonferenz, als der Bericht des Wochenmagazins „Focus“ bestätigt wurde, dass in München eine umfangreiche Privatsammlung beschlagnahmt worden sei. Die Nachricht ging um die Welt. Mit ihr millionenfach der Marc und die „Sitzende Frau“ von Matisse. Es scheint ein Gesetz der Kunstgeschichte zu sein: Die „Mona Lisa“ wurde erst richtig berühmt, als sie Diebe aus dem Louvre stahlen und die Presse darüber intensiv berichtete. Was nun in Bern zu sehen ist, erlangte den Status von Berühmtheit, weil es „Nazi-Schatz“ genannt wurde und das Gerücht über einen Milliardenwert kursierte.

          Die Ausstellung erzählt zwei Geschichten

          Die Fakten sind andere: Von den etwa 1500 Werken gelten bisher nur sechs als NS-Raubkunst. Cornelius Gurlitt, der Sohn des Kunsthändlers Hildebrand Gurlitt, saß also nicht auf einem „Nazi-Schatz“, wie ihm unterstellt worden war. Und der hypothetische Preis wird heute auf einen dreistelligen Millionenbetrag geschätzt, keine Milliarde Euro. Cornelius Gurlitt starb im Mai 2014, nur wenige Monate nachdem der Skandal öffentlich losgebrochen war.

          Bern beginnt die Ausstellung mit einer Geste der Bescheidenheit: Die Treppe führt die Museumsbesucher in das Untergeschoss, dorthin, wo man Licht machen muss, ein metaphorischer Ort. Die Schau erzählt zwei Geschichten: Die eine handelt davon, wie sich die Angriffe gegen die moderne Kunstwelt vom späten neunzehnten Jahrhundert an immer weiter steigerten und schließlich in der NS-Aktion „Entartete Kunst“ 1937 gipfelten, als aus deutschen Museen alle missliebigen Werke beschlagnahmt wurden. Die andere ist die Geschichte von Hildebrand Gurlitt, die auch in Bonn im Zentrum steht.

          „Warum Bern?“, fragt das Museum selbst

          Was unterscheidet also die beiden Schauen? Als sich das Berner Kunstmuseum nach langem Zögern dafür entschied, das Erbe von Cornelius Gurlitt anzunehmen, verknüpfte es diese Entscheidung mit einer Bedingung: In die Schweiz sollten nur die Bilder kommen, von denen sicher gesagt werden könne, dass es sich nicht um NS-Raubkunst handle. Ausgestellt werden in Bern daher im Moment nur drei Gemälde, die nicht befangen sind: von Otto Dix, Otto Mueller und Louis Gurlitt, einem Landschaftsmaler aus der Familie. Alles andere sind Arbeiten auf Papier, etwa 150, darunter sehr schöne – von Marc, Kandinsky, Kollwitz oder Munch. Für einen Bestand aus Privatbesitz sind die Werke eindrucksvoll; jedes größere Museum in Deutschland oder der Schweiz besitzt allerdings eine bessere Sammlung. In Bern hängt, was nicht unter Verdacht steht und was man mit gutem Gewissen ausstellen kann. Die Recherchen in der Schweiz gehen weiter. Finanziert werden sie durch den Verkauf der beiden Immobilien, die Gurlitt ebenfalls dem Museum vererbte: die Schwabinger Wohnung und das Haus in Salzburg. Ihr Wert wird vom Museum mit rund 1,5 Millionen Euro beziffert.

          „Warum Bern?“, fragt das Museum in einem Wandtext und ist sich bei der Antwort selbst unsicher. Mit Bern verbanden Cornelius Gurlitt „geschäftliche Kontakte“ zu Galerien und Auktionshäusern. Der Onkel, ein Musikwissenschaftler, wohnte nach dem Krieg einige Jahre dort. Gurlitts Entscheidung, sein Erbe einem Haus in der Schweiz zu vermachen, hängt wohl aber auch damit zusammen, wie bayerische und deutsche Behörden mit ihm umsprangen. Die Beschlagnahme der Sammlung wegen des Verdachts auf Steuerhinterziehung war, da ist man sich heute einig, unsachgemäß. Was Gurlitt danach an Transparenz und Aufarbeitung leisten musste, hat die Politik bis heute von keinem einzigen deutschen Museum verlangt.

          Die dunklen Seiten der Herkunft

          Die Bundeskunsthalle in Bonn und das Kunstmuseum Bern eröffnen an diesem Donnerstag und Freitag zwei Ausstellungen, die sich der „Bestandsaufnahme Gurlitt“ widmen. Der Fall kam im November 2013 als „Schwabinger Kunstfund“ an die Öffentlichkeit. In der Münchner Wohnung von Cornelius Gurlitt (1932 bis 2014), dem Sohn des Kunsthändlers Hildebrand Gurlitt, wurden bereits im Frühjahr 2012 rund 1300 Kunstwerke sichergestellt und von der bayerischen Justiz beschlagnahmt. Im Februar 2014 kamen noch etwa dreihundert Werke dazu, die in Cornelius Gurlitts Haus in Salzburg gefunden wurden. In seinem Testament hat er kurz vor seinem Tod im Mai 2014 das Kunstmuseum Bern zum Alleinerben seines gesamten Vermögens eingesetzt; Bern nahm dieses Erbe an.

          Der „Schwabinger Kunstfund“ hat, neben juristischen Fragen nach der Rechtmäßigkeit seiner Beschlagnahme, das Thema der Provenienzforschung in Deutschland dringend gemacht. Es wurde eine „Taskforce“ gebildet, dann auf Initiative der Kulturstaatsministerin Monika Grütters das „Deutsche Zentrum für Kulturgutverluste“ in Magdeburg gegründet und mit bisher drei Millionen Euro ausgestattet. In Berlin forscht das Projekt „Provenienzrecherche Gurlitt“ an der Aufklärung von Lücken in der Herkunft. Von den knapp 1600 gefundenen Werken gelten inzwischen gut 460 als vom Raubkunstverdacht befreit. Aber nur sechs Werke konnten bisher eindeutig geklärt, entsprechend restituiert oder ihrer Restituierung zugeführt werden. Die Herkunftsklärung der Mehrzahl der Bilder steht noch aus. In Bonn werden Werke aus dem Gurlitt-Bestand gezeigt, an denen sich der „NS-Kunstraub und die Folgen“ dokumentieren lässt. In Bern sind die als „entartet“ diffamierten Werke dieses Konvoluts zu sehen, deren Herkunft als vorerst geklärt gelten darf. (jvo/rmg)

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