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Kunstgeschichtliche Sensation Der Mann im roten Stein

03.09.2008 ·  Zufällig ist ein Archäologe aus Halle in einem Bild des flämischen Malers Robert Campin auf ein raffiniert verstecktes Selbstbildnis gestoßen. Der Bärtige im Ehering der Porträtierten war fast sechshundert Jahre lang unentdeckt geblieben.

Von Dieter Bartetzko
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Eigentlich war Mirko Gutjahr, genau wie seine Archäologenkollegen, auf der Suche nach dem Ring der Katharina von Bora. Genauer: Er studierte Gemälde der Lutherzeit, um Vergleichsbeispiele für jenen kleinen, mutmaßlich der Ehefrau Martin Luthers gehörigen Goldring zu finden, der 2005 bei Ausgrabungen im Garten des Lutherhauses in Wittenberg gefunden worden ist. Das Schmuckstück, dessen „Krappenfassung“ (krallenförmigen Spitzen, die einen Edelstein halten) leer ist, will man vom 31. Oktober dieses Jahres an in der großen Landesausstellung „Fundsache Luther“ im Museum für Vor- und Frühgeschichte in Halle präsentieren.

Dieser Ring soll durch Bildvergleiche als jenes Schmuckstück identifiziert werden, von dem Luther 1536 schrieb, es sei seiner Frau Katharina von dem Straßburger Theologen Wolfgang Capito geschenkt worden, zu ihrem großen Bedauern aber verlorengegangen. Noch attraktiver würde er, könnte man ihn als identisch mit jenem Ehering erkennen, den Katharina von Bora in dem berühmten Hochzeitsbildnis trägt, das Lucas Cranach 1526 als Doppelporträt von ihr und Martin Luther malte.

Sechshundert Jahre lang unbemerkt

Mirko Gutjahr begutachtete deshalb auch zuerst den mit einem leuchtend blauen Stein in Krappenfassung verzierten Ring, den Katharina von Bora auf Cranachs Bildnis am linken Ringfinger trägt. Dafür, dass dies ein Ehering gewesen sein könnte, führt der Archäologe Erasmus Alberus an, der 1536 über die Hochzeitsrituale seiner Zeit schrieb: „Es ist eine Alt Gewohnheit, dass man der Braut ein gulden Ring an den Finger tut, der an der linken Hand dem kleinen am nächsten ist.“ Gutjahr studierte selbstverständlich auch Vergleichsbeispiele wie Quentin Massys’ 1520 entstandenes Gemälde „Der Geldwechsler und seine Frau“ im Pariser Louvre. Darauf tragen beide Protagonisten ähnliche Ringe wie den der Katharina von Bora. Mehr noch, auf ihrem Ladentisch, Zeugnis der weiten Verbreitung dieses Brauchs, liegt eine Rolle, auf der vier Ringe mit Krappenfassung und funkelnden Edelsteinen aufgesteckt sind.

Was um 1520 allgemein üblich war, war auch hundert Jahre zuvor schon gang und gäbe. Darüber versicherte sich Mirko Gutjahr anhand von Robert Campins um 1435 entstandenem berühmtem „Porträt einer Frau“ in der National Gallery in London. An ihm aber machte er eine Entdeckung, die den Aufmerksamkeitswert des eventuellen Fundes des Eherings der Katharina von Bora bei weitem übersteigt: Beim Studium der Lichtreflexe des roten Steins am Ehering der Schönen in der National Gallery schaute der Archäologe plötzlich einem Bärtigen in die Augen. Im Klartext: Robert Campin hat, was sechshundert Jahre lang unbemerkt blieb, das Gesicht eines Mannes als Spiegelung auf den geschliffenen roten Stein gemalt.

Der wichtigste Künstler der altniederländischen Malerei

Spiegelbilder als Bild im Bild – seien es direkte mittels Reflexen auf gemalten Hohlspiegeln wie beim Geldwechslerpaar oder der „Arnolfini-Hochzeit“ des Jan van Eyck, oder seien es Spiegelungen in den Pupillen Porträtierter –, waren in jener Epoche nicht selten. Doch im Fall der Campin-Dame kommt zum Verdienst, ein winziges, bisher übersehenes Bild im Bild dingfest gemacht zu haben, die Genugtuung, nun womöglich ein Selbstporträt des Robert Campin zu besitzen. Der Blick des „Ringsmannes“ nämlich ist direkt auf den Betrachter gerichtet, was unter den Bedingungen der Spiegelung heißt, dass der Dargestellte nur der Maler sein kann, der sein Modell, die junge Frau, fixierte. Mirko Gutjahr und der Hallenser Kunsthistoriker Wolfgang Schenkluhn sind davon überzeugt.

Das wiederum dürfte Kunsthistorikern und Kunstliebhabern freudige Schauer über den Rücken laufen lassen: Es dauerte lange, ehe die Kunstgeschichte Robert Campin als Urheber nicht nur einiger weniger bezeugter Gemälde, sondern auch als Schöpfer jener grandiosen, aber anonymen Bilder identifizierte, die zuvor mit den Notnamen „Meister von Flemalle“ und „Meister von Mérode“ bezeichnet wurden. Damit ist Campin zum – neben den Brüdern van Eyck – wichtigsten Künstler der altniederländischen Malerei aufgestiegen. Zu einem aber, von dem bisher kein Selbstbildnis bekannt war.

Doch gibt es Umstände, die Gutjahrs Entdeckung darüber hinaus Massenpopularität eintragen könnten: Der Mann im roten Stein trägt halblange gescheitelte Haare und einen langen Schnurrbart. Damit ist die Möglichkeit ausgeschlossen, dass Robert Campin ein Bildnis des Gatten der Londoner Schönen auf den Stein gemalt haben könnte. Denn diesen hat Campin (oder einer seiner Schüler) im gleichen Format und auf demselben Holz gemalt; er hängt folgerichtig auch neben der Schönen in der National Gallery. Das Doppel-, vielleicht sogar Hochzeitsbildnis aber zeigt den Gatten als hageren, glattrasierten und verdrießlich dreinschauenden älteren Mann mit rotem Turban, dessen Farbe die Blässe der Gesichtszüge betont; ein Gegenbild geradezu jenes vitalen Mannsbilds auf dem Ring, dem der rötliche Widerschein des Edelsteins feuriges Leben ins Gesicht malt.

Intrigen, Leidenschaften und Geheimbotschaften

Auch Mirko Gutjahr hat diesen Kontrast registriert und sich seinen Reim darauf gemacht. Er erwägt Zusammenhänge zwischen Robert Campins bewegtem Leben und dem getarnten Bildnis: Campin, in Tournai ansässig, Mitglied des Stadtrats und in kinderloser Ehe verheiratet mit einer sieben Jahre älteren Frau, erlebte einen Einbruch seiner glänzenden Karriere, als er 1429 wegen Verwicklung in die Aufstände der Tournaier Zünfte gegen das regierende Patriziat zu einer Bußwallfahrt verurteilt wurde. Den wirklichen Abstieg aber brachte ein zweiter Urteilsspruch 1432: Campin wurde eine hohe Geldstrafe auferlegt, weil er „schon seit langer Zeit ein unsauberes und ausschweifendes Leben“ geführt und mehrfach Ehebruch begangen habe. Seine restlichen dreizehn Lebensjahre verbrachte Campin verarmt und nahezu auftragslos.

Affären, eine heimliche Liebe, die der Maler ausgerechnet im Ehering seiner Geliebten verrätselte, deren Bildnis vom gehörnten Gatten teuer bezahlt worden war? Spätestens bei Bekanntwerden dieser Vermutungen werden Millionen begeisterter Leser des „Da Vinci Codes“ aufmerken. Dünkel ist unangebracht. Wer, egal ob Kunsthistoriker oder Kunstliebhaber, wäre nicht elektrisiert, wenn in der sechshundert Jahre alten millimetergroßen Darstellung eines die Nachwelt anstarrenden Gesichts eine Welt aus Intrigen, Leidenschaften und Geheimbotschaften zu entdecken ist? Egal, was am Ende herauskommt: Halle hat seinen Donnerschlag zum Auftakt der Landesausstellung.

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