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Kunstfilm „Loving Vincent“ : Ein Leben in 65.000 Bildern

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Entschleunigung eines Malwütigen: Szenenbild aus „Loving Vincent“ mit Louise Chevalier (Helen McCrory) Bild: Weltkino Filmverleih

Der schönste und überraschendste Kunstfilm des Jahres: „Loving Vincent“ ist eine Hommage an Vincent van Gogh, geschaffen von Künstlern aus aller Welt.

          Es ist wie mit den Weihnachtsgeschenken. Manchmal kommen die besten erst nach den Feiertagen. Sie sind zuvor in der Post stecken geblieben, oder der Besuch, der sie bringt, konnte erst nach den Familienfestlichkeiten vorbeischauen. Warum „Loving Vincent“ in Deutschland erst so spät anläuft (in Schweden zum Beispiel kam er schon im November in die Kinos), weiß kein Mensch. Aber: Er ist der originellste, schönste und berührendste Kunstfilm, den das Jahr 2017 zu bieten hat.

          Über diesen Film ließen sich ganze Bücher schreiben, aber man kann es auch kurz machen. Hier also nur drei Gründe, warum man „Loving Vincent“ unbedingt gesehen haben sollte.

          Fantastisch schön anzusehen

          Der erste Grund: Weil er so fantastisch schön anzusehen ist. Die zwei unglaublichen Zahlen, die man sich in diesem Zusammenhang merken kann, sind „125“ und „65 000“. 125 Künstler aus aller Welt haben 65 000 Einzelbilder für „Loving Vincent“ gemalt. Diese Ölgemälde, die für den Film abfotografiert wurden, messen etwa einen Meter auf sechzig Zentimeter. Den Stil haben Vincent van Goghs Kunstwerke selbst vorgegeben: Fast hundert von ihnen wurden eins zu eins kopiert, sie bilden die Brückenköpfe des Films, verbunden durch Tausende frei erfundene Bilder. Jede Szene wurde dafür zuerst mit Schauspielern aufgeführt, abgefilmt und dann gemalt. „Es ist“, sagt einer der beiden Regisseure in einem Interview, „zweifelsohne die langsamste Methode, die je entwickelt wurde, um einen Spielfilm zu machen.“

          Ein Rekord wurde damit jetzt schon aufgestellt: Es ist der erste vollständig in Öl gemalte Film der Geschichte. Das Beste aber ist natürlich nicht der Rekord, sondern sein Effekt. Wer hätte gedacht, dass es einen Film braucht, um an den alten Zaubertrick der Malerei zu erinnern? Wie eine Welt aus Farbe und Strichen entsteht, zeigt „Loving Vincent“ in jedem Bild. Und das Wunder, von dem man nicht genug bekommen kann, besteht darin, dass man den Trick sieht und sich die Illusion trotzdem einstellt.

          Ein Biopic, frei von Klischees

          Der zweite Grund: Weil die Geschichte großartig ist. Das ist die nächste Überraschung. Die meisten Biopics über berühmte Künstler sehen so übel aus, wie Tütensuppen schmecken. Der Grund ist das immer gleiche Rezept: ein bisschen Künstlerwahnsinn, dazu erwartbaren Spießerwahnsinn, Höhen, Tiefen, Meisterwerke, Unverständnis, Tragik, Ende.

          Im Fall von „Loving Vincent“ kommt das alles nicht vor. Und das ist ein Geniestreich, da Vincent van Gogh, der Mann, der sich das Ohr abschnitt, ja eigentlich der Inbegriff des verrückten Künstlers ist, die Blaupause aller Malerklischees. Aber Klischees scheinen die Macher von „Loving Vincent“ nicht zu interessieren. Sie gehen einer aufrichtigen Frage nach: Wer oder was brachte Vincent van Gogh dazu, sich in den Oberkörper zu schießen und sich damit die Verletzung zuzufügen, an der er starb?

          Die Filmversion van Goghs Bilderstrecke

          Eine Antwort darauf sucht in „Loving Vincent“ der Sohn des Postboten, der, ein Jahr nachdem Vincent van Gogh gestorben ist, dessen letzten Brief zustellen will. Das ist die Rahmenhandlung. Sie spielt in Frankreich 1891. Und damit hat der Film zwei Hauptdarsteller: Vincent van Gogh und den Sohn des Postboten, der wie ein Detektiv die letzten Lebensmonate des Malers rekonstruiert. Er spricht mit Freunden, Bekannten, Geliebten und dem durch van Goghs Porträt später weltberühmt gewordenen behandelnden Arzt Dr. Gachet. Die Rückblenden werden wie in einem Puzzle zusammengesetzt. „Loving Vincent“ ist damit ein kluges Kriminalstück. Als würde der Sog der Bilder nicht schon reichen, kommt noch der des Plots dazu.

          Der dritte Grund: Weil das ein Film gegen alle Wahrscheinlichkeiten ist. Es gab in den vergangenen Jahrzehnten eine Explosion digitaler Effekte, alles, was sich am Computer herstellen ließ, wurde ausprobiert, visuell und akustisch. Niemand aber hätte damit rechnen können, dass sich eine Polin und ein Engländer im 21. Jahrhundert zusammensetzen, um einen Kinofilm in Öl zu produzieren. In mühseliger, kostspieliger, langwieriger Handarbeit. Zusammen schrieben Dorota Kobiela und Hugh Welchman das Drehbuch und führten Regie. Für den Animationsfilm „Peter und der Wolf“ hatte Welchman 2008 bereits einen Oscar gewonnen. Das ist schön, erklären kann das jedoch nichts. Weder ökonomisch noch strategisch ist „Loving Vincent“ sinnvoll. Kein Reißbrett dieser Welt hätte so etwas hervorbringen können.

          Das heißt nichts anderes, als dass dieser Film durch und durch unvorhergesehen ist. Darin besteht das größte Glück. Wer zu den Menschen gehört, die im Kino weinen, wird es hier tun.

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