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Foto-Festival „Ray 2018“ : Viel Hölle, wenig Himmel

Das Festival „Ray 2018“ widmet sich den Extremen der Welt – und der Fotografie. Die ausgestellten Werke sind teils skurril, teils erschreckend und immer wieder mahnend.

          Extreme! Das klingt gut. Das klingt fast schon marktschreierisch verführerisch: Rekorde schwingen da ebenso mit wie Unglücke, Heimlichkeiten wie Größenwahn, Klimawandel wie entfesselte Lust – von „extrem“ ist es nicht weit bis „radikal“, „rücksichtslos“ und „zum Äußersten entschlossen“. Da schaut man gerne hin.

          Freddy Langer

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das „Reiseblatt“.

          „Extreme“ ist der Leitbegriff der Frankfurter Triennale für Fotografie, die jetzt zum dritten Mal stattfindet, mit noch mehr Ausstellungen und noch mehr Veranstaltungen als bisher. Man müsse der Flut der Bilder, hieß es zur Eröffnung, von der man im Alltag durch Zeitungen, Fernsehen und nicht zuletzt die sozialen Medien überschüttet werde, entgegenwirken – und wählte dazu, wie bei dem knapp einem Dutzend anderen etablierten Foto-Festivals in Deutschland ebenfalls üblich, den Weg des Overkill qua Fotografie.

          Sechzehn Partner haben sich zwischen Aschaffenburg und Mainz, Darmstadt und Wiesbaden für „Ray 2018“ zusammengetan. Mittelpunkt ist Frankfurt mit vier zentralen Bilderschauen – jede einem eigenen Thema gewidmet, jede zugleich mit dem Anspruch, die Vielfalt der fotografischen Möglichkeiten am Beispiel jeweils eines Begriffs durchzudeklinieren: Sie heißen „Territories“ und „Nomads“, „Environments“ und „Bodies“.

          Skurril bis verstörend

          Nur bei den Körpern wird der Besucher ausdrücklich gewarnt, „dass einige Fotografien insbesondere auf Kinder und Jugendliche verstörend wirken oder ihr sittliches Empfinden verletzen könnten“. Dabei wäre der Hinweis an den anderen Ausstellungsorten kaum weniger gerechtfertigt. Denn allemal verstörend sind die Porträts wegen laxen Umgangs mit Chemikalien verkrüppelter Kinder, sind die Konterfeis der Opfer von Flutkatastrophen, die im eigenen Haus bis zum Hals im Wasser stehen, sind die Aufnahmen ertrunkener Flüchtlinge, die an den Gestaden des Mittelmeers wie Sondermüll in Plastiksäcke gepackt werden.

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          Dagegen nehmen sich die Bilder von Boris Mikhailov, der in den prekären Vierteln seiner Heimatstadt Charkiw in der Ukraine mal betrunken wirkende, mal unübersehbar debile Menschen dafür gewinnt – mitunter gegen Bezahlung –, sich ihrer Kleider zu entledigen und wechselseitig an die Geschlechtsteile zu fassen, fast harmlos aus, schlimmstenfalls skurril. Im Ausnahmefall allerdings gelingen Mikhailov Aufnahmen, deren Bezüge zur Malerei, nicht zuletzt der christlichen Ikonographie, die bizarren Szenen auf gespenstische Weise erhöhen. Das ist der Moment, in dem der Schnappschuss den Schritt zur Kunst unternimmt.

          Über den Status der Fotografie als Kunst, hieß es ebenfalls während der Eröffnung, müsse nicht länger diskutiert werden – als wäre das eine ausgemachte Sache. Dabei zementiert „Ray“ mit dem Großteil der präsentierten Arbeiten die mittlerweile überhandnehmende Rolle der journalistischen Fotografie im Ausstellungsbetrieb der Museen. Als spielte der Nachrichtenkontext eine untergeordnete Rolle, haben die Aufnahmen von Flüchtlingsströmen, Naturkatastrophen oder Kriegsschauplätzen fast unmerklich von der politischen Berichterstattung den Weg ins Feuilleton genommen und von dort direkt in den Kunstbetrieb. Nicht länger in Illustrierten und Magazinen, sondern in aufwendig gestalteten Fotobänden und an der Wand von Galerien hat die Fotoreportage heute ihr Zuhause. Das Publikum wird dadurch immer kleiner, und die Auseinandersetzung mit dem Material kreist häufiger um Ästhetik als um Fakten und Zahlen.

          Fotoreporter als Geschichtenerzähler

          „Photography comes after the story“: So beschrieb deshalb vehement der Fotograf Mathieu Asselin seine investigative Recherche zur Geschichte des Chemieunternehmens Monsanto. Seine Bilder illustrierten nur seine erschütternden Erkenntnisse. Um die Arbeit zu begreifen, muss man sein Buch lesen – weshalb die Kuratoren kurzerhand die Doppelseiten seines Bands an die Wand gepinnt haben.

          „Storytelling“ ist die vielleicht am häufigsten wiederkehrende Vokabel dieses Foto-Festivals. Und wenn das Leben die besten Geschichten schreibt, warum sollen dann nicht die Fotoreporter die besten Erzähler sein? Wie zu einem Roman addieren sich in einem komplett austapezierten Saal die Tausende von Fotografien Antoine d’Agatas aus randständigen Lebenswelten im Kreislauf von Drogenexzessen, Prostitution, Armut und Gewalt. Wie düster-romantische Lyrik lassen sich hingegen die kleinen Stereotafeln mit Vogelbildern von Krista Caballero und Frank Ekeberg lesen, während der Raum erfüllt ist vom Gezwitscher ausgestorbener Arten. Mit ihrer Installation „Wüstungen“ aus historischen Amateurfotografien, großformatigen Landschaftsbildern, Landkarten und Faksimiles von Behördenpost breiten Anne Heinlein und Göran Gnaudschun die Geschichte der deutsch-deutschen Grenze vom Todesstreifen zur Wildnis zu einem Epos aus.

          Auch das gehört zum Wesen der Fotografie: zu bewahren, was bald wieder verschwunden sein wird. Dann übernimmt sie die Rolle eines Gedächtnisses für Orte, denen man die Geschichte ausgetrieben hat. Etwa den menschenverachtenden Hochhaussiedlungen chinesischer Trabantenstädte, für die ganze Dörfer ausradiert wurden und denen dennoch nur eine Lebenszeit von fünfzehn Jahren gegeben ist.

          Wenn es einen gemeinsamen Nenner der vielfältigen und allesamt großartigen Ausstellungen gibt, dann ist es: extremes Erschrecken. Mahnend weisen die Aufnahmen, sei es Kunst, sei es Reportage, auf die Schwachstellen der Welt hin. Von der simulierten Perfektion menschlicher Körper bis zum hoch aufgerüsteten Alpenraum, dessen Berge vernarbt sind von den technischen Erfordernissen der Freizeitindustrie. Da tut es gut, die seltsam friedlichen, surrealistisch angehauchten Aufnahmen von Arno Rafael Minkkinen zu betrachten, in denen der Fotograf inmitten einer Urnatur zu verschwinden scheint, in Felsen, zwischen Bäumen, unter Wasser. Stets nackt, wird er Teil eines größeren Ganzen und löst sich in den dramatischen Landschaften gleichsam auf. „Heaven is right here“, hat er das dieser Tage kommentiert.

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