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Kunstfälschung Die Gangster von Mainz

21.08.2009 ·  Über tausend gefälschte Skulpturen des Schweizer Künstlers Alberto Giacometti hat das Landeskriminalamt in Mainz sichergestellt. Ein gigantischer Schwindel, aber kein Einzelfall auf dem Kunstmarkt, der immer mehr Laien und Schnäppchenjäger anlockt.

Von Niklas Maak
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Der 11. August 2009, der Tag, an dem es den Reichsgrafen erwischte, war zu kalt für die Jahreszeit. Der Himmel über Frankfurt war bedeckt, die Temperaturen lagen bei 19 Grad, später lockerten die Wolken auf. Als es dann dunkel wurde, war der Reichsgraf kein Reichsgraf mehr, und dem Baden-Württembergischen Landeskriminalamt – eines von wenigen, die sich eine eigene Kunstabteilung leisten – war einer der größten Coups in seiner an Sicherstellungen nicht armen Geschichte gelungen: Drei Personen, ein neunundfünfzigjähriger Betrüger, der in Frankfurt verhaftet worden war, ein sechzigjähriger Mainzer Kunsthändler und seine Frau – saßen in Untersuchungshaft, und in der Nähe der Stadt hatte man ein geheimes Lager ausgehoben, in dem rund tausend gefälschte Skulpturen (darunter 160 Gipse) des Schweizer Künstlers Alberto Giacometti zu finden waren.

Der Betrüger soll versucht haben, die Fälschungen an Interessenten im Ausland, aber auch in Deutschland zu verkaufen – zu Preisen, die laut Landeskriminalamt bis in den „zweistelligen Millionenbereich“ gingen. Tausend Skulpturen – das ist nun doch eine Zahl, die Fragen aufwirft. Wird der Markt nicht misstrauisch, wenn in kurzer Zeit so viele unbekannte Werke auftauchen? Und: Wie versteckt man überhaupt tausend Skulpturen?

Hehlerfreundliche Kunstwerke

Nun ist kaum ein Bildhauer so lagerungsfreundlich wie Giacometti. Die extrem schmalen Figuren sind oft meterhoch, aber nur wenige Zentimeter breit; den Hehlern, sagt Horst Haug vom Landeskriminalamt, „reichten zweihundert Quadratmeter als Lagerfläche“. Nach dem derzeitigen Stand der Ermittlungen soll der aus Schwerin stammende Angeklagte, der sich laut LKA als „Reichsgraf“ ausgab, bei den Kaufinteressenten gefälschte Echtheitszertifikate vorgelegt haben, die er mit einer phantasievollen Legende schmückte: Er sei ein Freund des 1985 in Paris verstorbenen Bruders von Alberto, Diego Giacometti, gewesen und habe zahlreiche Skulpturen aus dessen – vor den Erben geheim gehaltenem – Fundus übernommen.

Dazu legte er ein in Kleinstserie verlegtes, 139 Seiten starkes Buch mit dem Titel „Diegos Rache“ vor, das diese Geschichte stützte. „In diesem Buch von Lothar Senke Graf von Wallstein finden Sie viele Details, die stimmen, insgesamt wurde es aber nur zur Legitimierung der Fälschungen verfasst“, sagt Eberhard W. Kornfeld, angesehener Giaometti-Experte und Leiter der gleichnamigen Berner Kunsthandlung. Hinten im Buch werde auf die Firma Schulte E-Commerce in Mainz verwiesen. Einmal habe man ihm eine der Bronzen angeboten; sie sei sehr schlecht gemacht und sicher nicht von Giacometti gewesen, sagt Kornfeld. Bei E-Commerce in Mainz ging gestern niemand mehr ans Telefon.

Schlechte Imitate

Der Justiz sind die jetzt festgenommenen Delinquenten nicht unbekannt. Seit November vorigen Jahres läuft im Stuttgarter Landgericht ein Prozess, in dem es um den versuchten Verkauf von dreizehn mutmaßlich gefälschten Skulpturen Giacomettis geht. Ein Böblinger Unternehmer hat ausgesagt, die Skulpturen 1992 von der Familie des griechischen Politikers Konstantinos Mitsotakis im Tausch gegen 17 Hektar Land erhalten zu haben. Er habe nie Zweifel daran gehabt, dass die Bronzefiguren echt seien. Von Böblingen aus war versucht worden, die Skulpturen zu Preisen zwischen 40.000 und 35 Millionen Euro zu verkaufen, zwei Verkäufe klappten. Im Dezember sagte der Graf als Zeuge aus, die dreizehn Skulpturen stammten aus einem Fundus von Diego. Am 11. August wurde er in einem Hotel am Frankfurter Flughafen beim Versuch überwältigt, eine der Fälschungen loszuwerden.

Der große Giacometti-Betrug ist kein Einzelfall. Mit dem Kunstmarktboom der vergangenen Jahre, der neue, wenig erfahrene Kunden in den Markt brachte, wuchs auch der Fälschungsmarkt. Dazu kommt, erklärt der Giacometti-Experte Ulf Küster von der Fondation Beyeler, dass die Giacomettis ihre Abgüsse nicht immer ordentlich numeriert hätten – das macht man Fälschungen einfacher, obwohl Kenner an Proportion, Form und Patina hätten sehen können, dass es sich um Fälschungen handele. Es scheine dennoch so zu sein, dass der Markt schnell und schlecht gemachter Fälschungen rapide wachse: „die Fälschungen waren früher sehr viel intelligenter gemacht“, sagt auch Kornfeld. Wolfgang Schönleber vom LKA Stuttgart erklärt, dass gerade auch neue Vermarktungskanäle wie „Internet-Foren nicht dazu beitragen, den Markt sicherer zu machen“. Viele Kunden nähmen für den „Schnäppchenpreis“ – ein Giacometti schon ab 40.000 Euro – dubiose Hintergründe in Kauf.

Währenddessen wird die Diskussion um Orginal und Fälschung kunsthistorisch immer schwieriger – gerade bei Güssen. Was ist echt, was bloßer Nachguss, was noch „Appropriation Art“, was schon Betrug? Dalí signierte bekanntlich leere Leinwände, auf die dann irgendjemand malte: Ist das noch ein Dalí-Werk oder nicht (ein Bild, das Martin Kippenberger bei Plakatmalern in Auftrag gab, ist eindeutig ein „Kippenberger“)? Bei den sichergestellten Giacomettis stellen sich solche Fragen nicht. Wenn nicht noch ein überraschender Beweis ihrer Echtheit vom Himmel fällt, werden sie wohl bald eingeschmolzen.

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Jahrgang 1972, Redakteur im Feuilleton.

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