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Kunstfälscherring Die Leinwand ist alt, das Kunstwerk nicht

Die Ermittlungen gegen einen internationalen Kunstfälscherring gehen weiter. Eines steht bereits fest: Die Sorglosigkeit, mit der Warnzeichen ignoriert wurden, ist erstaunlich.

© Wonge Bergmann Vergrößern Eines der beschlagnahmten Bilder im Keller des Bundeskriminalamts in Wiesbaden.

Der Skandal um die mutmaßliche Fälschung russischer Avantgardekunst zieht immer weitere Kreise. Nach Informationen dieser Zeitung steckt hinter den Hunderten von Werken, die die Polizei in der vergangenen Woche in verschiedenen Bundesländern beschlagnahmt hat, ein internationaler Fälscherring, der von Israel aus operiert.

Die beiden in Wiesbaden verhafteten Kunsthändler, der Israeli Itzhak Z. (67) und der Deutsch-Tunesier Moez Ben H. (41), sollen demnach nur zwei von mehren Zwischenhändlern gewesen sein, die die Fälschungen unter anderem auch in Spanien und in der Schweiz in Umlauf gebracht haben. Ein in Israel lebender Jurist mit guten Verbindungen nach Deutschland wird dem Vernehmen nach verdächtigt, einer der Köpfe hinter den über mindestens acht Jahre ausgeführten vermuteten Betrügereien zu sein.

Im Labor entdeckte Fälschungen

Zahlreiche der mutmaßlichen Fälschungen wurden im in Fachkreisen bekannten Untersuchungslabor Jägers in Bornheim bei Köln naturwissenschaftlich untersucht. Das Institut, das vor zwei Jahren mindestens ein Gemälde von Wolfgang Beltracchi als Fälschung entlarvt hatte, wies auch diesmal eine Reihe von Werken zurück. Zu grundsätzlichen Zweifeln an der Seriosität der Bilderquelle führte das aber offensichtlich nicht: Andere Gemälde erhielten aufgrund der verwendeten zeitgenössischen Materialien ein positives Testat.

Dass Pigmente, Leinwände, Papier und Rahmen von vor Hundert Jahren in Russland nach wie vor gekauft werden können, ist allerdings spätestens bekannt, seit der damalige Museumsdirektor Georg-W. Költzsch 1998 dem Folkwang-Museum in Essen den peinlichen Skandal um gefälschte Jawlensky-Aquarelle eingebrockt hat.

Erfundene Provenienzen

Ins Interesse der Ermittler sind inzwischen auch diesmal wieder öffentliche und private Museen in Deutschland gerückt. In mindestens einem Fall kaufte der schon vor einigen Jahren in den Ruhestand gewechselte Direktor eines großen Museums in Nordrhein-Westfalen ein Werk der russischen Avantgarde an, obwohl die Materialuntersuchung negativ ausgefallen war. Ob es - falls das Bild tatsächlich nicht authentisch ist - einen Zusammenhang zu den aktuellen Ermittlungen gibt oder ob das schon vor zwanzig Jahren gekaufte Werk aus einer anderen Quelle stammt, ist noch nicht ermittelt. Das betroffene Museum war am Wochenende für eine Stellungnahme nicht zu erreichen.

Fragen stellen sich auch zu einer Ausstellung, die im vergangenen Herbst das Museum Moderner Kunst in Passau unter dem Titel „Revolution in der Kunst“ gezeigt hat. Die gezeigten Werke stammten zu einem großen Teil aus der Sammlung der „Russian Avantgarde Art Foundation“ (RAAF) mit Sitz in der Schweiz, an der neben anderen Sammlern der Frankfurter Kaufmann Michael Kroll beteiligt ist. Viele der Werke waren in der Vergangenheit nie zu sehen gewesen.

Auf Fragen nach der Herkunft reagierte das Museum am Wochenende mit einer Stellungnahme auf seiner Website: „Die in Passau präsentierten Werke russischer Avantgarde aus der Sammlung von Herrn Michael Kroll waren, soweit möglich, durch Gutachten abgesichert. Etliche Werke, etwa von Natalia Gontscharowa, sind in Standardpublikationen bereits veröffentlicht gewesen. Die Werke sind zwei Mal vom Zoll München kontrolliert worden, auch das LKA Bayern war über die Einfuhr und die Präsentation in Passau informiert, zu einem Zeitpunkt, als die Ermittlungen zu dem jetzt aufgedeckten Fälscherring sicher bereits geraume Zeit im Gange waren.“

Gutachten recht verschiedener Qualität

Über die Qualität der Gutachten, bei denen es sich zum Teil nur um Beschreibungen oder um Materialuntersuchungen handelt, ist damit wenig gesagt. Zu Gontscharowa gibt es mindestens zwei widerstreitende Publikationen, die beide für sich beanspruchen, das gültige Werkverzeichnis zu sein. Dass russische Museumsangestellte, bis der Kulturminister diese Form der Korruption 2006 verbot, gegen Bezahlung munter Gutachten schrieben, ist hinlänglich bekannt. Und der Versuch, an Stelle seriöser und unabhängiger Expertisen Zoll- oder Versicherungsdokumente zu setzen, für die mangels Kenntnis meist ungeprüft die angegebenen Namen der angeblichen Künstler verwendet werden, ist so alt wie der Kunsthandel selbst. Polizeiliche Ermittlungen im Zusammenhang mit der Passauer Ausstellung seien nicht bekannt, betont das Museum noch - und setzt ein Ausrufezeichen dahinter.

Auch verschiedene deutsche Auktionshäuser, in denen von 2007 an Sonderauktionen mit russischer Kunst stattfanden, stehen unter Erklärungsdruck. Der russische Kunsthistoriker Konstantin Akinsha hat zahlreiche russische Kustoden und Kunsthändler, die wegen Herstellung von und Handel mit Fälschungen verurteilt wurden, benannt und weist für ein kubistisches Stilleben von Liubov Popova sogar nach, dass das verwendete Alphabet erst nach der Oktoberrevolution 1918 eingeführt wurde - viel zu spät für eine Verwendung auf dem kubistischen Mixed-Media-Bild. Das Werk wurde trotzdem, mit Jägers-Expertise, so der Katalog, aufgerufen. Für ein anderes angebotenes Bild nahmen die Fälscher versehentlich die seitenverkehrte Katalogabbildung eines Originals als Vorlage, ohne dass der Fehler im Vorfeld aufgefallen wäre.

In Deutschland scheint man Akinshas warnende Recherchen vor vier Jahren nicht gelesen haben. Nach Angaben des Bundeskriminalamtes ging hier der Handel mit mutmaßlich gefälschter russischer Kunst bis in die vergangene Woche sorglos weiter.

Quelle: F.A.Z.

 
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