Home
http://www.faz.net/-gsa-6u9kt
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Kunstfälscher-Prozess Das ist nicht die ganze Wahrheit

11.10.2011 ·  Der Prozess gegen die Kunstfälscher von Köln steht kurz vor dem Abschluss. Neue Erkenntnisse zeigen: Nur ein Bruchteil des Betrugs ist bislang ans Licht gekommen.

Von Niklas Maak
Artikel Bilder (1) Lesermeinungen (0)

Der interessanteste Moment im gestrigen Prozesstag war der, als der Richter fragte, wieso Wolfgang Beltracchi, der Fälscher, denn für ein Bild viel mehr Geld überwiesen bekam, als er dem Gericht angegeben hatte. Der Fälscher stutzte kurz und erklärte, das müsse dann das Geld für zwei Bilder gewesen sein, die er gemalt habe; da gäbe es was, aber das sei hier nicht angeklagt, murmelte Beltracchi, und es klang so, als ob er da ein Bild im Sinn hatte, von dem in diesem Prozess noch gar nicht die Rede war.

Vor dem Kölner Landgericht geht es um vierzehn gefälschte Meisterwerke der Moderne. Aber viel spricht dafür, dass Beltracchi viel mehr gefälscht hat, und das eigentlich Unbefriedigende an dem ganzen Prozess liegt in der rechtlichen Unmöglichkeit, die ganze Wahrheit ans Licht zu bringen. Das Gericht interessiert sich nur fürs strafrechtlich Relevante, nicht für die Aufklärung verjährter Taten. Aber es ist kein Geheimnis, dass Wolfgang Beltracchi schon viel früher, in den achtziger Jahren, im Stile moderner Meister malte. Alte Ermittlungsakten bezeugen, dass er seit 1985 mindestens fünfzehn Gemälde von Georges Valmier, Tamara de Lempicka, Ernst Wilhelm Nay und Victor Servranckx lieferte. Wer waren die Kunden, wo sind die Bilder? Schon 1996 war ihm das Landeskriminalamt Berlin auf der Spur, und man muss kein Verschwörungstheoretiker sein, um sich Gründe vorstellen zu können, warum er irgendwann keine feste Adresse mehr hatte, sondern mit seiner Frau Helene in einem Wohnmobil durch Europa stromerte und seinen eigentlichen Nachnamen - geboren wurde er 1951 als Wolfgang Fischer - gegen ihren eintauschte.

Bei der gestrigen Befragung erzählte Beltracchi noch einmal, dass er vor 1989 schon Geschäfte mit seinem heutigen Mitangeklagten Otto Schulte-Kellinghaus gemacht hatte. „Bilder vertickt“, präzisierte der Richter in seinem für nichtkölnische Besucher ungewohnten Willy-Millowitsch-Ton, wie überhaupt die Verhandlung deutliche Züge einer Komödie annahm. Was er mit dem Konto in Panama wollte? Mal für später, für die Kinder, sagte Beltracchi niedergeschlagen, „aber das will ja schließlich alles Frau Franz haben“ und deutete in Richtung der Staatsanwältin. Ob es stimmt, was ein anonymer Briefeschreiber schreibe, will der Richter wissen, dass Beltracchi noch Wohnungen in Lateinamerika und Nordafrika besitze, dass es einen Drogenfund auf einer Yacht gab? In Nordafrika habe er nur einen alten Mercedes gehabt, einen Strichachter. Hundertachtziger?, fragt der Richter. Strichachter, korrigiert der Staatsanwalt. Und gekifft, rief Beltracchi, habe er das letzte Mal 1985!

In zwanzig Minuten soll ein Meisterwerk zertifiziert worden sein

Im größten Kunstfälschungsprozess der Nachkriegszeit herrscht mittlerweile eine geradezu gespenstisch entspannte Stimmung. Beltracchi hat das Oberhemd gegen ein lila T-Shirt ausgetauscht, Rainer Pohlen, der Verteidiger des Komplizen Schulte-Kellinghaus, der gestern als letzter der Angeklagten sein Geständnis ablegte, trudelte mit einer epischen Verspätung in den Gerichtssaal, und das so lässig, wie ein deutscher Schlagerstar die Bühne auf dem Dorffest vor dem Baumarkt betritt. Viel wird sich nicht mehr tun; die - sehr niedrigen - Höchststrafen für die vierzehn verhandelten Straftaten sind im Tausch gegen umfassende Geständnisse festgesetzt, und jetzt ging es nur noch darum, ob die umfassenden Geständnisse auch wirklich umfassende Geständnisse waren. Was mit der Yacht und den Drogen sei, fragt der Richter, und Beltracchi erzählt die schon wieder filmreife Geschichte, es stimme, dass er sich 1990 für 300.000 Mark einen 25 Meter langen Schoner gekauft habe, um in der Karibik einen Film über Piraten zu drehen, dann aber habe einer von der Besatzung eine Affäre mit der Frau des Hafenmeisters von Port d’Andratx angefangen, und dann habe man plötzlich Kokain bei ihm gefunden.

Nach Beltracchis Masterplan

Das, was gestern ansonsten ans Licht kam, zeigte noch einmal, wie unglaublich fahrlässig Händler und Experten gehandelt haben, wie bei Terminen, die zwanzig Minuten dauerten, Meisterwerke zertifiziert und Millionenverdienste angeschoben wurden, nach dem Motto: Passt schon, ganz klar: echt! Auch Schulte-Kellinghaus stützte im Wesentlichen Beltracchis Aussage, nach der dieser die treibende Kraft war - und betonte noch einmal, wie verblüfft er war, dass ihnen ausnahmslos alle die Fälschungen und die Geschichten abnahmen. Mittlerweile berühmt ist die Geschichte, wie Wolfgang Beltracchi Helene als ihre eigene Großmutter verkleidete, sie an einen Tisch vor mehrere Fälschungen setzte, das Ganze fotografierte und in bewusst unscharfen, gekonnt patinierten Schwarzweißabzügen den betrogenen Kunsthändlern und -käufern als authentisches Foto von Josefine Jägers, der Großmutter, aus der Vorkriegszeit andrehte.

Die Verteidigung von Otto Schulte-Kellinghaus schien es zunächst darauf angelegt zu haben, ihren Mandanten als einfachen Handlanger der eigentlichen Täter zu präsentieren - als den kleinen Fisch, der die Drecksarbeit der Kontaktaufnahme zu erledigen und den von Wolfgang Beltracchi ersonnenen Masterplan umzusetzen hatte. Bei Prozessauftakt hatte sein Anwalt betont, der ausufernde Lebensstil der Beltracchis (hier protestiert Wolfgang Beltracchi: er habe „die meiste Zeit im Garten gesessen“, und die Reisen seien „ja gewissermaßen Geschäftsreisen“ gewesen) sei nicht die Sache seines Mandanten gewesen, der in geradezu ärmlichen Verhältnissen gelebt habe.

Die Angeklagten erzählen von der Rivalität der Vermittler

Aber die Darstellung des Komplizen Otto als armer Angestellter war angesichts der endlosen Überweisungssummen, die der Richter mit sichtlicher Langeweile vorlas, ohnehin nicht haltbar. Und so verlegte die Verteidigung sich darauf, Schulte-Kellinghaus als jemanden darzustellen, dem die vielen Hunderttausende - er bekam pro Vermittlung rund zwanzig Prozent - nur so durch die Finger rannen; wie er sie mit Frauen ausgab, in zweifelhafte Projekte butterte und sich als Künstleragent versuchte; und so zeichnete sein Geständnis das mehr oder weniger glaubhafte Psychogramm eines Mannes, der sich nicht mehr erinnern kann, ob er dem mittlerweile gesondert verfolgten Direktor des Kunstmuseums Ahlen Burkhard Leismann) nun 150.000 oder 350.000 Euro geliehen hatte und ob er mehr als 50.000 Euro wiederbekommen hatte. Aber immerhin war es interessant zu hören, dass der Museumsleiter, der noch kurz vor ihrer Verhaftung zwei Fälschungen der Beltracchis, die er für echte Werke hielt, an einen Kunden in Norwegen zu vermitteln versuchte, große Geldsummen von Schulte-Kellinghaus geliehen bekommen hatte.

Schulte-Kellinghaus beschrieb, wie er sich mit gefälschten Max-Ernst-Gemälden mehrfach an Werner Spies wandte, „der immer nur begeistert“ war. Beltracchi behauptete, Spies und die Kunsthändler Marc Blondeau und Jean Aittouarès hätten sich um die Vermittlung der besten neuen Max Ernsts gestritten; Ärger habe es dann mit einer Käuferin gegeben, weil Spies das Bild auf 1929 datiert hatte, obwohl auf dem Gemälde deutlich 1927 stehe, da hätten sie wohl alle in der Hektik nicht so genau hingeschaut.

Streitende Partner

Dass Schulte-Kellinghaus betont, wie energisch Beltracchi alles steuerte und entschied und dass er Helene fast nie sah, mag dem Wunsch geschuldet sein, den Vorwurf des schweren bandenmäßigen Betrugs ins Wackeln zu bringen: Zu einer richtigen Bande gehören mehr als zwei Leute, und wenn die Taten nicht von einer Bande begangen wurden, greift eine andere Verjährungsfrist, was die Täter zusätzlich entlasten würde. Es ist aber unwahrscheinlich, dass das Gericht den Angeklagten in der Bandendemontage folgt - oder wie der Richter es in seiner unnachahmlichen kölnischen Art formulierte: „Dat is nicht notwendisch, dat sie zum Notar gehen und sagen ,Wir gründen jetzt die Beltracchi-Bande.’“

Die Welt der Händler, die er später so gekonnt betrog, kannte Wolfgang Beltracchi-Fischer aus eigener Erfahrung: Mit einem vermögenden Düsseldorfer Immobilienkaufmann hatte er 1981 eine Kunsthandelsfirma gegründet, die Kürten & Fischer fine arts GmbH hieß, für die er etwa im Oktober 1981 bei Sotheby’s zwei Gemälde von Jan Tengnagel und David Teniers erwarb, für insgesamt 4795 Pfund. Ein Jahr später trennten sich Beltracchi-Fischer und sein Partner aber wieder, es gab Differenzen über Kosten und Abrechnungen; wenige Monate später kam es zu einem Einbruch in das Haus des Immobilienhändlers; die Diebe schnitten Bilder Alter Meister aus den Rahmen und nahmen auch ein Gemälde mit, das Beltracchi-Fischer für die gemeinsame Firma gekauft hatte.

Wo sind die Gemälde jetzt, die Beltracchi-Fischer früher fälschte? Viele Besitzer und Händler werden kein Interesse daran haben, dass das ans Licht kommt. Es wäre spannend gewesen, Marc Blondeau, den Händler, der die großen Fälschungen in den Markt brachte, als Zeugen zu hören. Es wäre interessant, sich von Jacques de la Béraudière erklären zu lassen, wieso er nie etwas ahnen konnte, aber der ließ dem Gericht mitteilen, dass er ihm den Gefallen zu kommen, nicht tun wird - er hat auch genug Probleme in Frankreich, wo in Nanterre ein Verfahren gegen ihn und Werner Spies läuft. Für die übernächste Sitzung könnte ein Urteil erwartet werden. Der Fall Beltracchi ist vielleicht schon bald ad acta gelegt; gelöst ist er nicht. Allein in deutschen Museen hängen etliche verdächtige Bilder ohne Provenienz, die den Beltracchi-Werken verblüffend ähneln. Aber man soll sich ja nicht auf stilkritische Analysen verlassen.

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel

Jahrgang 1972, Redakteur im Feuilleton.

Jüngste Beiträge

Ab in die eTonne

Von Ursula Scheer

Der „eTown-Index“ rechnet aus, in welcher Stadt Deutschlands es die meisten wirtschaftlichen Internetseiten gibt. Googles System dahinter ist ebenso durchschaubar wie verworren. Mehr