http://www.faz.net/-gqz-6skuo
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Veröffentlicht: 30.09.2011, 11:42 Uhr

Kunstfälscher-Prozess Alles war absurd einfach

Zocker gibt es nicht nur in der Finanzwirtschaft. Die Betrüger im größten Fälschungsskandal der Nachkriegsgeschichte haben jetzt gestanden.

von

Es ist illegal, mit Kunstfälschungen rund sechzehn Millionen Euro zu verdienen, sich davon eine Villa in Südfrankreich zu kaufen und eine in Freiburg zu bauen. Es ist unmoralisch, mit ergaunertem Geld eine gigantische Party nach der anderen zu veranstalten - und die Tatsache, dass diese sechzehn Millionen Euro vergleichsweise wenig sind im Vergleich zu den Zigmillionen Euro, die andere Experten, Galeristen, Händler und Auktionshäuser mit den insgesamt wohl über fünfzig Fälschungen des Malers Wolfgang Beltracchi umgesetzt haben, macht die Taten nicht weniger illegal.

Niklas Maak Folgen:

Man muss das noch einmal betonen - denn selten schlugen den Angeklagten in einem Fall von gewerbs- und bandenmäßigem schwerem Betrugs so heftige Sympathien entgegen wie im größten Fälschungsfall der Klassischen Moderne, in dem es um gefälschte Werke von Max Ernst, Pechstein, Campendonk, Derain und anderen geht; vierzehn Fälle, die noch nicht verjährt sind, werden zurzeit vor dem Landgericht Köln verhandelt. Die Betrüger haben eine Verwüstungsspur durch die Kunstwelt gezogen, wie es sie noch nicht gab: Händler sitzen auf Millionenschäden, Gutachter und scheinbare Kunstkenner sind blamiert, Auktionshäuser wie Lempertz, Experten wie Werner Spies und Händler wie Jacques de la Béraudière sehen sich mit Klagen und Schadenersatzforderungen in Millionenhöhe konfrontiert. Trotzdem nennt ein Magazin den Hauptangeklagten Wolfgang Beltracchi liebevoll einen „Filou“, die Badische Zeitung findet „die vier jeden auf seine Weise vertrauens-, ja liebenswürdig.“

Mehr zum Thema

Viele dachten, dass der Prozess gegen den Maler und Fälscher Wolfgang Beltracchi und seine Frau Helene, gegen ihre Schwester Jeannette Spurzem und den Komplizen Otto Schulte-Kellinghaus ein langes, mühsames Verfahren werden würde; ein Urteil wurde erst im März 2012 erwartet - jetzt kommt es anders. Gericht, Staatsanwaltschaft und Verteidiger haben sich auf eine Verfahrensbegrenzung verständigt.

Nach dem Geständnis von Beltracchi am vergangenen Dienstag (Der Kunstfälscher Beltracchi gesteht: Schuld und Sühne) waren es am gestrigen Donnerstag Helene Beltracchi und ihre Schwester Jeannette Spurzem, die umfassend aussagten. Wie erwartet, ging Helene Fall für Fall durch und belastete ihren Mann, den sie „als Künstler bewundert habe und noch bewundere“; er habe „vorgegeben, was zu geschehen habe“. Sie habe es zunächst nicht für möglich gehalten, dass Kritiker und Experten so leicht auf die Fälschungen hereinfallen würden. Alles sei aber „absurd einfach gewesen“.

Jeannette Spurzem, die nach ihrer jüngeren Schwester ein Geständnis ablegte, stellte sich als Randfigur dar; sie habe bei der Vermittlung der Werke an Lempertz und Attaouarès zwar geahnt, dass es sich um Fälschungen handele, aber nicht gewusst, dass ihr Schwager der Fälscher sei. Nun steht noch Schulte-Kellinghaus' Geständnis aus, das für den 11. Oktober erwartet wird; sein Verteidiger wird alles daran setzen, seine Rolle zu marginalisieren und ihn als bloßen Handlanger Beltracchis darzustellen.

Integrer kann man sechzehn Millionen nicht ergaunern

Nach dem jetzigen Stand erwartet Wolfgang Beltracci statt der drohenden Freiheitsstrafe von bis zu zehn höchstens eine von sechs Jahren, seine Frau Helene bekäme etwa vier, Schulte-Kellinghaus maximal fünf Jahre, Helenes Schwester Jeanette würde wohl mit zwei Jahren auf Bewährung davonkommen. Das sind, wenn man die Möglichkeit einer vorzeitigen Entlassung wegen guter Führung und die eines offenen Vollzugs mit einrechnet, sehr milde Strafen - die außer den Geschädigten aber niemand für ungerecht zu halten scheint.

1 | 2 | 3 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Neues vom Humboldtforum Banalität mit Stern

Berlins neue Pläne für das Humboldtforum sind dem Präsentationspapier nach zu schließen vor allem eines: Ganz schön viel pompöse Rhetorik. Mehr Von Andreas Kilb

21.07.2016, 12:36 Uhr | Feuilleton
Nach Putschversuch in Türkei Erdogan greift nach der absoluten Macht

Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan bringt die türkische Gesellschaft immer mehr unter seine Kontrolle. Er ordnete per Dekret die Schließung von Schulen, Universitäten, Stiftungen und Gewerkschaften an. Über 1000 Wohltätigkeitsorganisationen, Gewerkschaften und Stiftungen wurden aufgelöst. Zuvor waren rund 60.000 Soldaten, Polizisten, Beamte und Lehrer suspendiert oder festgenommen worden. Mehr

24.07.2016, 10:55 Uhr | Politik
Italien Enge Vorgaben für staatliche Bankenrettung

Ein Urteil des Europäischen Gerichtshofs bindet die EU-Kommission an ihre eigenen Banken-Beihilferegeln. Hat das Einfluss auf die Verhandlungen über die italienische Bankenrettung? Mehr Von Werner Mussler, Brüssel

19.07.2016, 18:00 Uhr | Wirtschaft
Terror in Nizza Attentäter hatte Komplizen

Die Auswertung der Telefonverbindungen des Attentäters habe ergeben, dass es im vergangenen Jahr zahlreiche Kontakte zu mehreren der mutmaßlichen Unterstützer gegeben habe. Mehr

22.07.2016, 19:37 Uhr | Politik
Die Vermögensfrage Zankapfel Zusatzversorgung

Nach einem Gerichtsurteil können Beschäftigte im öffentlichen Dienst auf eine höhere Zusatzrente hoffen. Aber wann kommt sie und in welcher Höhe? Mehr Von Barbara Brandstetter

24.07.2016, 11:52 Uhr | Finanzen
Glosse

Nächste Durchsage

Von Edo Reents

Hauptsache, es wird geredet: Nächster Halt, Gültigkeit von Fahrkarten, Speisewagen ist offen, bitte nichts liegenlassen, und dann alles nochmal auf Englisch. Mehr 2 3

Abonnieren Sie den Newsletter „Literatur“