30.09.2011 · Zocker gibt es nicht nur in der Finanzwirtschaft. Die Betrüger im größten Fälschungsskandal der Nachkriegsgeschichte haben jetzt gestanden.
Von Niklas MaakEs ist illegal, mit Kunstfälschungen rund sechzehn Millionen Euro zu verdienen, sich davon eine Villa in Südfrankreich zu kaufen und eine in Freiburg zu bauen. Es ist unmoralisch, mit ergaunertem Geld eine gigantische Party nach der anderen zu veranstalten - und die Tatsache, dass diese sechzehn Millionen Euro vergleichsweise wenig sind im Vergleich zu den Zigmillionen Euro, die andere Experten, Galeristen, Händler und Auktionshäuser mit den insgesamt wohl über fünfzig Fälschungen des Malers Wolfgang Beltracchi umgesetzt haben, macht die Taten nicht weniger illegal.
Man muss das noch einmal betonen - denn selten schlugen den Angeklagten in einem Fall von gewerbs- und bandenmäßigem schwerem Betrugs so heftige Sympathien entgegen wie im größten Fälschungsfall der Klassischen Moderne, in dem es um gefälschte Werke von Max Ernst, Pechstein, Campendonk, Derain und anderen geht; vierzehn Fälle, die noch nicht verjährt sind, werden zurzeit vor dem Landgericht Köln verhandelt. Die Betrüger haben eine Verwüstungsspur durch die Kunstwelt gezogen, wie es sie noch nicht gab: Händler sitzen auf Millionenschäden, Gutachter und scheinbare Kunstkenner sind blamiert, Auktionshäuser wie Lempertz, Experten wie Werner Spies und Händler wie Jacques de la Béraudière sehen sich mit Klagen und Schadenersatzforderungen in Millionenhöhe konfrontiert. Trotzdem nennt ein Magazin den Hauptangeklagten Wolfgang Beltracchi liebevoll einen „Filou“, die Badische Zeitung findet „die vier jeden auf seine Weise vertrauens-, ja liebenswürdig.“
Viele dachten, dass der Prozess gegen den Maler und Fälscher Wolfgang Beltracchi und seine Frau Helene, gegen ihre Schwester Jeannette Spurzem und den Komplizen Otto Schulte-Kellinghaus ein langes, mühsames Verfahren werden würde; ein Urteil wurde erst im März 2012 erwartet - jetzt kommt es anders. Gericht, Staatsanwaltschaft und Verteidiger haben sich auf eine Verfahrensbegrenzung verständigt.
Nach dem Geständnis von Beltracchi am vergangenen Dienstag (Der Kunstfälscher Beltracchi gesteht: Schuld und Sühne) waren es am gestrigen Donnerstag Helene Beltracchi und ihre Schwester Jeannette Spurzem, die umfassend aussagten. Wie erwartet, ging Helene Fall für Fall durch und belastete ihren Mann, den sie „als Künstler bewundert habe und noch bewundere“; er habe „vorgegeben, was zu geschehen habe“. Sie habe es zunächst nicht für möglich gehalten, dass Kritiker und Experten so leicht auf die Fälschungen hereinfallen würden. Alles sei aber „absurd einfach gewesen“.
Jeannette Spurzem, die nach ihrer jüngeren Schwester ein Geständnis ablegte, stellte sich als Randfigur dar; sie habe bei der Vermittlung der Werke an Lempertz und Attaouarès zwar geahnt, dass es sich um Fälschungen handele, aber nicht gewusst, dass ihr Schwager der Fälscher sei. Nun steht noch Schulte-Kellinghaus' Geständnis aus, das für den 11. Oktober erwartet wird; sein Verteidiger wird alles daran setzen, seine Rolle zu marginalisieren und ihn als bloßen Handlanger Beltracchis darzustellen.
Integrer kann man sechzehn Millionen nicht ergaunern
Nach dem jetzigen Stand erwartet Wolfgang Beltracci statt der drohenden Freiheitsstrafe von bis zu zehn höchstens eine von sechs Jahren, seine Frau Helene bekäme etwa vier, Schulte-Kellinghaus maximal fünf Jahre, Helenes Schwester Jeanette würde wohl mit zwei Jahren auf Bewährung davonkommen. Das sind, wenn man die Möglichkeit einer vorzeitigen Entlassung wegen guter Führung und die eines offenen Vollzugs mit einrechnet, sehr milde Strafen - die außer den Geschädigten aber niemand für ungerecht zu halten scheint.
Nun sind Kunstfälscher unter allen Verbrechern traditionell die beliebtesten: Moralisch integrer kann man sechzehn Millionen Euro nicht ergaunern. Kunstfälscher verkaufen kein Heroin, sie ermorden niemanden, sie hintergehen bloß ein System, für das ohnehin die wenigsten Sympathien haben. Selbst die renommierte Gerichtsreporterin Gisela Friedrichsen betont, dass „im Unterschied zu betrügerischen Bankern Beltracchi und seine Mitangeklagten nicht gutgläubige einfache Leute um ihr Erspartes gebracht“ hätten, sondern Menschen, die vielleicht auch getäuscht hätten werden wollen, daher seien „die Strafen nicht unangemessen milde. Im Gegenteil“. Sie steht mit ihrer Sichtweise nicht alleine da. Wie kommt es, dass den Betrügern die Herzen nur so zufliegen?
Mit vierzehn einen Picasso in zwei Stunden kopiert
Liegt es daran, dass unsere Sicht auf Delinquenten in der Kunstwelt von Hollywoodfilmen geprägt ist - daran, dass wir seit „The Thomas Crowne Affair“ und „Mickey Blue Eyes - Mafioso wider Willen“ Kunstgangster als Helden vorgeführt bekommen und lieben gelernt haben? Wolfgang Beltracchi tritt nicht nur wie ein Filmstar auf, er sieht nicht nur wie ein Mischung aus D'Artagnan und einer hippiesken Glamourversion des jungen Rembrandt aus - seine Geschichte vereint alle Ingredienzien des Helden eines klassischen Hollywoodfilms: Eine Biographie mit Brüchen, eine große Liebe, das Schicksal eines Ausgestoßenen, der mit seinem Können am Ende doch noch das Establishment auffliegen lässt.
Beltracchi wurde 1951 in Geilenkirchen als Wolfgang Fischer geboren, erst später hat er den Namen seiner Frau angenommen; der Vater war Kirchenmaler und Restaurator. Mit vierzehn habe er einen Picasso in nur zwei Stunden kopiert, aber das sei der einzige gewesen, da könne Werner Spies aufatmen - ein für ein Geständnis gewagter Scherz auf Kosten des Picasso-Experten Spies, der sieben von Beltracchi gefälschte Max-Ernst-Werke gutgläubig als echt zertifiziert hatte.
Handwerkliche Brillanz, nicht wertgeschätzt
Mit achtzehn wurde Beltracchi auf der Werkkunstschule Aachen aufgenommen, fuhr Harley Davidson, bummelte als Hippie durch Europa, wohnte bei Freunden, denen er zum Dank erotische Monumentalgemälde hinterließ. 1992 lernt er Helene Beltracchi kennen, die Liebe seines Lebens. Ein Jahr später heirateten sie, kurze Zeit später wurde ihre Tochter geboren. Wolfgang Fischer-Beltracchi will für seine Familie sorgen; er ist wütend, dass man seine handwerkliche Brillanz nicht wertschätzt. Er ersinnt den Plan, Fälschungen in den Markt zu bringen. Auf Antikmärkten kauft er alte Leinwände und malt darauf etwas, das er als „fehlende Meisterwerke“ bezeichnet. Er perfektioniert, darin einem protokriminellen Konzeptkünstler ähnlich, die Kunstgeschichte.
Seine Frau und Schulte-Kellinghaus erzählen den Opfern die Geschichte von den Sammlungen ihrer Großväter Jägers und Knops - Sammlungen, die es nie gab. Ein paar Jahre später kann Beltracchi für zwei Millionen Euro ein Anwesen in Südfrankreich kaufen, dann ein Grundstück in Freiburg, wo er eine Villa bauen lässt; die Familie lebt aber weiter in Südfrankreich. Das Städtchen Mèze liegt am Mittelmeer, am Etang de Thau, es ist nicht weit nach Marseillan. Dort, am Hafen, wo über einem der Häuser eine schwarze Piratenflagge weht, habe Wolfgang Beltracchi - so erzählt es eine Galeristin, die ihn dort traf - in einer Bar gesessen und lauthals auf das Establishment des Kunstmarkts geschimpft. Helene habe versucht, ihn zu beruhigen, ohne viel Erfolg.
Eine fast romantische Note
Wolfgang Beltracchis Vater, eigentlich Restaurator und Kirchenmaler, musste sich später als Anstreicher durchschlagen, Beltracchi selbst wurde als Künstler lange nicht ernst genommen. Dass die Fälschungen begeistert aufgenommen wurden, muss ihm eine große Genugtuung gewesen sein: Er konnte seine große Liebe finanzieren. Er hatte das System überlistet, das ihn ausgeschlossen hatte. „Ich mochte den Kunstmarkt und die Galeristen nicht besonders“, sagt Beltracchi in seinem Geständnis, er sehe sich „am Anfang einer durch Gier und Unredlichkeit geprägten Handelskette“. [...]
Dass Beltracchi jetzt alle Schuld auf sich nimmt, um seine Frau zu entlasten, gibt dem Geständnis eine fast romantische Note und befeuert die Sympathien im Gerichtssaal: Beltracchi ist nicht bloß ein übler Betrüger wie Bernie Madoff, sondern ein Künstler; er hat eine Ausnahmebegabung, mit der er auch bei „Wetten, dass. . .“ hätte reüssieren können („Wetten dass... Herr Beltracchi in einer halben Stunde einen Picasso malt“) und tatsächlich muss man zugeben, dass Beltracchi den besten Campendonk malte, den es je gab. Dabei nutzte er ein Wissen aus, das Campendonk und auch die anderen Künstler nicht haben konnten - wie es nämlich mit der Kunstgeschichte weitergehen würde.
Auch Wolfgang Beltracchi war Max Ernst
Beltracchi hat seinem Geständnis einen Titel gegeben - als handele es sich dabei um einen Roman: Er nannte es „Ungemalte Bilder“. Darin erzählt er, wie er „ zum jeweiligen Maler selbst wurde und mich berechtigt fühlte, sein Werk zu ergänzen.“ Vielleicht war diese Art der Anverwandlung, auf der anderen Seite, auch das Problem der Experten. Warum hat Werner Spies, der im besten Glauben insgesamt sieben falsche Max Ernst-Werke für echt erklärte, nie daran gedacht, naturwissenschaftliche Gutachten anzufordern? Weil er sich auf seinen Blick verließ. Weil es außer ihm keine andere Instanz gab, die sagen konnte, was ein Ernst ist und was nicht. Werner Spies war Max Ernst. Die Tragödie ist nur, dass auch Wolfgang Beltracchi Max Ernst war - und kein schlechter. Doch Spies ist nur der prominenteste Gutachter, der getäuscht wurde. Es traf auch viele andere, die zu sehr an die Untrüglichkeit ihres Blicks glaubten. Mit dem Fall Beltracchi ist auch das letzte Reservat des Geniekults in der Kunstwelt zerstört - der Glaube daran, dass Experten mit bloßem Auge stilkritisch das Echte vom Falschen unterscheiden könnten. In Zukunft werden die Auktionshäuser mehr auf Chemiker denn auf Connaisseure hören.
Die Beltracchis haben keineswegs das perfekte Verbrechen begangen. Sie haben massive Fehler gemacht. Ihr Komplize Schulte-Kellinghaus brachte es laut Anklage sogar fertig, dem Kunsthändler Marc Blondeau binnen weniger Wochen zwei völlig unterschiedliche Geschichten zur Herkunft eines Werks zu erzählen - einmal erklärte er, es stamme aus der Sammlung Jägers, einmal sagte er, es komme aus der Sammlung seines Großvaters Wilhelm Knops. Warum wurde Blondeau nicht hellhörig? Überarbeitung? Schludrigkeit? Oder war die Aussicht, ein Meisterwerk in den Markt zu bringen, so verlockend, dass die Fähigkeit zur kritischen Prüfung dramatisch verkümmerte?
„Ich weiß: der war zu jung“
Der 1912 im belgischen Anderlecht geborene Werner Jägers soll - so erzählten es die Fälscher ihren Abnehmern - bereits Ende der zwanziger Jahre zahlreiche Gemälde bei dem Kunsthändler und Sammler Alfred Flechtheim gekauft haben. [...] „Also mit sechzehn oder siebzehn hätte Jägers rheinische Expressionisten gesammelt?“, fragte der Richter Wilhelm Kremer bei Beltracchis Geständnis in Köln süffisant nach, und Wolfgang Beltracchi antwortete: „Ich weiß: der war zu jung.“ Aber das hat in der Hektik des Kunstmarkts anscheinend auch keiner so genau nachgerechnet.
Beltracchi hat keine Bilder gefälscht, sondern nur Unterschriften
Lüko Willms (l.willms)
- 01.10.2011, 20:15 Uhr
@ Peter von Lutz
Hans Werner Danuser (LoginName83)
- 01.10.2011, 13:49 Uhr
Haaaach, der tolle Robin Hood!
Lutz von Peter (LutzBrux)
- 01.10.2011, 01:23 Uhr
Markenfälschung in Polen
Thorsten Wiggers (Zizeye)
- 30.09.2011, 15:44 Uhr
die Aufklärung hat nie stattgefunden
Hans Meier (HansMeier555)
- 30.09.2011, 15:05 Uhr