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Kunstbiennale in Istanbul Asketische Dichte, von Leben umgeben

20.10.2011 ·  Die zwölfte Istanbul Kunstbiennale will politische Aktion und Sehschule zugleich sein. Kann das gut gehen? Ein Versuch ohne Bonbons, doch mit Geschmack.

Von Rose-Maria Gropp
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© Nathalie Barki Inszeniert als ein Ort der Passagen: die Gruppenschau „Untitled (Passport)“ mit Werken von Kutlug Ataman, Claire Fontaine, Mona Hatoum und anderen

Seit 1987 gibt es in Istanbul die Kunstbiennale, und diese zwölfte Ausgabe ist eine leise und starke Stellungnahme zum aktuellen Betrieb. Eine gewisse Askese ist ihr zu bescheinigen, die Enthaltung von allem Größenwahn, aller Lautheit und Exaltiertheit. Damit setzt sie einen Kontrapunkt zu dieser Stadt, die nur so brodelt vor Leben, Ausbreitungslust und Prosperität, gar nicht als Kritik, sondern als Demonstration eines intellektuellen Kunstwillens. Das macht die Schau aber keineswegs unsinnlich, sondern sie hat durchaus Mut zu Werken, die sich mit tiefer Emotionalität auseinandersetzen. „Untitled (12th Istanbul Biennial), 2011“ lautet ihr (verweigerter) Titel, den die Kuratoren Adriano Pedrosa und Jens Hoffmann obstinat gegen das allgemeine Amüsierkartell gestellt haben. Dass vor dem Beginn keine Künstlerlisten verteilt und auch keine events abgehalten wurden, passt zum Konzept, wenngleich das nicht ganz neu ist.

Schon die Documenta 12 hatte unter der Leitung von Roger M. Buergel und Ruth Noack vor vier Jahren auf den Effekt verweigerter Auskünfte über zugkräftige Namen gesetzt. Wer 2007 in Kassel die Kunst abschritt, hatte Einiges zu rätseln. Und dass jetzt in Istanbul auch Künstler gezeigt werden, die dort ihre verdiente Wiederkehr feierten, wie zum Beispiel Charlotte Posenenske oder Martha Rosler, ist wohl kein Zufall.

Keine Bonbons, keine Kette mit Glühbirnen

Gerade indem sich die Istanbul Biennale selbstbewusst dagegen sperrt, eine Mimikry ihrer Umgebung zu sein - es wird eben nicht von location zu location gehetzt, was dann gern als Pensum „ortsbezogen“ heißt -, trägt sie dieser Scharniermetropole zwischen Okzident und Orient mit ihrem Überwältigungsappeal Rechnung. Zu betrachten ist eine Bestandsaufnahme der menschlichen Kondition, aufgefaltet in fünf Gruppenschauen, denen Einzelpräsentationen angegliedert sind. Inspiriert ist die Biennale vom Künstler Félix González-Torres, der 1957 auf Kuba geboren ist und 1996 in Miami an Aids verstarb.

Keines seiner so minimalistischen wie eindringlichen Werke, ist in Istanbul gezeigt - kein Haufen bunter Bonbons, der mit jeder Süßigkeit, die einer wegnimmt, schmilzt und zugleich Genuss gibt; keine Kette mit Glühbirnen, die beweist, dass nur ein einziger Ausfall das ganze System stört; kein Stapel Plakate, auf denen ein Wolkenhimmel abgebildet ist. Jedoch in effigie ist González-Torres präsent: Denn die Namen der fünf Sektionen leiten sich von seinen Arbeiten her. Das geschieht nicht ohne Pathos - und verlangt Besucher mit der Bereitschaft, sich darauf einzulassen.

Ein emphatisches Bekenntnis zur Endlichkeit

Jeder sucht sich seinen Weg durch die großen und kleinen Räume. Eine wunderbare Arbeit, dem Feld „Untitled (Abstraction)“ zugeordnet, ist in ihrer Intensität schwer zu überbieten: Eine Zelle für sich hat der 1982 in New Orleans geborene Zarouhie Abdalian, ein Künstler armenischer Herkunft, für seine Installation „Having Been Held Under the Sway“. Während an einer der Wände ein kleines Pendel zittert, steht der gesamte Raum über die Schwingungen einer Lautsprecheranlage unter ständiger Vibration. Die Spannungen ganzer von Kampf und Krieg überzogenen Regionen übertragen sich buchstäblich in den eigenen Körper und hallen lange nach, wie ein sensibler Begleiter. Nicht weit davon hängen die zu abstrakten Gebilden verwobenen Stofffetzen der rumänischen Künstlerin Geta Bratescu, Jahrgang 1926, deren Schönheit nicht über ihre eigentliche Zerstörtheit hinwegtäuscht.

Die dichteste Atmosphäre herrscht in dem Teil „Untitled (Ross)“, benannt nach der Hommage, die Félix González-Torres für den von Aids konsumierten Leib seines Lebensgefährten fand, nämlich einen Berg bunter Bonbons, der Ross’ Gewicht hat. Den Kuratoren ist es gelungen, jede denkbare Nabelschau zu vermeiden, sondern ein emphatisches Bekenntnis zur Endlichkeit der Existenz zu inszenieren, darunter eine minimalistische Arbeit von Kutlug Ataman, ein flirrendes Spiegellabyrinth von Tom Burr oder eine große Wandinstallation mit vielen Fotos, die von der Liebe in ihren Facetten zeugen, die das dänisch-norwegische Künstlerduo Elmgren & Dragset als „Black and White Diary“ zusammengestellt hat.

Mit altem Besen und altem Ofen

Nicht alle Gruppenschauen und ihre Satelliten erreichen diesen Grad an Intensität, auch nicht an Qualität. So ist der zentrale Raum „Untitled (History)“ zu sehr in Details verliebt, kippt in die Privatheit um: Manches mag von den Künstlern subtil gedacht sein, ist aber vom Betrachter nichtmehr nachvollziehbar. Dagegen spiegeln die Loops der französischen Künstlergruppe Claire Fontaine das Drama der verlorenen Identität wider, wenn endlos von unbekannter Hand Stempel auf Archivpapier gehauen werden. Auch die Einzelschauen außen herum sind luzider.

Da hat der Kanadier Geoffrey Farmer sein „Papierarchiv“ aufgebaut als „Pale Fire Freedom Machine“. Vor dem Raum stehen ein alter Besen und ein alter Ofen, alles kann spielend leicht verfeuert werden, was er an Zeitungsausschnitten, Figürchen, und Pappkameraden auf dem riesigen Tisch zusammengebastelt hat, eine Menagerie der (Un-)Gleichzeitigkeiten. Auch „Untitled (Death by Gun)“ ist arg plakativ geraten. Mitten im zentralen Raum sind siebenhundert metallische Fundobjekte des Belgiers Kris Martin gestapelt, goldig glänzend wie überdimensionale Patronenhülsen. An den Wänden hängen dann eine „Soldatendecke“ der 1936 geborenen Ungarin Rozsa Polgar, einige der notorischen Fotos von Weegee und Tina Modotti, frühe Blätter von Raymond Pettibon - des Guten zu viel eben.

Forcierter Minimalismus

Doch diese weniger perfekten Aspekte könnten auch Absicht sein: Tribut an die Erfahrung, dass die Kunst dort, wo sie sich nicht selbst genügen will, sondern als gesellschaftliche Einmischung antritt, an Attraktivität einbüßen kann. Freilich nicht muss: Das beweist enorm überzeugend das Feld von „Untitled (Passport)“, in dem nicht nur Mona Hatoums mit Brandspuren übersäte Teppiche kraftvoll funktionieren. Und wie ein sarkastischer Kommentar auf jede Form von Passage klingt der Spruch auf einem der kuriosen Wandbehänge des 1972 in Australien geborenen Newell Harry: „Less Drinking - More Painting“.

Ryue Nishizawa vom Tokioter Architekturbüro Sanaa, das 2010 den Pritzker-Preis erhielt, hat die Räume gestaltet. Wände aus gewelltem Zinkblech in unterschiedlicher Höhe gliedern die zwei großen Lagergebäude. Sie sind integrale Teile der gesamten Schau, eine Installation eigenen Rechts. Der forcierte Minimalismus, den Nishizawa in die Hallen getragen hat, lenkt den Blick nicht weg von der Kunst und verweist zugleich auf den Ort, an dem sie gezeigt wird. Eine Biennale in Istanbul als moralische Anstalt, die nebenbei das Sehen lehrt: Warum nicht so? Gewollt ist die belehrende Absicht. Jedoch diese ruhige Schau, in der man sehr viel Zeit verbringen kann, nährt den Glauben an eine Kunst, die mehr will und kann, als nur Dekoration sein. Das befreit die Wahrnehmung.

Untitled (12th Istanbul Biennial), 2011. Bis 13. November in Istanbul, Antrepo 3 und 5. Informationen im Internet unter 12b.iksv.org.

Quelle: F.A.Z.
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Jahrgang 1956, Redakteurin im Feuilleton, verantwortlich für den „Kunstmarkt“.

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