04.04.2008 · Ein Film über eine Fetischistin, die mit der Berliner Mauer verheiratet war, ausgeräumte Garderoben, Betonmonstren und ein Skulpturenpark, der kaum zu erkennen ist: In Berlin eröffnet die fünfte Biennale für Gegenwartskunst.
Von Niklas MaakAls die Berliner Mauer fiel, freute sich Eija Riitta nicht. Die Mauer war ihr Mann. Wenn man sie nach ihrem Namen fragt, sagt sie: Eija Riitta Berliner-Mauer. 1979 hatte sie an der Mauer eine Trauzeremonie abgehalten, zehn Jahre später, so sieht sie das, kam ihr Ehemann bei einem dramatischen Unfall um. Dieser Fetischistin, die an „Objectophilie“ leidet, hat der Künstler Lars Baumann einen Film gewidmet, der ab diesem Samstag im Skulpturenpark zu sehen ist - einem der vier Orte, an denen die von Adam Szymczyk und Elena Filipovic kuratierte Biennale stattfindet.
Das eigentliche Zentrum dieser Kunstschau ist aber Mies van der Rohes Neue Nationalgalerie. An ihrem Dach wehen kreischbunte Fahnen, als werde hier gerade eine internationale Reggae-Tagung abgehalten, aber natürlich ist das Ganze ein Kunstwerk, aufgehängt von Daniel Knorr. Der unverzichtbare Biennale-Kurzführer teilt mit, dass das, was hier erst mal multikulturell und nach Barnett Newman aussieht, in Wirklichkeit die abstrahierten Fahnen der 58 in Berlin ansässigen Studentenverbindungen seien - was alle erfreut, die in scheinbar heiterer Kunst gern unerwartete Abgründe ausfindig machen. Aber dann wird es interessant. Fast alle in der Nationalgalerie gezeigten Künstler beschäftigen sich am Beispiel der Architektur mit der Moderne, ihren Versprechen und Irrwegen, was diese Biennale schon einmal wohltuend von den durcheinandergeschaufelten Themenanhäufungen anderer Großausstellungen unterscheidet.
Architekturtheorie der Doppeldeutigkeiten
Susanne Winterling zum Beispiel hat die Garderobenkabinen ausgeräumt und in ihnen Objekte, Filme und Fotos zu einer suggestiven Architekturtheorie der Doppeldeutigkeiten arrangiert. Aufgelöste Formen, Wiedergänger, Nachbilder, halbscharfe Erinnerungen: alles, was in rationalistischen Bauvisionen keinen Platz hat, versammelt sich hier. Man sieht in einem Film, wie Kondenswasser an den Scheiben der Nationalgalerie herunterläuft, im Wasser brechen sich die Lichter der vorbeifahrenden Autos, die Welt funkelt als chaotisches Bilderkaleidoskop in den Bau hinein und offenbart die Schönheit des Kontrollverlusts. In der Mitte dieses Raums steht schließlich ein Modell; es zeigt den Dachgarten des Hauses der Designerin Eileen Gray. Sie ist das vielleicht prominenteste Opfer männlichen Kontroll- und Gestaltungswahns in der neueren Architekturgeschichte - ihr Freund und Konkurrent Le Corbusier war immer wieder heimlich in ihr Ferienhaus eingedrungen und hatte dort schließlich ungefragt nackte Frauen an die Wände gemalt, was Gray nicht, wie er, als Veredlung, sondern als Gewaltakt empfand.
Es ist noch die Frage, ob man diese Kunst auch versteht, wenn man sich weniger für Architekturgeschichte und -theorie interessiert, und einigen wird dieser Teil der Biennale vielleicht zu subtil und hermetisch erscheinen. Trotzdem ist es spannend, wie da an eine andere, offenere Tradition der Moderne erinnert - und von ihr aus ein Pfad in die Gegenwart gelegt wird. Auch Haris Epaminonda baut aus Versatzstücken Miesscher Architektur einen Ort, der nicht Innen- und nicht Außenraum ist und von seltsamen Zwitterobjekten besiedelt wird.
Albert Speers Betonmonstrum
Gegenüber zeigt Susanne Kriemann in einer Fotoserie das absolute Gegengewicht zu Mies' schwebender Moderne: den 12.650 Tonnen wiegenden „Schwerbelastungskörper“, ein Betonmonstrum, das Albert Speer 1941 im Zuge seiner Pläne für Hitlers Triumphbogen errichten ließ, um die Tragfähigkeit des sandigen Berliner Untergrundes zu testen. Die georgische Künstlerin Thea Djordjadze versammelt davor eine Welt der leichten Formen: Ihre Skulpturen sehen aus, als hätten sich ein paar Möbel und Architekturmodelle der sechziger Jahre selbständig gemacht und ein Calder-Mobilé überfallen. Tonklumpen an der Grenze von Gerade-schon-Gestaltung und Noch-Formlosigkeit pappen in delikat ausbalancierten Rhythmen, wie man sie von Tatiana Trouvé oder Carol Bové kennt, zwischen den Schaumstoffobjekten, die auf allerfiligransten modernistischen Beinen einherstaksen. Diese gebastelte, immer vorläufig und wie ein Modell für etwas aussehende Kunst ist Teil einer neuen Ästhetik; es ist die ästhetisierte Hoffnung, Kunst möge lebendig bleiben und nicht zum Dekorklunker des Kunstmarkts erstarren.
Die Garderobe wird im Mies-Bau übrigens auf gelbe Winkelskulpturen des Mexikaners Gabriel Kuri gehängt, die in der Halle liegen. Auch das ist programmatisch: Das Kunstwerk soll hier kein Ding sein, dass bloß angeschaut wird, es soll benutzt werden, seine Form ändern. Vielleicht erklärt sich auch so die auffällige Ästhetik der Vorläufigkeit auf dieser Biennale: Viele Arbeiten sehen eher wie Modelle aus, Vorboten eines späteren Ereignisses. Dieser, weniger am Objekt- als am Ereignischarakter interessierte Kunstbegriff prägt auch das Performanceprogramm.
Ein paar amüsante Werke
In den Kunst-Werken findet man dann die eher düsteren Gegenstücke: Bilder des verfallenden Detroit, der bröckelnden osteuropäischen Moderne, Fotos von Spannern in japanischen Parks. Die beeindruckendste Arbeit ist der Bilderroman „Soft City“, den der norwegische Zeichner Pushwagner zwischen 1969 und 1975 entwarf. Er zeigt eine Welt, die nur aus Hochhäusern, Staus und Wohnzellen besteht; die streng geometrische Moderne, die bei Mies noch ein Versprechen ist, kommt hier als elegant gezeichnete, aber unwirtliche Horrordystopie daher, in der man nur mit Hilfe von „Soft Pills“ überlebt. In den melancholischen Parcours der Kunst-Werke haben die Kuratoren, offenbar zur Erheiterung des Publikums, dann auch ein paar amüsante Werke eingestreut. In Esquivias Video erklärt eine dadaistisch verwirrte Person, was Philipp II. von Spanien mit Julio Iglesias verbindet (beide hatten acht Kinder, beide haben mit den Philippinen zu tun, etc.); selten sah man Adam Szymczyk so lachen wie bei der Vorführung dieses Films.
Und der „Skulpturenpark“? Ist als solcher kaum erkennbar. Ist nicht die utopische Gegenstadt der Kunst, als die er angekündigt wurde. Aber bald werden hier die legendären Jazzkonzerte wiederaufgeführt, die früher im Innenhof der Nationalgalerie stattfanden, dazu Lesungen und Performances - und spätestens dann soll der Park, wenn es nach dem Willen der Kuratoren geht, mindestens zum Arkadien der Kunstwelt mutieren: mit Menschen, die, von Hummeln und Klangskulpturgeräuschen umsummt, im Gras liegen, Heide zupfen und, befreit von der Objectophilie des Kunstmarkts, am Ende selbst Kunst werden.