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Veröffentlicht: 05.01.2013, 10:51 Uhr

Kunstauffassung im Wandel Ein Bild für Kinder

Nie zuvor wurden Kinder und Jugendliche so von Ausstellungshäusern umworben. Aber was passiert, wenn sie tatsächlich ins Museum strömen? Was folgt aus der Museumspädagogik?

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Was dieses Bild zeigt, scheint nur auf den ersten Blick ganz gewöhnlich zu sein: eine Frau und ein Kind, ein kleiner Junge im Ringelpulli, er heißt Igor, die Frau ist seine Mutter, die Künstlerin Annemarie Kruse. Es ist ein Selbstporträt, gemalt wurde die Szene 1917, in Russland. Jetzt aber zu dem Ungewöhnlichen: dem Hintergrund. Eine türkisgestrichene Wand, eine vom Bildrand angeschnittene Skulptur auf einem Sockel, zwei Gemälde, die abstrakt zu sein scheinen, Sitzgelegenheiten. Was machen die beiden hier? Sie schauen sich Kunst an, sie besuchen eine Galerie, eine Ausstellungshalle oder ein Museum, zu zweit, nur eine Mutter und ihr Kind. Und das ist nichts, womit 1917 ein Museumsdirektor im Regelfall gerechnet hätte.

Julia Voss Folgen:

Über Annemarie Kruse ist nicht viel bekannt, eines wissen wir aber rückblickend mit Sicherheit: Als sie sich dafür entschied, den kleinen Igor mit ins Museum zu nehmen, war sie eine Pionierin, die vor fast hundert Jahren das tat, was sich heute fast alle Museumsdirektoren inständig wünschen. Annemarie Kruse wurde aus einem einfachen Grund zur Pionierin. Sie war Mutter und Künstlerin, gelernt hatte sie bei dem französischen Maler Henri Matisse und bei der deutschen Malerin Ida Gerhardi, und ihre Kinder nahm sie dorthin mit, wo sie selbst hingehen wollten: zur Kunst, in Ausstellungen und Museen. Annemarie Kruse starb übrigens 1977, im Alter von achtundachtzig Jahren (die Abbildung entnehmen wir dem glänzenden Ausstellungskatalog „Ballrausch und Farbenpracht. Ida Gerhardi in Paris“).

An Angeboten besteht kein Mangel

Was sich seitdem nicht alles geändert hat! Ohne zu übertreiben, kann man sagen, dass der kleine Igor im 21. Jahrhundert zum meistumworbenen potentiellen Museumsbesucher aufgestiegen ist. Dieser Artikel hat 209 Zeilen, aber wenn man den Ehrgeiz hätte, auch nur die Angebote in einer einzigen deutschen Großstadt aufzuzählen, mit denen Museumspädagogen versuchen, Kinder und Jugendliche in ihre Häuser zu locken, wäre hier nicht genügend Platz. Einige Beispiele aus Frankfurt: Das Museum für Moderne Kunst hat im Dezember die Schau „Pssst. Eine Ausstellung für Kinder“ eröffnet, es bietet regelmäßig Kinderführungen, Workshops oder Ferienkurse an, natürlich auch solche für Jugendliche, sogar der Kindergeburtstag kann im Museum gefeiert werden.

Wer möchte, kann den Kindergeburtstag aber auch im Städelmuseum feiern, das ebenfalls mit einem riesigen Angebot von Führungen, Kursen und Workshops für Kinder aufwartet; zweimal im Monat organisiert der Städelclub die „Kunstpause für Mamas“, zu der ausdrücklich Babys ins Museum mitgebracht werden sollen. Der Titel ist natürlich unglücklich, schließlich kann man nur hoffen, dass die meisten Babys keine Halbwaisen sind, sondern auch Väter haben, weshalb auf der Website immerhin von „frischgebackenen Eltern“ die Rede ist und davon, dass es „auch mal etwas lauter werden“ dürfe.

Die Infrastruktur der Museen hat sich verändert, in Frankfurt, München, Dresden, Berlin oder Düsseldorf. Die Rampen, die für Rollstuhlfahrer gebaut wurden, rollen nun Kinderwagen rauf und runter, fast jedes größere Haus stellt Buggys zur Verfügung, und die Museumsshops sind die besseren Spielzeugläden. Ist das schön? Soll man sich darüber freuen? Natürlich kann man sich darüber auch ärgern. Wer wissen will, wie man sich im achtzehnten oder neunzehnten Jahrhundert Kinder als Museumsbesucher vorstellte, kann das in dem wunderbaren Grundlagenwerk „Spaces of Experience. Art Gallery Interiors from 1800 to 2000“ der Kunsthistorikerin Charlotte Klonk nachschlagen.

Auf den darin reproduzierten Stichen spazieren vereinzelt artige kleine Menschen an der Hand ihrer Eltern, atemlos den Ausführungen der Erwachsenen lauschend. Die Wirklichkeit sieht anders aus: Im Museum wollen Kinder am liebsten an den Luftbefeuchtern herumfummeln, sie stürmen auf Skulpturen los, lösen Alarmanlagen aus und würden gerne Stunden im Aufzug verbringen, um auf die leuchtenden Knöpfe zu drücken, manchmal bringen sie andere Museumsbesucher zum Lachen, manchmal aber auch nicht.

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