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Kunst : Wer ist Banksy?

  • -Aktualisiert am

Er schmuggelt seine Bilder in Museen, Brad Pitt will alles von ihm haben, Sotheby's erklärt seine Kunst zur modernen Klassik. Banksy ist ein Genie des Humors. Seine Werke könnten ein neues Kapitel der Kunstgeschichte eröffnen. Von Frank Schirrmacher.

          Seit drei Wochen ist die Ratte weg. Aus dem Herzen Londons wurde sie buchstäblich herausoperiert. Die unbekannten Täter gingen, in den Worten der Polizei, „chirurgisch“ vor, das heißt sie verwendeten Schutzbrille, Ohrenstöpsel, Handschuhe und einen Winkelschleifer. Dort, wo einmal die Ratte gewesen war, klafft jetzt ein ungefähr ein Meter großes Loch in der Mauer. Der „Evening Standard“ zeigte sogar ein Foto von der notdürftig mit Holz vernagelten Bresche. Jetzt sieht es aus, als hätte die verschwundene Ratte beim Weggehen eine nie geahnte Tür hinter sich zugeschlagen.

          Die Tat stürzte die Menschen unweit des Bahnhofs Paddington in eine Art Rattenverlorenheit. „Gekidnappt“, sagen die erregten Anwohner. Die BBC veröffentlicht ihre Proteste, den weinerlichen Brief eines sechsjährigen Jungen und das Gepoltere älterer Herren, die von der City of Westminster Aufklärung über den Verbleib der Ratte verlangen. Schon meldet sich die sozialkämpferische Fraktion. Wäre das gleiche in Buckingham Palace geschehen, heißt es in einem Blog, hätte die Polizei die Täter längst gefasst.

          Tausende Geschöpfe nagen an den Fassaden

          Die umstrittene Ratte besteht aus Aerosol und Mauer. Sie ist ein Graffiti - um präziser zu sein, das erste Graffiti, das mitsamt der Gebäudemauer gestohlen worden ist. Aber es ist keines der wulstigen und öden Graffiti im Bubble-Style, die längst zur linguistischen Innenausstattung der Städte geworden sind. Die Ratte - man sieht ein ballspielendes Tier unterhalb eines offiziellen Schildes, das das Ballspielen verbot - wurde durch eine Schablone (Stencil) kunstvoll auf die Wand gesprüht. Sie wirkte eher wie ein Stempel oder ein Druck. Tausende solcher zweidimensionaler Geschöpfe nagen an unseren Fassaden. Bisher wurden sie abgewaschen, übertüncht oder gebleicht. Keines wurde bisher entführt.

          Dass es sich um Kidnapping handelt, ist seit ein paar Tagen klar. Vor einer Woche, ungefähr um die Mittagszeit, wurde Rattes vorerst letztes Lebenszeichen bei Ebay aufgefangen. Dort wurde „Mauerstück mit ballspielender Ratte“ für umgerechnet dreißigtausend Euro zum Kauf angeboten. Auf Druck der empörten Anwohner von Gloucester Gardens musste Ebay die Auktion abbrechen. Der Punkt ist: Kein Mensch zweifelt daran, dass es am Ende für das Doppelte des Preises weggegangen wäre. Das Stück Graffiti-Mauer wäre ungefähr so teuer geworden wie eine antike Amphore bei Sotheby's. Wobei auch Sotheby's keinen Zweifel daran lässt, dass man dort lieber das Graffiti verkaufen würde. Die Ratte ist mitsamt ihrer Entführer verschwunden. Zurück bleibt ein holzvernageltes Loch und ein paar Hausbesitzer in New York, London, Bristol und Berlin, die Graffiti-Putzkolonnen stoppen und nach der Schrift auf der Wand suchen.

          Grafitti - teurer als das Haus

          Sechs Buchstaben, ein Menetekel: Banksy. Banksy hat die Ratte gemalt. Banksy hat London bemalt, er hat seine Unterschrift am russischen Ehrenmal in Berlin und im Gazastreifen hinterlassen. Das Graffiti-Kidnapping in London geschah nicht zufällig: Anfang Januar hat Sotheby's ein Bild von Banksy für umgerechnet achtzigtausend Euro verkauft. Ein original Banksy-Tag - seine gesprayte Signatur - wird im Internet für 8500 Dollar gehandelt. Hochgerechnet bedeutet das, dass manches Wand-Graffiti von Banksy mehr wert ist als das ganze Haus plus Mobilar, auf das es gesprüht wurde.

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