23.02.2007 · Wohlgerundete nackte Hexenleiber, doppelzüngige Drachen und Knochenmänner als Liebhaber: Das Frankfurter Städel zeigt die wollüstigen Phantasien von Hans Baldung genannt Grien und enthüllt die Obesession des Künstlers für die verbotenen Wonnen der Leiblichkeit.
Von Bettina ErcheWeit aufgerissen ist das Maul des Drachen, aus dessen Tiefe ein Teil seiner Doppelzunge herausschnellt und in das Geschlecht der nackten Hexe fährt, die voller Begierde die Berührung erwartet. Doch der Drache muss an der richtigen Stelle gekitzelt werden, um als gigantische Sexmaschine zu funktionieren. Die Hexe stimuliert das rüsselartige Schwanzende des Drachen mit einem Pflanzenstengel, während zwei Putten ihr assistieren.
Als Gustav Hartlaub 1961 seine Reclam-Monographie über Hans Baldung genannt Grien (1484 bis 1545) schrieb, glaubte der Verlag, die Zeichnung von 1515 einem breiten Publikum nicht zumuten zu können, obwohl - so der Autor selbst - sie „eine der bedeutendsten Studien des Meisters“ sei. Tatsächlich gehört die frivole Darstellung zu einer Gruppe von Zeichnungen auf farbigen Papieren, die zu Baldungs reifen Werken zählen. Sie alle sind dem Thema „Hexe“ gewidmet.
Totenkopf und Feuerstrahl
Eine Hexe serviert auf einer Platte einen Totenkopf mit Knochen, während aus den Hinterbacken ihrer Gefährtin ein Feuerstrahl fährt. Auch den Nachtflug der Hexen - die „Flugsalbe“ wurde aus Leichenteilen angerührt - hat der Künstler in Szene gesetzt. Langsam erwachen die Frauen neben dem „Schmierhafen“, dem Kessel, in dem das Hexengebräu brodelt, das den Schadenszauber auslösen kann. Eine ausgemergelte Greisin mit wehenden weißen Haaren und schlaffen Brüsten schwebt schon davon und fordert eine üppige Schönheit auf mitzutun. Baldung spielt mit dem Gegensatz von jungen und alten Körpern, mit erotischer Ausstrahlung und abstoßender Hässlichkeit - und er tut es nicht ohne Witz. Eine alte und zwei junge Hexen sind ineinander verkeilt in einem akrobatischen Akt. Die eine schickt sich an, einen Purzelbaum zu schlagen - oder betrachtet sie ihre Scham? Die beiden anderen stützen sich auf ihren Rücken, die Beine gespreizt. Der Betrachter wird in die Rolle des Voyeurs gedrängt. Doch die Sicht ist ihm versperrt.
„Hexenlust und Sündenfall. Die seltsamen Phantasien des Hans Baldung Grien“ heißt eine Ausstellung im Frankfurter Städel Museum, in deren Mittelpunkt das Gemälde „Die drei Hexen“ steht, das zu den delikatesten Malereien des Künstlers zählt. Es entstand 1523 und ist damit das früheste autonome Hexenbild. Rund vierzig weitere Bilder, Zeichnungen und Holzschnitte des Meisters sowie Werke seiner Zeitgenossen geben Einblick in die Entwicklung des Sujets und sein Umfeld.
Impotente Männer
Die Hexenwelt kennt keine Männer. Wenn sie sich trotzdem dorthin verirren wie in Baldungs Holzschnitt „Der behexte Stallknecht“, dann sind sie ohnmächtig, sprich impotent. Auch in dem Gemälde „Die drei Hexen“ ist das männliche Element - hier in Gestalt des sprichwörtlich geilen Bocks - unterlegen. Es dient als Sitzmöbel, um den wohlgerundeten Hexenleib mit großen Brüsten dem Betrachter zu präsentieren. Der Putto enthüllt ihre Scham. Die neben ihr stehende Hexe spielt kokett wie eine Venus mit einem Tuch und zeigt die Kehrseite, als wäre das Urteil des Paris zu erwarten. Dabei verschattet sie den Unterleib der sitzenden Hexe.
Das Wechselbad von Verlockung und Verhinderung ist genau kalkuliert. Es erzeugt erotische Spannung. Zudem hat die Infrarotreflektographie offengelegt, dass Baldung die Oberweite beider Frauen während des Malvorgangs vergrößerte. Der Inhalt des versiegelten Glaskolbens, den die eine Hexe hochhält, bestätigt noch einmal die sexuelle Dimension des Gemäldes. In dem Glas befindet sich ein kleiner Drache, bei Paracelsus ein Symbol für Quecksilber, das für Schmierkuren gegen die Syphilis verwendet wurde. Die Hexe verheißt zweifelhafte Genesung von einer Krankheit, die sie als Hure weitergibt.
Der grausige Liebhaber
Dem Thema „Wollust und Tod“, das sich wie ein roter Faden durch Baldungs OEuvre zieht, begegnet er mit Kompositionen von großer Eindringlichkeit. Die Körper verraten das Studium von Dürers Akten, in dessen Werkstatt der Künstler 1503 eintrat. Dabei beschränkt sich Baldungs Totentanz auf Mann und Frau - den Knochenmann und sein weibliches Opfer, das er hinterrücks überfällt. Der Tod reißt ein Mädchen am Haar, hindert ein anderes zu fliehen und drückt einer Frau, die vor Schreck erstarrt ist, den Todeskuss wie ein grausiger Liebhaber auf den Mund. Mit einer letzten Bewegung versucht sie ihr Gewand hochzuziehen. Es ist die Zurschaustellung ihrer Nacktheit gewesen, die Todsünde Eitelkeit, die ihr Ende besiegelt hat.
Wohl 1515 malte Baldung „Das Frauenbad mit Spiegel“, das nur als Kopie erhalten ist. Das Original hing einst im „Nuditäten-Zimmer“ im Hof der Markgrafen von Baden-Durlach in Basel, um später in den Besitz des Ratsherrn Peter Vischer zu gelangen. Drei Frauen unterschiedlichen Alters haben sich um einen konvexen Spiegel versammelt. Die Greisin sitzt im Hintergrund und schneidet ihre Haare, während die beiden jungen Frauen stehend nach unten in den Spiegel schauen. Dabei striegelt die eine, zufrieden lächelnd, ihre Schamhaare. Vischer erwähnte ein Distichon in Humanistenlatein, das auf dem Rahmen angebracht war: „Warum kämmen sie, fragst du, am Spiegel die haarigen Schenkel? / Weil im Tempel hier Priapus demnächst ein Fest gibt.“ Im markgräflichen Inventar wiederum heißt es unumwunden: „ein jung Weibsbild m. einer Bürste Kurzweil treibt“.
Medizinhistoriker haben die Möglichkeit erwogen, dass die nackte Schöne ein Enthaarungsmittel aufträgt. Die „har fressend artzney“ wurde aus Kalk, Meerschaum, dem Blut von Fröschen und Schnecken, Ameiseneiern sowie Eidechsenöl zusammengerührt. Wieder spielt Baldung mit den voyeuristischen Wünschen. Hätte die Schmiere schon eingewirkt, würde der Betrachter einen blanken Venusberg sehen.