08.12.2003 · Der töpfernde Transvestit Grayson Perry alias „Claire“ hat den Turner-Preis gewonnen, die bedeutendste britische Kunst-Auszeichnung. Er selbst führt seinen Erfolg auf seine „komische Kleidung“ zurück.
Der töpfernde Transvestit Grayson Perry - auch als „Claire“ bekannt - hat den diesjährigen Turner-Preis gewonnen, die bedeutendste britische Kunst-Auszeichnung. Er nahm den zum 20. Mal verliehenen Preis am Sonntag abend in einem lila Kleidchen, mit roten Schuhen und bunter Haarspange in dem Londoner Museum Tate Britain entgegen.
Das Preisgeld von umgerechnet knapp 30 000 Euro will er zwischen seiner Frau Philippa - einer Psychotherapeutin -, seiner 11jährigen Tochter Philippa und seinem Alter Ego Claire aufteilen: „Glauben Sie mir, Claire ist kleidungsmäßig eine sehr anspruchsvolle Frau.“
Typisch englischer Humor
Perrys getöpferte Vasen sehen aus einiger Distanz konventionell und durchaus dekorativ aus. Doch wer näher hinschaut, entdeckt verstörende Darstellungen von missbrauchten Kindern und Sadomaso-Sex. Dem entsprechend heißen seine Werke: „Wir haben die Leiche Ihres Kindes gefunden“ oder „Kunsthändler wird zu Tode geprügelt“. Nach Meinung der Jury verwendet Perry „die Tradition der Keramik, um sein kompromißloses Engagement für soziale Fragen zum Ausdruck zu bringen“. Dabei zeichne ihn ein „typisch englischer Humor“ aus.
Der Künstler selbst, der mit seiner Arbeit nach eigenen Worten seine unglückliche Kindheit verarbeitet, sagte: „Eine meiner Ambitionen ist, den Penis zu einem ebenso populären dekorativen Motiv zu machen wie die Blume.“ Von vielen Experten und den Buchmachern waren in diesem Jahr die Brüder Jake und Dinos Chapman für den Preis favorisiert worden. Sie sind unter anderem mit zwei Gummipuppen beim Oralsex hervorgetreten.
Erfolg dank komischer Kleidung
Nach vielstündigen Beratungen entschieden sich die Preisrichter unter Vorsitz des Tate-Chefs Sir Nicholas Serota dann aber doch für den Töpfermeister, der für seinen Erfolg eine kurze Erklärung hatte: „Ich bin nicht durch Ernsthaftigkeit so weit gekommen. Ich bin so weit gekommen, weil ich mich so komisch anziehe.“ Vor der Tate Britain protestierten „die Stuckisten“, eine Gruppe traditioneller Künstler, mit einer Sex-Gummipuppe gegen die Preisverleihung.
Der Turner-Preis wurde schon für Fotos masturbierender Männer und Bilder aus Elefanten-Dung verliehen. Ein zusammengeknülltes Blatt Papier wurde als „Denkanstoß“ gewürdigt. Der britische Kulturstaatssekretär Kim Howells hatte die im vergangenen Jahr ausgewählten Werke als „konzeptionellen Scheiß“ beurteilt. Die Jury wies alle Vorwürfe, sie wolle durch ihre Auswahl nur Aufmerksamkeit erregen, weit von sich.