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Kunst Schwindelerregend: Rutschpartie durchs Museum

11.10.2006 ·  In schwindelerregendem Tempo bis zu achtundfünfzig Meter in die Tiefe: Carsten Höller bietet den Besuchern der Tate Modern ein intensives Kunsterlebnis am eigenen Leib - fünf Riesenrutschen aus Stahl und Acrylglas. FAZ.NET-Bildergalerie.

Von Gina Thomas, London
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In der riesigen Turbinenhalle von Tate Modern herrscht Jahrmarktstimmung. Aufgeregte Schreie, nervöses Gelächter, orgiastische Laute hallen dem Besucher entgegen. Gerade diese ausgelassenen Reaktionen will der deutsche Künstler Carsten Höller mit den fünf Rutschbahnen provozieren, die er in Tate Modern angebracht hat. Es ist das siebte Werk in der Serie skulpturaler Installationen, die mit Louise Bourgeois begonnen und von Künstlern wie Anish Kapoor, Olafur Eliasson und Rachel Whiteread fortgesetzt wurde.

In schwindelerregendem Tempo schießen Wagemutige durch die gewundenen Edelstahl- und Acrylglasrohre auf einer Strecke von bis zu achtundfünfzig Metern in die Tiefe. Man werde, so Höller, durchgerüttelt und verändert durch den kurzen, intensiven Augenblick des sich Vergessens in Verrücktheit, Angst und prickelndem Entzücken. Die spiralförmigen Rutschen sind an verschiedenen Ebenen angebracht und unterschiedlich lang. Sie fügen sich zu einem Bild ineinander verwobener Metall-Strähnen, die belebt werden durch das Licht- und Schattenspiel der Strahler und die durch sie hindurch zischenden Silhouetten. Höller nennt seine interaktive Installation „Test Site“ - Versuchsgelände.

Das tägliche Quantum von Wahnsinn

Die verschrobene Phantasie des ausgebildeten Naturwissenschaftlers läßt ihn die Rutschen denn auch als experimentelle Studie des Vertigo-Effektes auf das Hirn betrachten. Das Museum wird zum Labor, in dem es gilt, die physischen und emotionalen Auswirkungen des Rutschens auf Teilnehmer wie auf Zuschauer zu beobachten. Dahinter steckt Höllers Überzeugung, die Lebensqualität könne gehoben werden, wenn jeder den Tag mit jenem Quantum von Wahnsinn beginne, das eine Rutschpartie erzeuge. In diesem Sinne schwebt ihm ein ganzes Netz von Rutschbahnen als umweltfreundliche Beförderungsmittel vor, ähnlich Fahrstühlen oder Rolltreppen.

Kunstrutschen: Carsten Höller in Tate Modern

Für die Modeschöpferin Miuccia Prada hat er den Spleen tatsächlich umgesetzt. Sie kann von ihrem Büro durch das ganze Gebäude rutschen, im pfeilschnellen Vorbeihuschen noch wahrnehmen, was sich dort tut, und genau an der Stelle landen, wo ihr Fahrer auf sie wartet. Wer Höllers Thesen auf dem Spielplatz von Tate Modern selbst erproben will, muß sich mit einer kostenlosen, aber zeitlich festgelegten Karte wappnen und den vorgeschriebenen Größen entsprechen. Wer unter Höhenangst leidet, betrachtet das Spektakel am besten von unten.

Quelle: F.A.Z., 12.10.2006, Nr. 237 / Seite 41
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Jahrgang 1957, Feuilletonkorrespondentin mit Sitz in London.

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