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Kunst Nicht Mozart, sondern ein Beamter

01.03.2005 ·  Es galt als „Weltsensation“, als die Berliner Gemäldegalerie ihren bisherigen „Herrn im grünen Frack“ als neu entdecktes Mozart-Porträt präsentierte. Ein Irrtum: Das Bild zeigt nur einen Stadtrat Steiner.

Von Renate Schostack
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Ein Rokokoherr mittleren Alters, Frack, Spitzenjabot, gepudertes Haar - könnte das nicht Mozart sein? Niemand weiß, wie der Komponist wirklich ausgesehen hat.

So galt es denn als „Weltsensation“, als die Berliner Gemäldegalerie ihren bisherigen „Herrn im grünen Frack“ vor wenigen Wochen aufgrund einer computergestützten Analyse des Musikliebhabers Wolfgang Seiller als neu entdecktes Mozart-Porträt präsentierte. Gemalt hatte es der seinerzeit renommierte Münchner Porträtist Johann Georg Edlinger „vor 1790“, was aber nun auf „um 1790“ umfunktioniert wurde.

Behaglich saturiert

Dem Münchner Stadtarchivar Richard Bauer gefiel das nicht. Mozart, in chronischer Finanznot, so behaglich saturiert in die Welt guckend, mit runden blauen Augen, wo doch die Zeitgenossen von seinem großen, feurigen Auge berichten? Zusammen mit seiner Mitarbeiterin Brigitte Huber machte er sich an die Recherchen.

Mozart hatte sich Anfang November 1790 auf der Rückreise von den Frankfurter Krönungsfeiern für Leopold II. eine Woche in München aufgehalten, er gab ein Konzert am Hof, bei dem der König von Neapel zugegen war, er war mit Proben befaßt und mit der Beschaffung von Aufträgen. Er hatte also wenig Zeit, um dem berüchtigt langsam malenden Edlinger zu sitzen, und Geld, um sich privat malen zu lassen, hatte er auch nicht. Daß der Hof oder andere hochstehende Gönner ein offizielles Porträt in Auftrag gegeben hätten, wäre möglich gewesen. Doch Mozart erwähnt es nicht in einem Brief an seine Frau, was er doch, wie Bauer meint, aus Eitelkeit nicht unerwähnt gelassen hätte.

Kein Unbekannter

Weiter: Ein offizielles Porträt hätte, wie es in der Epoche üblich war, zumindest einen diskreten Hinweis auf das Metier des Dargestellten enthalten. Das jetzt entdeckte Porträt enthält nichts davon. Außerdem: Mozart war in München kein Unbekannter. Nach seinem Tod ein Jahr später wäre das Bildnis nicht verborgen geblieben. Im Werkverzeichnis Edlingers, den ein Münchner Buchhändler und Verleger schon zu dessen Lebzeiten sammelte und durch eine Serie von Stichen edierte, findet sich jedoch keinerlei Hinweis auf Mozart.

Die Schnitzeljagd nach dem weiteren Verbleib des Bildes führte die Forscher zu einer Ausstellung im Münchner Glaspalast. Dort wurde das Bild 1906 zusammen mit einem weiblichen Pendant ausgestellt, das nahezu dieselben Maße aufweist. Der Schluß lag nahe, im Frauenbildnis die Gattin des grünbefrackten Herrn zu sehen. Constanze Mozart indessen konnte es nicht sein, da sie in der fraglichen Novemberwoche nicht in München gewesen war.

Der Herr Steiner

Nun aber kommt der wahre Joker, ein Archivalienfund im eigenen Haus. 1929 machte sich ein Privatgelehrter auf die Suche nach familiengeschichtlichen Informationen - die er später dem Stadtarchiv überließ - und stieß dabei auf die beiden Porträts eines Altmünchner Ehepaars. Die letzte Besitzerin gab ihren Namen mit Steiner an. Nach ihrem Umzug ins Altersheim 1934 wurden die Bilder verkauft; der „Herr im grünen Frack“ gelangte nach Berlin, das Frauenbildnis ist verschollen.

Im Münchner Stadtarchiv wurden die Porträtierten nun als Joseph Anton und Maria Clara Steiner identifiziert, ein kinderloses wohlhabendes Ehepaar, das sich vermutlich kurz nach seiner Eheschließung 1781 porträtieren ließ, im englischen Stil, der gerade im wohlhabenden Münchner Bürgertum in Mode kam. Steiner war Kaufmann; 1794 wurde er Ratsherr. Das inspirierte Richard Bauer dazu, den Preußen mal wieder eins auszuwischen: „in München Stadtrat, in Berlin Mozart“.

Quelle: F.A.Z., 02.03.2005, Nr. 51 / Seite 37
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