23.04.2004 · Siebentausendfünfhundert safranfarben überspannte Tore wollen Christo und Jeanne-Claude im Februar 2005 im New Yorker Central Park installieren. Die Bewilligung kam nach fünfundzwanzig Jahren.
Von Verena LuekenDer Frühling in New York ist kurz, ein paar in den Winter gesprenkelte Tage, einige im März, einige im April. Dann explodieren die Blüten der Zierkirschen rund ums Wasserreservoir im Central Park, und mit dem kräftigen Rosa und Weiß überzieht ein zartes Grün die Stadt. Im Sommer, der jeden Augenblick beginnen kann, schwitzt die Stadt alle Farben aus und unterwirft sich monochrom bleich dem Flimmern der Hitze. Wenn sich die Bäume im Herbst färben, wird New York wieder bunt, bis sich konturschärfend das Bleigrau des Winters für Monate über die Straßen senkt und nur die kahlen Äste im Park nachmittags ein wenig silbrig schimmern - an guten Tagen.
Im nächsten Jahr im Februar wird diese verläßliche Farbfolge für sechzehn Tage unterbrochen werden. Siebentausendfünfhundert safranfarben überspannte Tore sollen sich dann durch den Central Park schlängeln, von Süden nach Norden zwischen der neunundfünfzigsten und der hundertzehnten Straße und von West nach Ost zwischen Central Park West und der Fifth Avenue, wie es sich das Künstlerehepaar Christo und Jeanne-Claude seit fünfundzwanzig Jahren in immer wieder abgewandelter Form vorgestellt hat. Über neununddreißig Kilometer sollen Wege und Pfade im Abstand von gut dreieinhalb Metern mit diesen Toren überwölbt werden, die annähernd fünf Meter hoch und, je nach Gelände, zwischen 1,80 und fünfeinhalb Metern breit sein werden, frei stehende Strukturen, für die kein einziges Loch in den Boden des Parks gestoßen werden muß.
Vierteljahrhundert ohne Chance
Nach sechzehn Tagen werden dieselben fünfhundertfünfzig Arbeiter wieder anrücken, die für den Aufbau gesorgt hatten, und die Tausende von Stahlsockeln, Stangen, Gelenken, Schrauben, Dübeln, Dichtungen und Gummistoppern zum Schutz der seit einigen Jahren sehr gepflegten Wege wieder abtransportieren. Nur von den safranfarbenen Nylontüchern aus deutscher Produktion, die zwischen den Toren gespannt werden, wird etwas Kleines bleiben, wie von den anderen Verpackungen von Christo und Jeanne-Claude auch: handtellergroße Stoffmuster für jene, die ein Andenken brauchen.
Ein Vierteljahrhundert lang hatte das Projekt des Künstlerpaars, den Central Park zur Bühne eines ihrer vergänglichen Kunstwerke zu machen, keinerlei Chance in New York. 1979, als die Idee zum ersten Mal aufkam, war der Park in so desolatem Zustand und die Stadt so nahe am Bankrott, daß niemand selbst für geschenkte Festivitäten wie die der Christos in Stimmung war. Doch für Christo und Jeanne-Claude ist ein "Nein" nie endgültig, und so wurden sie immer wieder bei den verschiedenen Behörden vorstellig, um ihre Aktion im öffentlichen Raum genehmigen zu lassen. Immer wieder wurden sie zurückgewiesen. Die Hoffnung aber verloren sie erst, als Rudolph Giuliani im Jahr 1992 Bürgermeister wurde. Doch auch seine Amtszeit ging vorüber, und als es soweit war, holten sie ihre Mappen wieder hervor. Und Giulianis Nachfolger Bloomberg genehmigte endlich, wovon sie seit fünfundzwanzig Jahren geträumt hatten.
Enge Zusammenarbeit
Am Rand des Central Park, im Metropolitan Museum, das im nächsten Februar von 193 der beflaggten Tore umschlossen werden wird, ist jetzt für einige Monate eine Ausstellung zu sehen, die das Vorhaben nüchtern vorstellt und den jahrzehntelangen Prozeß seiner Entwicklung dokumentiert: "Christo and Jeanne-Claude: The Gates, Central Park, New York".
Das Magazin "The New Yorker" hat gezählt, daß von den 248 Ausstellungen in aller Welt, in denen die Arbeit von Christo und Jeanne-Claude bisher zu sehen war, nur eine einzige in New York stattfand - 1968 in einer kleinen Galerie des Museum of Modern Art. Möglicherweise hat diese Zurückhaltung der New Yorker Museen gegenüber dem seit 1964 hier ansässigen Künstlerpaar damit zu tun, daß Christo und Jeanne-Claude darauf bestehen, ihre Ausstellungen selbst zu kuratieren, während Museen in der Regel Wert darauf legen, die Installation und Präsentation ihre Schauen von den dafür angestellten Mitarbeitern besorgen zu lassen, um ihren unabhängigen und ganz eigenen Blick auf das Werk eines Künstlers sichtbar zu machen. Einige geplante Ausstellungen des Paars in New York sollen daran gescheitert sein, daß die beiden Künstler es ablehnten, auf diese Weise ein Stück Kontrolle abzugeben. Auf Nachfrage des "New Yorker", wie denn das Metropolitan Museum in dieser Frage verfahren sei, antwortete dessen Direktor Philippe de Montebello sibyllinisch, daß die Zusammenarbeit bei der Auswahl und Präsentation des Materials zwischen Christo und Jeanne-Claude einerseits und der Museumskuratorin Anne L. Strauss andererseits tatsächlich "enger" gewesen sei als in anderen Fällen üblich.
Rechenschaft
Es kommt in diesem Fall nicht wirklich darauf an. Denn die Ausstellung zeichnet naturgemäß einzig den Hindernislauf durchs bürokratische Dickicht und den Entstehungsprozeß eines Kunstwerks nach, das noch nicht in der Welt und auch nicht für ein Museum bestimmt ist. Ausgestellt sind somit Annäherungen, Entwürfe, Studien. Man mag die schlichte Präsentation von Fotos, auf denen manchmal nicht mehr zu sehen ist als eine Versammlung von Leuten, die das Projekt ablehnten und mit den Künstlern alterten, von Dokumenten, technischen Diagrammen und Materialproben für sterbenslangweilig halten wie die "New York Times". Man kann die Ausstellung und den Katalog aber auch als Informationsveranstaltung nehmen, wie einen bebilderten Vortrag sozusagen, in welchem Christo und Jeanne-Claude der New Yorker Öffentlichkeit lückenlos Rechenschaft darüber ablegen, was im nächsten Februar in und mit dem Central Park geschehen wird.
Denn der Park ist nicht irgendein öffentlicher Raum. Sein Zustand, der selten gepflegter war als heute, galt immer auch als Barometer für den Zustand der gesamten Stadt. Hier wird geflirtet und geheiratet (und alles, was dazwischen liegt), hier pirschen Vogelkundler durchs Unterholz, während wenige Meter weiter die Radfahrer vorbeizischen, hier vor allem tritt der Kommerz, der den Rhythmus der Stadt bestimmt, zurück, und jeder ist gleich - ein Parkbesucher, der seine Geschäfte für einen Augenblick ruhenläßt. Was hier geschieht, geht alle an. Das gilt für jeden Mord, der hier verübt, für jede Messe, die zelebriert, für jede Oper, die hier aufgeführt wird. Und es gilt natürlich auch für die Pläne von Christo und Jeanne-Claude.
Der Park wird in den sechzehn Tagen, in denen zwischen den hohen Toren die safrangelben Segel sich im Wind blähen werden, wie es einige Zeichnungen Christos andeuten, ein völlig anderer sein. Nicht etwa, weil dann die Kunst Einzug hielte. Ein künstliches Gebilde, ein auf der Grundlage avanciertester Ingenieursfertigkeiten geschaffenes Landschaftskunstwerk war der Central Park immer - eines der bedeutendsten Werke der amerikanischen Kunst des neunzehnten Jahrhunderts, wie manche meinen. Nur in Zeiten des Niedergangs New Yorks übernahm die Natur in ihm das Kommando. Auch für die Gegner der "Gates" dürfte das eine Beruhigung sein.