19.01.2006 · Wie kann eine Skulptur abhanden kommen, die achtunddreißig Tonnen wiegt? Dem spanischen Reina-Sofía-Museum ist genau das passiert: Es hat Richard Serras Werk „Equal-Parallel: Guernica-Bengasi“ als vermißt gemeldet.
Von Paul Ingendaay, MadridIst es eine Kriminalgeschichte? Eine Posse des Kunstbetriebs? Ein Kapitel aus dem ochsenledergebundenen Buch der menschlichen Dummheit? Die spanische Polizei, Abteilung Kunstraub, sucht seit mehreren Wochen nach einer Skulptur von Richard Serra mit dem Titel „Equal-Parallel: Guernica-Bengasi“.
Der größte Vorteil der Ermittler dürfte sein, daß die aus vier Eisenblöcken bestehende Skulptur achtunddreißig Tonnen wiegt, nicht in die Manteltasche paßt und auch kaum an Metalldetektoren vorbeigeschmuggelt werden kann. Der größte Nachteil besteht darin, daß von dem Werk des amerikanischen Künstlers seit 1992 jede Spur fehlt.
Der Künstler ist informiert
Das ist besonders merkwürdig, weil die vier Blöcke 1987 vom Reina-Sofia-Museum in Madrid für die Summe von umgerechnet 450.000 Mark - einem Bruchteil des heutigen Marktwertes - angekauft worden waren. Und eben die heutige Direktorin des Museums, Ana Martinez de Aguilar, die 2004 das Amt von Juan Manuel Bonet übernahm, mußte am vergangenen Dienstag den Künstler in Amerika anrufen, um ihn über das unerklärliche Verschwinden seines Werkes zu informieren. Während das Guggenheim-Museum in Bilbao unlängst eine große Serra-Serie installiert hat, die sich zum Publikumsmagneten entwickelt, ist - oder war - „Equal-Parallel: Guernica-Bengasi“ die einzige Serra-Skulptur in der Sammlung des Reina-Sofia-Museums.
Die Geschichte, die die Journalistin Natividad Pulido für die Zeitung „ABC“ recherchiert hat, wird um so peinlicher, je genauer man sie betrachtet. Nach einer ersten Ausstellung 1986 und dem Ankauf im Jahr darauf wanderte das Werk in ein außerhalb Madrids gelegenes Spezialdepot, weil das Museum seinerzeit keine geeigneten Lagerräume besaß. 1990, nach der zweiten und bis heute letzten Ausstellung, gingen die vier Eisenquader in die Betreuung der Lagerungsfirma Macarron mit Sitz zwanzig Kilometer südöstlich von Madrid über. Acht Jahre später war der Betrieb zahlungsunfähig, die Firmenräume wurden gepfändet (deren Inhalt angeblich nicht) - und alle weiteren Spuren verlieren sich im Nebel.
Schlicht vergessen?
Als die heutige Direktorin bei dem Versuch, die Bestände neu zu ordnen, auf Vermerke über Serras Werk stieß und der Frage nach dessen Verbleib nachging, blitzte sie überall ab. Auch die Firma Macarron, die unter verändertem Namen ein neues Geschäft eröffnet hat, verweigerte jede Auskunft. Die Direktorin schaltete daraufhin das Kulturministerium ein und dieses die Polizei. Jetzt ist Ana Martinez de Aguilar wegen eines Vorfalls, der sich nicht länger verheimlichen ließ, an die Öffentlichkeit getreten. Alles spricht dafür, daß er in der Skandalgeschichte des Museums einen herausragenden Platz einnehmen wird.
Denn nach bisherigem Eindruck haben die drei Direktoren des Reina Sofia zwischen 1990 und 2004 schlicht vergessen, daß sich die Serra-Blöcke überhaupt im Besitz des größten spanischen staatlichen Museums für moderne Kunst befanden. Jedenfalls sind in dessen Unterlagen zwischen 1992 und heute keinerlei Nachweis über die Zahlung von Depotgebühren, eine Zahlungsaufforderung seitens der Lagerungsfirma oder überhaupt ein schriftlicher Beleg aufgetaucht, der mit der Existenz der Skulptur in Zusammenhang stünde. Nicht nur Serras Kunstwerk ist verschwunden, auch seine Geschichte scheint aus den Büchern der Institution, die als Prunkstück in ihren Räumen Picassos „Guernica“ ausstellt, vollständig getilgt zu sein.
Paul Ingendaay Jahrgang 1961, Feuilletonkorrespondent für Spanien und Portugal mit Sitz in Madrid.
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