Geister gibt es so viele verschiedene. Und nur die wenigsten sind einfach gut oder böse. Mit den wirklich bösen hat man es am leichtesten. Man weiß, dass bei ihnen alles auf die Abwehr ankommt. Wozu es allerdings meist auch andere Geister braucht, bei denen nicht so sicher ist, wie sie sich verhalten. Bei den wirklich mächtigen ist das eigentlich immer so. Sie sind Wesen, in denen sich gegensätzliche Extreme verschlingen. Sie garantieren eine moralische und physische Ordnung, die sie gleichzeitig spektakulär unterlaufen. Doch die schwächeren Geister stehen ihnen an Zweideutigkeiten kaum nach. Dabei müssen sie nicht einmal boshaft sein, sie stiften mitunter schon aus bloßer Langweile Unheil.
Auf jeden Fall muss man sich mit ihnen ins Benehmen setzen, will man den Übeln gegensteuern, ob sie nun die ganze Gesellschaft heimsuchen oder den Einzelnen. Das braucht Spezialisten, die über die Gabe und die Techniken verfügen, mit den Geistern erfolgreich zu kommunizieren. Wobei dieser privilegierte Zugang zur Geisterwelt selbst im Zeichen von deren Zweideutigkeiten und Überschreitungen steht, welche das Heilige nun einmal auszeichnen. Wer die Verbindung nach drüben hält - die Geister besucht oder zu ihrem Körper und Mund wird -, um die richtige Ordnung zu sichern und wieder einzurichten, weiß nicht selten gerade die verkehrte und aufgelöste Ordnung zu inszenieren.
Künstler und Schamanen
Naheliegend also, diese Frauen und Männer „Meister der Unordnung“ zu nennen. Eine Bezeichnung, die der Anthropologe Bertrand Hell in einem Buch über „Schamanismus und Besessenheit“ prägte, das gemeinsame Elemente animistischer Geisterkommunikation in verschiedenen Weltgegenden herauspräpariert. Diese Darstellung wiederum brachte den Ausstellungsmacher Jean de Loisy auf die Idee einer Schau, die Zeugnisse solcher Praktiken mit Werken zeitgenössischer Kunst zusammenspannt. Im Frühjahr war sie unter dem Titel „Les maîtres du désordre“ im Pariser Museum am Quai Branly zu sehen, nun kann man sie in der Bonner Kunst- und Ausstellungshalle leicht variiert und in einer etwas nüchterneren Szenographie betrachten.
Objekte aus dem Zusammenhang von Kulten stehen also neben Werken moderner und zeitgenössischer Kunst. Der Hintergedanke dabei ist, dass die gezeigten Künstler zwar nicht einfach als Schamanen gelten sollen (Joseph Beuys’ wird natürlich gedacht), ihre Werke mit deren Objekten aber doch Substantielleres als bloß ein geteiltes Formenrepertoire verbinde, wie es die Avantgarde von den weiland „Primitiven“ entlieh - nämlich Verfahren, mit tief wurzelnden psychischen Dispositionen und Vorstellungen umzugehen, womit sie Beiträge eigener Art zur Anthropologie hervorbringen.
Anthropologisches verschiedener Art
Wie immer man sich dieser These nähert, für den Betrachter der Ausstellung läuft es unweigerlich auch auf einen beständig erneuerten Vergleich hinaus. Auf der einen Seite die große Versammlung der in Riten verwendeten Objekte und Accessoires in einer hinreißenden Auswahl, auf der anderen Werke von Künstlern wie Annette Messager, Hermann Nitsch, Mike Kelley, Cindy Sherman, Jonathan Meese, Jean-Michel Basquiat, Paul McCarthy und anderen. Ein Vergleich, bei dem Letztere unter guten Bedingungen antreten, weil ihre Mitspieler in mitunter sparsam ausgelegten und aus konservatorischen Gründen unabdingbaren Vitrinen antreten müssen.
Aber auch dieser Umstand ändert nichts daran, dass sie ihre Kunstmuseumskonkurrenten meist mühelos an die Wand spielen. Wer vor den unglaublichen Formen - oder auch Formlosigkeiten - und Materialkombinationen dieser Masken, Fetische, Altäre und rituellen Gegenstände aller Art steht, der langweilt sich oft schnell auf der Kunstseite bei eher angestrengten „Transgressionen“ oder dekorativen Assemblagen. Nicht durchweg natürlich, einige Objekte und Videos können durchaus mithalten. Doch insgesamt ist das Ergebnis der Inszenierung eindeutig: Die „volkskundlichen“ Objekte profitieren weit eher vom Umfeld der Kunst als umgekehrt.
Welterklärungsgeschichten
Erst nach dem Parcours dämmert dem Besucher, dass die Kunst hier wohl gar nicht besser abschneiden kann. Denn selbst wenn sie ähnliche Formen und Formlosigkeiten ins Spiel brächte: Sie hätten doch nicht die zusätzliche Beglaubigung wie die herkömmlicherweise in ethnographischen Sammlungen landenden Objekte, deren Auswahl zudem unsere auf der Kunstseite verfeinerten ästhetischen Erwartungen in Rechnung stellt. Die Existenz als Museumskunst hat eben ihren Preis, dem nur schwer ohne fatale Überanstrengungen zu entkommen ist. Der ausgestellte Voodoo-Altar von Azé Kokovivina, des „Zauberers mit dem verrückten Lachen“ aus Lomé, könnte natürlich jederzeit als zeitgenössiches Kunstwerk nachgebaut werden – doch dann wäre er nur mehr Kitsch, während er das gegenwärtig im Bonner Museum allenfalls unter anderem ist.
Der Pariser Katalog bietet durch eine Fülle von dokumentierten Gesprächen mit Geisterspezialisten aus verschiedenen Kulturen Einblick in deren Praktiken, Vorstellungswelten und Kosmologien. Der Kopf schwirrt einem da zwar angesichts heillos vieler Geistwesen, unerhörter Welterklärungsgeschichten und merkwürdiger Kreolisierungen. Aber man lernt dabei viel über Welten, in denen alle oder doch die meisten Fährnisse Akteuren zugeschrieben werden müssen, und bekommt auch einen Eindruck davon, wie sich diese animistisch geprägten Weltbilder mit uns geläufigen Formen des Wissens amalgamieren lassen.
Vertrautere Heilige
In der deutschen Fassung des Katalogs sind diese Dokumentationen leider beiseite gelassen. Dafür gibt es einige von ihnen als Videos in einem abgetrennten Saal zu sehen. Man sollte sie sich, selbst wenn das einige Zeit kostet, nicht entgehen lassen. Um dann noch einmal zu den Vitrinen zurückzukehren: zur unheimlichen „Heilenden Hand“ aus Tansania vielleicht, den köstlichen Masken der Hopi, zu einem der zwischen allen Formen schwebenden tron-Fetische oder auch zu dem kleinen Tiroler Kruzifix, aus dem mit wenigen Handgriffen eine Zauberfigur wurde.
Die katholische Welt und ihre Heiligen sind übrigens, genauso wie eine Abordnung eindrucksvoller Perchten, am Rande präsent. Ein wenig blass nehmen sie sich aus in dieser Gesellschaft, aber das hat ja - und auch das führt einem diese Schau vor Augen - durchaus seine schätzenswerte Seite.