18.09.2006 · Frührenaissance mit Spezialeffekten: Padua, Verona und Mantua feiern mit Ausstellungen den fünfhundertsten Todestag des Malerfürsten Andrea Mantegna, der zu seiner Zeit als größtes Genie galt.
Von Dirk Schümer, MantuaEin Malerfürst war in der ständischen Gesellschaft des Spätmittelalters gar nicht vorgesehen, aber doch hat es einen gegeben: Andrea Mantegna. Exakt zum fünfhundertsten Todestag des Malers breiten fünf Ausstellungen in drei der schönsten Städte Norditaliens die Schätze des Mannes aus, der zu seiner Zeit als größtes Genie galt und die Renaissance über die Stadtgrenzen von Florenz hinaustrug. Die Erfindung der Zentralperspektive, das individuelle Porträt, das historische Ereignisbild, solche Inventionen hat die Kunstgeschichte ihm einst - und eher zu Unrecht - zugeschrieben. Heute lebt Mantegnas Ruhm durch „modernere“ Tugenden: Er war der erste Historist im Reigen der abendländischen Renaissancen.
Die lebenslange Distanz zur glutvoll-realistischen Malerei mag aus der randständigen Herkunft Mantegnas resultieren. Er kam eben nicht aus dem Florentiner Gebiet, sondern aus einem Kaff in der Nähe von Padua und ging dort bei einem braven Meister in die Lehre. Im Umfeld dieses Francesco Squarcione formte sich eine ganze Gruppe spätgotischer Talente, die danach in Oberitalien einen realitätsnäheren Stil durchsetzen sollten. Im Eremitani-Museum von Padua ahnt man einiges von der explosiven Sphäre dieser Zeit, da der Protohumanismus der örtlichen Universität erstmals Philologie, juristische Logik und antike Sprachstudien mit Handwerker-Künstlern in Verbindung brachte. Jenes geistige Klima Paduas zwischen Giotto und Mantegna zu durchdringen und damit die Historie der Renaissance neu zu schreiben gehört zu den größten Desideraten der Kulturgeschichte. Die gegenwärtige Ausstellung liefert schon einmal die Anschauung einer europäischen Kulturmetropole um 1450.
Toskanische Initialzündung
Dafür bedurfte es freilich einer toskanischen Initialzündung, die mit der Ankunft Donatellos aus Florenz 1444 erfolgte. Der Demiurg eines radikalen Realismus zog in Padua eine eigene Gießerei für die Reliefs der Antonius-Basilika sowie das antikisierende Reiterdenkmal des Gattamelata auf. An seinem Feuer formte sich auch Mantegna neu. Der direkte Vergleich der perfekt modellierten Bronzen Donatellos mit Tafeln des jüngeren Malers führt auf stupende Weise vor, wie fest Mantegna an die Überlegenheit der Skulptur geglaubt haben muß: Fortan versuchte er, mit dem Pinsel Statuen zu formen und perspektivisch der Leinwand Dreidimensionalität abzuringen.
Die venezianische Schule Jacopo Bellinis, der später Mantegnas Schwiegervater wurde, Giorgio Schiavones, der Ferrarese Cosmè Tura, die Lombarden Foppa und Butinone, Liberale da Verona - alle feilten gleichzeitig in Padua an einer Kunst der Zukunft. Mantegna war der Genialste von allen und bekam - mit Niccolò Pizzolo - 1448 den Auftrag, die Ovetari-Kapelle der Paduaner Eremitani-Kirche auszumalen. Auch jetzt, nach einer ausgiebigen Restaurierung, bleibt der Eindruck gleich erschütternd, denn der alliierte Bombenvolltreffer von 1944, der den wohl bedeutendsten Kriegsverlust italienischer Kunst besiegelte, ist natürlich mit keiner Technik ungeschehen zu machen. Doch immerhin ist oberhalb des geretteten Christophorus-Freskos das Meisterstück gelungen, mit Computerhilfe Tausende seit Jahrzehnten eingelagerter Farbreste auf die fotografisch vorgezeichneten Konturen zweier Bilder zu setzen - ein tragisches Puzzle des Verlorenen und zugleich eine Ahnung, wie monumental die Ovetari-Kapelle einmal gewirkt haben muß.
Was ist hier überhaupt echt?
Als das Junggenie Mantegna den Riesenaltar der Zeno-Basilika in Verona ausfertigte, veranstaltete er auf dem Kultbild eine philologische Erkundungsreise. Im Veroneser Teil der Schau kann man - neben zweihundert Renaissancewerken der Stadt - den Altar ausnahmsweise einmal aus nächster Nähe bewundern: Über einer süßen Madonna zieht Mantegna eine antike Tempelfront mit steinernen Putti hoch, bekränzt die gemeißelten Ornamente mit frischen Früchten und setzt lebensvolle Ragazzi davor, während im Hintergrund eine Landschaft mit Wäldern und Wolken zu erahnen ist. Mantegna verlängert die hölzernen Säulen des Rahmens ins Bild, wo ein weicher Perserteppich über einer gotischen Rosette prangt. Was ist hier überhaupt echt? Wird hier die Kunst belebt oder nicht vielmehr das Leben in ein Herbarium gepreßt?
Unter allen Kennern war der Mantuaner Markgraf Lodovico II. Gonzaga von diesem Meister der Spezialeffekte besonders begeistert. Er band 1460 den widerstrebenden Mantegna als Hofkünstler an sich. Sechsundvierzig Jahre lang, bis zu seinem Tod, sollte das schwierige Genie exklusiv für die Gonzaga-Sippe arbeiten und die Wasserstadt zu einer europäischen Kunstmetropole formen helfen. Briefe, in denen Mantegna Wachteln für Festessen einklagt oder sich über geklautes Obst beschwert, zeugen vom schwierigen Alltag mit dem verwöhnten, mit seinem prunkvollen Wohnhaus (auch das ist zu besichtigen) finanziell überforderten Künstler. Natürlich gehört die „Camera degli Sposi“, diese penibel inszenierte Momentaufnahme höfischen Lebens im Palazzo Ducale, zum Rundgang einer Schau, welche Mantegna als Hofkünstler und - von Kaiser Friedrich III. geadelten - Künstler-Aristokraten feiert. Vor den Hunden und Höflingen, Putti und Fürsten des „gemalten Zimmers“, das für den Andrang eine neue Klimatisierung erhalten hat, muß man niederknien - denn hier ist Mantegna in neunjähriger Arbeit die Synthese von Leben und Kunst, von Politik und Ästhetik zu etwas Höherem, Ungekanntem gelungen.
Sensationelle Heimkehr
Am Südrand der Stadt indes feiern die Mantuaner im Palazzo del Tè die sensationelle Heimkehr von knapp zwanzig Tafeln, die von den klammen Nachfahren der Gonzaga einst in alle Welt verkauft wurden. In weihevollem Licht erstrahlt vor allem die gewagte Grablege Christi aus der Mailänder Brera, um deren verweigerte Ausleihe „aus konservatorischen Gründen“ es in den letzten Wochen einen nationalen Politskandal gegeben hatte. Wie ein fünfhundert Jahre zu spät geborener Renaissance-Höfling obsiegte der Kurator der Mantegna-Feierlichkeiten, der frühere Kulturminister Vittorio Sgarbi, indem er die Brera mit Regierungshilfe in die Knie zwang. Vor der radikalen Fluchtlinie des toten Christus, den holzgeschnitzten Gesichtern der Weinenden, den geschundenen Riesenfüßen in Mantegnas typischem graubraunem Kolorit verstummen alle Bedenken.
Rundum prangen absolute Meisterwerke wie der ergreifende tote Christus, vor einer kosmischen Landschaft von Engeln beweint, aus Kopenhagen, aber auch das intim durchblutete Privatporträt des blutjungen Gonzaga-Kardinals Francesco. Mantegna zeigte in solchen Bildern, daß er ein lebensvolles Konterfei gewöhnlich verschmähte, seine Modelle lieber wie Statuen modellierte, als hätte er die Köpfe von Sarkophagen durchgepaust und dann als steinerne Gäste der künftigen Nachwelt präsentiert. Diese ungeheure Künstlichkeit hat wenig mit einer „Entdeckung der Welt und des Menschen“, sehr viel aber mit Reflexion, ja Selbstironie eines gewieften Bilderproduzenten zu tun. Und weil Mantegna die Bildhauerei so verehrte, gehört auch der Besuch einer fabelhaften Skulpturenschau im Castello di San Giorgio zum Mantegna-Reigen dieses Herbstes. Sgarbi möchte Mantegna einige Werke direkt zuschreiben, aber es genügt das Staunen vor grinsenden Fratzenköpfen, faltigen Heiligengesichtern oder grellen Altweibermasken aus Terrakotta. Was wurde damals nicht alles durchprobiert!
Auf einer Ebene mit den Allergrößten
Gerade seine Effektverliebtheit und seine Virtuosität um ihrer selbst willen hat die Kunstgeschichte Mantegna oft vorgeworfen. Seinem Ruhm - und vor allem seiner Faszination für Maler und Autoren (bis heute zu Werken von Inger Christensen oder José Saramago) - schadete die Methodik keineswegs. Allein schon die Daten und Ausmaße der Feiern stellen ihn auf eine Ebene mit den Allergrößten: Drei Städte, fünf (über)gewichtige Kataloge und ein internationales Ballyhoo sprechen für sich. Wer Mantegna gebührend kennenlernen möchte, braucht für die Ausstellungen eine knappe Woche; für die Lektüre gibt es genug Stoff bis zum nächsten Jubiläum.
Meilenweit entfernt von einem mystischen Visionär wie Fra Angelico, ließ der Konzeptkünstler Mantegna seine Schmetterlings-Engel flattern wie ein Fantasy-Regisseur und baute sich mit dem Pinsel akribische Kulissen für eine Lebensreise in die Antike. Aus dieser Dialektik von belebten Totenbildern, profanierten Heiligen und porträtierten Ideen bezieht Mantegnas Renaissance ihre eigentliche Faszination - und jede Moderne den Ehrgeiz, sie beim intellektuellen Vexierspiel zu übertreffen.
Andrea Mantegna, der 1431 in Isola di Carturo bei Vicenza geboren wurde, gilt neben Giovanni Bellini als der bedeutendste Meister der oberitalienischen Frührenaissance. Er kam früh nach Padua, wo er in der Werkstatt Francesco Squarciones in die Lehre ging. Im Jahr 1460 wurde er Hofmaler der Gonzaga in Mantua, wo er bis zu seinem Tod am 13. September 1506 wirkte.