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Kunst In der Malerei verdorrt kein Grün

01.11.2005 ·  Nur im Leben muß alles vergehen, verlöschen, verblassen: Willem de Koonings Bilder sind in einer großartigen Ausstellung im Kunstmuseum Basel zu sehen. Meisterhaft konservierte er flüchtige Sensationen des Lebens.

Von Hans-Joachim Müller, Basel
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Später, viel Kunst war schon geschaffen, viel Leben schon gelebt, da hat sich Willem de Kooning an die Zigarrenschachtel seiner Kindheit erinnert, Marke „Modern Age“, an den Schmied auf dem Deckel, an Lederschürze, Hammer und Zahnrad, an dieses romantische Gefühl von Freiheit dabei. Hephaistos in der Werkstatt der Zukunft.

Viel mehr Berührung mit der Eisenzeit war dann allerdings nicht. Daß etwas an de Koonings Werk nach Schmiedeglut und Hammerwut aussähe, ließe sich schwerlich behaupten. In seiner Ausstellung im Basler Kunstmuseum ist es, als seien die Bilddinge wie von selbst geworden, aus freien Stücken entstanden, als hätte es keiner Kunstanstrengung bedurft, um die Farben als reinen Sinnenstoff aufblühen zu lassen. Malerei in ihrer leichtesten, in der gänzlich unumkämpften Form, so hat es den Anschein.

Rausch, der knapp zwei Jahrzehnte währt

Vielleicht hat man ihn nie zuvor so gesehen, diesen Zauber, der aus leerer, referenzloser Anmut stammt. Daß ein Bild sein mirakulöses Ziel erreicht, bevor noch die Farbe in der Form erstarrt, bevor an der Gebärde das Zeichen entdeckt ist, an der malerischen Handlung die Bedeutung erkennbar wird, das hat kein zweites Werk des zwanzigsten Jahrhunderts so frisch bewahrt, wie eine kostbare Erfahrung überliefert.

Es gehört zur glücklichen Inszenierung dieser Ausstellung, daß sie gleich auf den orgiastischen Höhepunkt einstellt. Es ist wie ein Rausch, der knapp zwei Jahrzehnte währt: Das früheste Bild datiert von 1966, als de Kooning, der Star unter den New Yorker Künstlern, nach East Hampton aufs Land zieht. Das letzte von 1980, als noch eine ganze Werkphase und Lebensepoche vor ihm liegt.

Ganz dazugehört hat de Kooning nie

De Kooning, 1904 in den Niederlanden geboren, hatte die Rotterdamer Akademie als graduierter Künstler verlassen, bevor er - sans papiers - 1926 in die Vereinigten Staaten einreiste und sich an den Immigrationsbehörden vorbei in Hoboken, New Jersey, als Hilfsarbeiter niederließ. Der Illegalitätsstatus hat die freundliche Aufnahme im Kreis der gegenüber Europa selbstbewußter auftretenden amerikanischen Maler nicht behindert.

Aber ganz dazu gehört hat de Kooning auch nie. Auf einem Foto der frühen fünfziger Jahre, das die ernst dreinschauenden Helden des „abstrakten Expressionismus“ versammelt, sitzt im Zentrum Jackson Pollock, vorne in der ersten Reihe der finstere Mark Rothko und ganz hinten mit den Händen auf dem Rücken de Kooning.

Übersetzungsunbedürftige Malerei

Ein andermal diskutieren die Meister über die gebührende Kennzeichnung ihrer Meisterschaft. „Abstrakter Symbolismus“, „Direct Art“, „No objective“ - die Etiketten werden wie Orden zur Begutachtung herumgereicht. De Kooning hält sie alle für unangemessen. Es gibt kein treffendes Wort für seine Art übersetzungsunbedürftiger Malerei.

Anders als bei Pollock, bei dem jeder Pinselschlag, jede Farbschüttung zum Gleichnis des geworfenen Lebens wird, anders als bei Barnett Newman oder Mark Rothko, deren Farbräume doch immer auch Weltdurchgang, Weltjenseits suggerieren, beziehen de Koonings Bilder ihr Pathos aus einem gleichsam dimensionslosen Hier und Jetzt.

Flüchtige Sensationen des Lebens konserviert

Es ist ja nicht so, daß es keine Gegenstände gäbe in diesem Werk, daß es vor allem sie nicht gäbe, diese seltsam aggressiven Akte und Frauenkörper. Und verboten ist es auch nicht, in den Farbstimmungen Natur erkennen zu wollen, sich da und dort zum Klima eine Landschaft vorzustellen. Was de Kooning im kleinen Reisegepäck an europäischer Maltradition mitgebracht hatte, hat er sorgsam gehütet: Picassos Figurenthema etwa, aber auch die Spontantechniken des Surrealismus, die Kunst des unmittelbaren Ausdrucks, die Empfindungssteuerung der Zeichen- und Malhand.

Umgekehrt hat aus den europäischen Wurzeln wohl erst unter dem Eindruck der entgrenzten Bildansprüche der amerikanischen Kollegen jene malerische Semantik wachsen können, an der schon den Zeitgenossen besonders kühne Freiheitszeichen aufgefallen waren. Nie hat der Maler einen blühenden Baum gemalt oder einen Abendhimmel mit untergehender Sonne. Es ist vor diesen Bildern eher so, als seien all die flüchtigen Sensationen des Lebens, die vergänglichen Augenblicke, die still betörenden, die überwältigenden und sich gleich wieder entziehenden Reize ein für allemal konserviert - tröstend, weil dem Verfall entzogen.

Rebellion gegen das Leben in jedem Bild

Wenn einer in dieser Ausstellung sagt, nun endlich habe er verstanden, warum es die Malerei gibt - aus Trotz bestimmt und wegen des Verschleißes an Schönheit, den sich das Leben leistet -, dann hat er etwas Richtiges gesehen, und Willem de Koonings Bilder hätten nichts dagegen, wenn der Überschwang, der in ihren nachglühenden Farbhäuten pulst, zu ein wenig Überschwang in den Herzen und Köpfen führte.

Kunst welkt nicht. Das ist ihre einzige Botschaft. Wenn der Maler malt, fallen keine Blüten ab, verdorrt kein Grün, verliert der Abendhimmel mit der untergehenden Sonne seine Farben nicht. So ist in jedem Bild ein bißchen Rebellion gegen das Leben, in dem immer alles, wer weiß, warum, vergehen, verblassen, erlöschen muß.

Malerei als Arbeit an der Freiheit

Mit „Abstraktion“ ist de Koonings Malerei nicht gut getroffen. Diese Bilder bezeichnen keine Gegenwelten, keine Transzendenz, machen nicht Unsichtbares sichtbar. Sie zeigen, was sie - ungeschieden - sehen, fühlen, träumen, denken. Man hat oft gerätselt, wie es zu den wüsten, grotesk verzeichneten Frauenkörpern kommen konnte, die im Magma der Farbe da und dort erscheinen. Franz Meyer, der ehemalige Basler Museumsdirektor, hat es einmal psychologisch versucht, „als Versuch de Koonings, mit der Figur der eigenen gewalttätig-übermächtigen Mutter abzurechnen“. Vielleicht war das ja so. Vielleicht war es aber auch so, daß die jählings auftauchende Figur nichts anderes ist als das, was das Bild an seinen Weltgrund erinnert. Und vielleicht ist die gewalttätige Arbeit an der Figur sodann nichts anderes als der Versuch, die malerische Aktion vom Weltgrund fernzuhalten.

Wie die Bilder gegen ihren Weltgrund polemisieren und von ihm doch nicht loskommen, das vor allem hat de Kooning von seinen amerikanischen Malerkollegen unterschieden. Man könnte nach dem Besuch dieser großartigen Ausstellung sagen: Malerei als Arbeit an der Freiheit. An jener Freiheit eben, die sich die Kunst gegen das Leben nimmt, in dem immer alles, wer weiß, warum, vergehen, verblassen, erlöschen muß. Mit Hammer, Schürze, Zahnrad ist da wenig auszurichten. Aber ganz ohne Schwere ist auch das Leichte nicht getan.

Kunstmuseum Basel, bis 22. Januar 2006. Der Katalog, Verlag Hatje Cantz, kostet 54 Franken.

Quelle: F.A.Z., 01.11.2005, Nr. 254 / Seite 33
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