18.11.2009 · Am Humboldthafen liegt Berlins letzter zentraler Bauplatz. Der Bürgermeister setzt sich für eine Kunsthalle ein. Das Geld für die Planung ist da. Jetzt sollte man über Alternativen zu dem immer gleichen Museums-Karton nachdenken. Kunst sollte künftig ganz anders gezeigt werden.
Von Niklas MaakViele Orte, an denen Berlin sich architektonisch neu erfinden kann, gibt es nicht mehr. Alexanderplatz und Potsdamer Platz sind mit Shoppingmalls und Kinos zugepflastert worden, am Pariser Platz dominieren die schweigsamen Fassaden von Banken und Botschaften, am „Platz der Republik“ Abgeordnetenbüros und Hundehaufen - da wäre ein neuer Ort nicht schlecht, an dem die sprudelnden kulturellen Energien, die der Hauptstadt ja zu Recht nachgesagt werden, etwas sichtbarer werden. Wo könnte dieser Platz sein? Eigentlich nur am Humboldthafen, zwischen Hauptbahnhof und Hamburger Bahnhof, wo zur Zeit nur ein paar Sandburgen und ein aberwitzig scheußliches Kunstwerk namens „Rolling Horse“ herumstehen. Was könnte man hier bauen?
Wo zu viel offensichtlicher Kapitalismus herrscht, wird nach Kunst gerufen. So auch hier. Zunächst platzte ein [...} Geschäft mit dem Investor Nicolas Berggruen, der [...] wollte und der Stadt im Gegenzug anbot, hier seine eher uninteressante Kunstsammlung zu zeigen. Das als edles kulturelles Engagement getarnte Manöver wurde aber sogar von den notorisch gutgläubigen Berliner Planern durchschaut. Es blieb Wowereits Plan, hier eine neue Kunsthalle zu bauen - den seine Fraktion soeben bis 2012 auf Eis gelegt hat. Gleichzeitig, weil man es sich mit dem Chef nicht ganz verscherzen wollte, wurden aber gleichzeitig 600.000 Euro für die Planung eines Kunst-Orts freigegeben.
Kreuzlangweilige Kunstcontainer
Was tun mit dem Geld? Und was könnte das für ein Ort sein? Man sollte nicht den Fehler machen, sich jetzt in den Stellungskämpfen zu verzetteln, bei denen es nur darum geht, ob eine neue Kunsthalle nun am Hamburger Bahnhof oder auf dem sozial lebendigeren Gelände des Blumengroßmarkts gebaut werden solle. Man sollte andere Fragen stellen - und nicht nur die, was eine weitere Kunsthalle in einer Stadt soll, in der es mit der Berlinischen Galerie und etlichen Kunstvereinen genügend dysfunktionale, vernachlässigte oder, wie im Fall der Kunst-Werke, zumindest massiv unterfinanzierte Orte für Gegenwartskunst gibt.
Die eigentliche Frage lautet: Warum schon wieder eine „Kunsthalle“? Warum baut man immer wieder den gleichen öden weißen Karton? Könnte man Kunst nicht ganz anders zeigen?
Die Stadt Berlin lieferte unlägst zwei Beispiele dafür, wie so etwas schiefgehen - und wie es funktionieren kann. Die „Temporäre Kunsthalle“ auf dem Schlossplatz ist unter anderem daran gescheitert, dass sie die Kunst zu publikumsfreundlich darbieten wollte. In ihr sahen die Künstler aus wie die Hofnarren der Tourismuswerbung. Dank neuer Leitung wird es jetzt besser, aber die Architektur bleibt trotz der großartigen Hülle, die Bettina Pousttchi ihr gerade verpasste, was sie ist - der allgegenwärtige, kreuzlangweilige Kunstcontainer mit Museumsshop vorn und Café hinten.
Es ist der falsche Rahmen
Wie könnte es anders gehen? Viele haben prinzipielle Bedenken gegen Neubauten für Gegenwartskunst, und die Skepsis ist verständlich. Es ist in Mode gekommen, Kunsträume als wertsteigernde Dekokirsche auf kommerzielle Immobilienprojekte zu setzen; der Künstler soll dem Quartier das Aroma urbaner Widerständigkeit geben und so der Sterilität entgegenwirken, die das Projekt erst in die Stadt bringt. Es ist verständlich, dass Künstler da streiken; dass sie sich nicht zu den Würstchen machen lassen, zu denen Wilhelm Brandt, Pressesprecher des Immobilienentwicklers Vivico, sie erklärt, wenn er Kunst im „Tagesspiegel“ als Köder bezeichnet, um wichtige Menschen in die Stadt zu locken: „Das ist wie bei einer Wursttheke: Je größer die Auswahl, desto besser.“
Eine andere Architektur für die Kunst ist nötig - eine, die auch von Künstlern angenommen wird. Vielleicht muss man dazu mit dem Begriff der Ausstellung anfangen. Unsere Vorstellung, was eine Ausstellung sei, ist von der Museumskultur des neunzehnten Jahrhunderts geprägt. Ausstellung bedeutet: Ein Künstler sitzt ein bis vier Jahre allein in seinem Atelier, dann werden die Werke in der sakralen Atmosphäre des White Cube präsentiert. Das Werk wird ausgestellt im Doppelsinn - denn das Ausstellen ist meistens auch ein Abschalten seiner Belebungsenergien und hat meist wenig mit der Praxis künstlerischer Produktion zu tun. Vielleicht wirkt Gegenwartskunst im Museum deswegen meist so trübselig: Es ist der falsche Rahmen für sie.
Wie man Kunst anders in die Öffentlichkeit bringen kann, wie man Ereignisse ermöglicht, statt Events zu veranstalten, zeigte im vergangenen Jahr das „Forgotten Bar Project“ in Berlin. In einem zimmergroßen Raum wurde über die Sommermonate jeden Abend eine „Ausstellung“ eröffnet und am Mittag darauf wieder abgebaut. Hunderte von Künstlern kamen, führten Filme vor, hängten Fragmente ihrer aktuellen Arbeit auf, diskutierten mit dem auf die Straße quellenden Publikum. Aus der Ausstellung wurde so eine urbane Aufführung, ein Experimentieren mit Formen und Ideen, das auch deswegen so lebendig war, weil auf den Künstlern nicht der Druck einer klassischen Ausstellung lastete.
Sozial durchlässige
Auf der Suche nach einer anderen Architektur für den geplanten Ort hilft auch die Begriffsgeschichte des Museums. In der Moderne wird mit dem „Museum“ meist ein Gebäude assoziiert; in der hellenistischen Antike bezeichnete das Wort „Museum“ aber nicht nur ein Haus, sondern einen ganzen Stadtteil, der den Musen gewidmet war. Wäre statt der „Kunsthalle“, dem hermetisch geschlossenen Kunsttempel des neunzehnten und zwanzigsten Jahrhunderts, eine poröse, auch sozial durchlässigere Struktur denkbar, eine aus offenen Räumen zusammengewürfelte Kulturlandschaft, in der die Künste - auch Tanz, Theater, Musik - anders aufführbar wären?
An Architekten mangelt es nicht. Büros wie das Berliner Raumlabor oder Sou Fujimoto haben zuletzt oft gezeigt, in welchen Räumen ästhetische Produktion neu gedacht, anders organisiert werden kann. Der Humboldthafen ist Berlins letzter Platz, an dem Architekten und Stadtplaner zeigen könnten, wie der öffentliche Raum des einundzwanzigsten Jahrhunderts aussehen und welche Rolle Kultur dabei spielen soll. Das Geld für die Planung ist da. Der nächste Schritt ist ein Architekturwettbewerb.