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Kunst Hausmeisterwerke der Moderne

Diese Sammlung ist so speziell wie ihre Besitzer: Hartmut und Helga Rausch sind Hausmeister der Frankfurter Städelschule. Die rund 400 Werke, die sie im Laufe der Jahre von den dort tätigen Künstlern bekamen, bieten einen faszinierenden Blick auf die Kunst der Gegenwart.

© Wolfgang Günzel Vergrößern Ein Haus voll Kunst: bei den Rauschs daheim

Diese Sammlung ist so speziell wie ihre Besitzer: Früher hatten, was kaum ein anderes deutsches Sammlerpaar von sich behaupten kann, Hartmut und Helga Rausch einen Campingplatz im Allertal, in der Lüneburger Heide, der ihnen irgendwann zu viel Arbeit machte; so beschlossen die Rauschs, etwas anderes zu tun. Seitdem sind sie Hausmeister an der Frankfurter Städelschule, der kleinen, aber international renommierten Kunstinstitution hinter dem gleichnamigen Museum.

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1993, zum fünfzigsten Geburtstag von Hartmut Rausch, schenkten ihm dann die Künstler Thilo Heinzmann und Hans Petri ein Werk - und aus dieser Gabe wurde ein Ritual: Kaum einer, der etwas auf sich hält, verlässt die Städelschule, ohne den Rauschs ein Werk zu hinterlassen, und so wuchs die in der kleinen Hausmeisterwohnung beherbergte Sammlung schnell auf über 400 Arbeiten, die jetzt für ein paar Wochen im Frankfurter Portikus zu sehen sind.

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Wichtige Künstler und Werke

Man findet in Rauschs Sammlung wichtige Künstler und Werke, Thomas Bayrles „Madonna Mercedes“, eine Flasche „Portikus Water“ des kürzlich verstorbenen Jason Rhoades oder ein Raucherobjekt von Tobias Rehberger, dazu Werke von Michael Krebber, Ayse Erkmen, Thomas Zipp, Cosima von Bonin und vielen Unbekannteren, die Wirres basteln oder klassische Gemälde produzieren, eines zeigt Helga, Hartmut Rauschs Frau; seit 1966 sind sie verheiratet, kennengelernt haben sie sich in einem Tanzlokal, sagt Rausch, in Mülheim an der Ruhr, obwohl sie ja beide aus Oldenburg kämen, ursprünglich.

rausch2 © Wolfgang Günzel Vergrößern Helga und Hartmut Rausch inmitten ihrer Werke im Portikus

Die Rauschs machen keine Unterschiede zwischen wichtigen und unwichtigen Werken, wie überhaupt diese kleine, abseitige Ausstellung - viel mehr als die Documenta - ein programmatisches Gegenkonzept zum Kunstmarktboom und seinem Kunstbegriff präsentiert: Kunst, wie Rauschs sie sehen, wird nicht nach Qualität, ästhetischen Konzepten oder Marktwert beurteilt und sortiert, Kunst ist für sie, ganz archaisch und sentimental, ein Erinnerungshelfer.

Kunst- und Künstlerliebhaber

Es gibt Werke in dieser Sammlung, die wirken wie Höhlenzeichnungen, am Ende einer langen Feier in den dunklen Kellerkatakomben der Städelschule vom Künstler irgendwo hingepinselt, dem Hausmeisterpaar geschenkt als Erinnerung und Dank dafür, dass sie nicht nur Hausmeister, sondern Mitfeierer, Ermutiger, gute Seele des Ladens und vor allem nach Feierabend so etwas wie das heimliche Epizentrum der Schule sind: Die Rauschs sind immer da, auch nachts, machen notfalls im Schlafanzug Tore und Räume auf und halten, wenn es mal nicht läuft mit der Kunst oder dem Leben, auch ein Bier und ein paar aufmunternde Worte bereit. Sie sind, wie das der Direktor der Schule, Daniel Birnbaum, formuliert, „Kunstliebhaber, aber auch Künstlerliebhaber“. Es sind meistens Kneipiers, die solche Sammlungen zusammentragen, Paul Roux, der Wirt der legendären „Colombe d'or“ in Saint Paul de Vence zum Beispiel, trank und feierte mit Picasso, Léger und Matisse, als die noch gar nicht so berühmt waren, und die Künstler schenkten ihm immer mal zum Dank ein Werk.

Vor allem ist die Sammlung Rausch - gerade weil sie nicht zwischen berühmt und vergessen, gut und schlecht, Irrweg und wahrer Innovation unterscheiden will - ein Porträt der Städelschule und der neueren Kunstproduktion in Frankfurt. Interessant ist das deshalb, weil so auch gezeigt wird, was von jungen Künstlern alles versucht wurde, was scheiterte und was zu Unrecht keinen Durchbruch erlebte: Man geht durch den neuen Portikus mit seinem mittelalterlichen Zipfelmützendach und entdeckt Dinge wie eine Arbeit von Tomas Saraceno, von der man beim besten Willen nicht weiß, warum Künstler mit so etwas nicht berühmter werden.

Zwischen Kunst und Alltag

Vielleicht auch, weil die Rauschs mit den Städelschülern sehr eng zusammenleben, gibt es viele Dinge in ihrer Sammlung, die an den unscharfen Bruchkanten von Kunst und Alltag auftauchen: Die Mütze, die Paul McCarthy hinterließ („Ohne Titel, 2003“) und die hier wie ein Readymade von Duchamp an der Wand hängt. Der Zettel, auf dem jemand schreibt, liebe Helga, tut uns leid, wir haben Hartmut gestern überredet, noch was zu trinken, weißt ja, wie das ist. Dieser Zettel also, der ebenfalls als Erinnerung zwischen den Gemälden an die Wand gepinnt wurde: Ist das jetzt schon Kunst? Oder nur eine Notiz eines Künstlers? Und überhaupt die ganzen Nebenprodukte des Lebens an einer Kunsthochschule: Die hinskizzierten Erklärungen, die Wandschmierereien, die Sachen, die einer am Ende einer durchtrunkenen Städelsommerfestnacht, während zwei Verwirrte in ein Taxi stürzen, auf ein Papierhandtuch kritzelt und dem einen in die Tasche stopft - Kunstwerk? Liebesbrief? Privatsache? Kultureller Gegenstand?

So führt der Gang durch diese Freundschaftsgaben schnell auch in unerwartete theoretische Gefilde und zur Erkenntnis, dass dieses Hausmeisterehepaar den Leuten nicht nur die Türen der Städelschule, sondern auch die Augen öffnet für die seltsamen Serpentinen, die Kunst mit dem sogenannten Leben verbinden.

It takes something to make something. Die Sammlung Rausch. Portikus Frankfurt, bis zum 9. September. Der im Verlag Walther König erschienene Katalog kostet 38 Euro.

Quelle: F.A.Z., 13.07.2007, Nr. 160 / Seite 33

 
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