23.10.2004 · Baden-Baden hat wieder zu leuchten begonnen: Die Kunst der Sammlung Frieder Burda ist nun in einem Museum zu sehen, das zum Modell taugt. Der Sammler selbst trägt die Baukosten und den Unterhalt des Hauses.
Von Thomas WagnerWo es um die Kunst geht, muß es keineswegs immer Berlin, München oder Hamburg, und nicht nur die allerjüngste Kunst sein. Mit einem Mal haben sich die von einem kulturpolitischen Tief verursachten Nebel über Baden-Baden, die noch vor knapp einem Jahr so manches Gespenst in der Lichtentaler Allee hatten auftauchen lassen, verzogen. Nun strahlt die Herbstsonne aufs Schönste und man reibt sich, noch ein wenig ungläubig, die Augen. Ist der Spuk wirklich vorbei? Es sieht ganz danach aus.
Denn mit der feierlichen Eröffnung des neuen, von dem amerikanischen Architekten Richard Meier entworfenen Museums für die Sammlung Frieder Burda hat Baden-Baden wieder zu leuchten begonnen. Die Lichtentaler Allee ist so etwas wie die gute Stube der Stadt. Und als hätte sich der Landschaftspark, der sich wie ein schmales Band entlang der Oos bis zum Kurhaus erstreckt, schon lange ein postmodernes Schmuckkästchen gewünscht, schmiegt sich der helle, lichtdurchflutete Bau nun zwischen Hang, Wiese und Bäume, als habe es immer hierher gehört. "Mein kleines Museum" nennt Frieder Burda Meiers große Villa bescheiden.
Kulturpolitisch Maßstäbe gesetzt
Nicht nur, daß dieses neue Museum, das künftig eine innige Verbindung zur Staatlichen Kunsthalle einzugehen gedenkt, überhaupt zustande kam, ist Burdas Verdienst. Auch kulturpolitisch setzt es Maßstäbe. Denn Frieder Burda hat nicht allein seine derzeit etwa 550 Werke umfassende Kollektion in eine Stiftung eingebracht, deren Zweck es ist, diese dauerhaft öffentlich zugänglich zu machen; die Stiftung übernimmt auch in vollem Umfang die Baukosten in Höhe von zwanzig Millionen Euro sowie den Unterhalt des Hauses.
Doch damit nicht genug. Der Sammler verpflichtet mit seinem Engagement auch das Land dazu, den Bestand der angrenzenden Kunsthalle auf Dauer zu sichern. Das zeugt von Klugheit, ist es doch noch gar nicht so lange her, da hätte das Land die renommierte Ausstellungshalle dem Sammler gern als Dreingabe überlassen. So kann man mit den Worten des Schriftstellers und früheren Darmstädter Oberbrügermeisters Heinz-Winfried Sabais feststellen: "Gute Beispiele verderben schlechte Sitten."
Eine Kerze für den Bund
Mit dem ihm eigenen Gespür für Ironie hat Klaus Gallwitz, der Gründungsdirektor des Museums, innerhalb seiner Eröffnungspräsentation der Sammlung, die bewußt in beiden Häusern eingerichtet wurde, dem bereits vielbeschworenen Miteinander ein kleines mahnendes Zeichen gesetzt. Er hat Gerhard Richters Bild "Kerze" von 1982 gleich neben die Museum und Kunsthalle, Neues und Altes, Privates und Öffentliches verbindende sogenannte "Baden-Badener Brücke" gehängt. Stiftet er damit zum Gelingen des neuen Bundes eine Kerze? Oder wollte er all jenen symbolisch ein Licht aufstecken, die an einem solchen zweifeln?
Auch wenn Meiers Schau-Architektur alles andere als dienend ist: das Gleichgewicht zwischen dem kalifornisch lichten Neubau der Sammlung und Hermann Billings von 1907 bis 1909 errichtetem Gebäude der Staatlichen Kunsthalle stimmt. Dasselbe gilt für die Balance zwischen Meiers Gebäude und der Sammlung Frieder Burda - gerade weil diese Sprünge macht. Einen Anspruch auf Vollständigkeit erhebt sie nicht. Das unterstreicht den persönlichen Charakter der Kollektion und entlastet das Museum davon, der Kunst eine Entwicklung unterstellen zu wollen. Obendrein ist es Klaus Gallwitz mit all seiner Erfahrung gelungen, die Werke nicht nur vorzuführen, sondern sich entfalten zu lassen. Sein Konzept ist so simpel wie schwer zu realisieren: "Es kommen die Bilder an ihre Plätze."
Ein Blick in die Zukunft
In der Kunsthalle, die sich unter ihrem Direktor Matthias Winzen immer wieder der zeitgenössischen Malerei gewidmet hat, wagt die Sammlung Burda einen Blick in ihre eigene Zukunft. Mit Heribert Ottersbach, Karin Kneffel, Dirk Skreber, Corinne Wasmuth und Stefan Ettlinger sind jüngere Positionen versammelt, von denen einige hier bereits vorgestellt wurden. Einen Stock höher empfangen den Besucher im großen Saal sodann gewichtige Werke von Baselitz, Lüpertz und Schönebeck.
Dessen "Majakowski" - ein Angestellter der Weltrevolution - blickt skeptisch und verstört auf die "Zyklopen", die Markus Lüpertz auf der gegenüberliegenden Wand "dithyrambisch" paradieren läßt. In den Kabinetten antwortet der freche Copley sodann auf den frechen Polke, beoabchtet Eberhard Havekost den Betrachter, der seine entleerten Vorstadtarchitekturen betrachtet, und lockt Alex Katz in einen Wald, in dem Gorkis "Sommergäste" spielen könnten. Arnulf Rainer, Malcolm Morley und Richard Estes komplettieren die Runde.
Immer wieder Richter
Gerhard Richter, von dem Frieder Burda weltweit das größte Werk-Ensemble besitzt, begegnet man beim Rundgang durch beide Häuser immer von Neuem. Jedesmal wechselt die Stimmung, die er anschlägt. Wo im Meier-Bau das "Wellblechbild" auf die feingliedrigen Geländer antwortet, "Zwei Fiat" vorüberhuschen und die "Party" abermals blutig endet, taucht man in der Kunsthalle ein in einen intimen Klang aus "Sternbild", "Schnee", "Jerusalem" und jenen vier Bildern, auf denen Richter sich der "Bühler Höhe" im Geist der Romantik nähert - mal im Dunst verborgen, mal fahrig und voll gestischer Ungeduld gemalt, dösen die Wiesen mit ihren Obstbäumen.
Liegt die Stärke der Räume der Kunsthalle in ihrer wohlproportionierten Geschlossenheit, so macht es den besonderen Reiz des Neubaus aus, daß er Durchblicke gewährt, Innen und Außen miteinander verschränkt, Natur, Bau und Kunst in der Anschauung zu einer Einheit werden läßt. In den beiden großen Sälen des Meierschen Kunst-Schreins dokumentieren die jüngeren, meist großformatigen Arbeiten von Baselitz, Polke und Richter einen der Schwerpunkte. Besonders vital schlägt das Herz der Sammlung im Saal darüber, wo die Amerikaner Rothko, de Kooning, Pollock, Gottlieb und Still einer langen Reihe später, aufgewühlt-sinnlicher Werke Picassos antworten.
Großartige Picassos
An den großartigen Werken Picassos läßt sich zudem ablesen, daß Frieder Burdas Kollektion mehr ist als ein Produkt geschickter Berater und ambitionierter Galeristen. Alle entstanden sie in Mougins, wo Picasso seine letzten Jahre verbrachte und Burda seit langem Ferien macht. Die Ursprünge der Sammlung im Expressionismus und Beckmann, von dem Burda eine Reihe von Bildern besitzt, die in Baden-Baden entstanden, bleiben einstweilen Zaungäste, ohne daß sie deswegen an den Rand gedrängt würden.
Frieder Burda sammelt vor allem Malerei. Kunst, die, wie er schelmisch bemerkt, "einen Stecker braucht", ist seine Sache nicht. Das mag man ebenso konservativ nennen wie seine Sammlung konventionell. Doch wo andere auf rasch wechselnde Sensationen setzen, bemüht er sich um eine nachhaltige Wirkung der Kunst. Als in einer Region verwurzeltes Gegenmodell gegen allzu triumphal auftretende Großsammler könnte es in Baden-Württemberg bald schon Schule machen.