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Kunst Endspurt im Central Park

08.02.2005 ·  Nach sechsundzwanzig Jahren Vorarbeit steht ein gigantisches Kunstprojekt vor dem Abschluß: Christo und Jeanne-Claude lassen siebeneinhalbtausend stoffumwehte Tore in New Yorks Central Park aufstellen.

Von Jordan Mejias, New York
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Eine größere Baustelle hat es in Manhattan seit einhundertfünfzig Jahren nicht mehr gegeben. Damals, als Frederick Law Olmsted und Calvert Vaux zwischen 59. und 110. Straße, 5. und 8. Avenue den Central Park aus dem Felsgestein sprengten und dem Sumpfland abtrotzten und dabei auch ein paar hundert Slumbewohner verjagten, brauchte New York sich vom Bau der langgestreckten Kunstlandschaft nicht weiter stören zu lassen. Die Stadt tastete sich aus dem Süden erst an den Park heran.

Heute drängt sie sich von Midtown bis Harlem nicht nur dicht um ihn herum, sondern hat ihn auch unter ihren besonderen Schutz gestellt. Und doch wird er nun in seiner ganzen Majestät umgebaut, wenn auch nur auf Zeit und, trotz der gigantischen Ausmaße des Projekts, ohne ihn anzutasten. Das allein ist ein Kunststück, wie es einem Kunstwerk gebührt, dem nun ein zweites Kunstwerk, „The Gates“, einverleibt wird.

Sechsundzwanzig Jahre Vorarbeit

Nach sechsundzwanzig Jahren Vorarbeit haben seit Montag Christo und Jeanne-Claude, diesmal mit siebeneinhalbtausend stoffumwehten Toren am Werk, zum Endspurt angesetzt. Hunderte von Helfershelfern sind ausgeschwärmt, um die safrangelben Vinylpfosten zusammenzuschrauben und auf unverrückbaren, sturmresistenten, viele Zentner schweren Stahlsockelgewichten zu befestigen, die mit etwas Glück auf dem Asphaltbelag der Gehwege nicht einmal Kratzer hinterlassen.

Derart raffiniert entworfen und leicht justierbar sind die Tore, daß sie noch auf schrägem Untergrund kerzengerade in den Himmel ragen. Natürlich wird alles Material, ob Stahl, Vinyl oder Aluminium, nach getaner Tat wiederverwertet, und soviel umweltfreundliche Sanftmut scheint sich auch auf die Aufbauarbeiten übertragen zu haben. Denn die Truppen der zu einem symbolischen Lohn eingestellten Kunstarbeiter verlieren sich im Park, und der läßt sich von ihnen in seiner Alltagsroutine auch nicht stören.

Das Aufbauwunder vor dem Ansturm

Vor dem erhofften Ansturm der Hunderttausende, vor dem Wunder, das zum Fluß sich bauschende Stoffbahnen bewirken sollen, muß das Aufbauwunder geschehen. Daß es schon geschieht, will uns der Frühlingstag glauben machen, der sich unwiderstehlich in den New Yorker Winter verirrt und so die Jogger und professionellen Hundeausführer, die dunkelhäutigen Nannies mit ihren weißen Babys und die Japaner in den Pferdekutschen, den einsamen Saxophonspieler und die mit ihrer Pflegerin gemeinsam auf einer Bank dösende Greisin angelockt hat.

Friedlich und neugierig mischt sich das Volk von New York und weiter her unter die schweißtreibend Kulturschaffenden, wird von keinem Kordon und keiner übereifrigen Aufsichtsperson ferngehalten. Die Christos, die ohnehin alles bezahlen, haben auch eine gute Haftpflichtversicherung abgeschlossen.

Angesichts der langsam wegtauenden, aber noch blütenweißen Überreste des letzten Schneesturms entfalten die bereits aufgestellten Tore, ihre Stoffbahnen noch festverschnürt am Querbalken, einen ganz unplanmäßig aparten Reiz. Weniger mit ihrem inzwischen endlos kommentierten, bisweilen sogar in Jeanne-Claudes Haarpracht wiederentdeckten Safrangelb berücken sie mit den fast fünf Metern Höhe, die ihnen gleichwohl auch in Marschformation nichts Bedrohliches verleiht.

Immer wieder Lücken

Bei den Christos gibt es keinen Aufstand der Viadukte, wie Paul Klee ihn noch androhte, und überhaupt hält sich die militärische Präzision der Aufstellung in Grenzen. Immerzu kommt es zu Lücken, verursacht vom ästhetischen Urteil der Künstler oder einem allzu tief hängenden Ast, und schwingen sich Tore vereinzelt oder in Paaren und in unterschiedlicher Breite über Wege und Pfade. Die Vierkantpfosten beleben, aber sie stören nicht das künstliche und künstlerische Landschaftsidyll im extravagant urbanen Rahmen.

Wer den Knalleffekt braucht, muß sich darum bis auf weiteres an den Statistiken berauschen. Sie enttäuschen nicht. Der Stahl für die fünfzehntausend Sockelgewichte hätte für einen Eiffelturm im Zweidrittelformat gereicht, und die in ihnen verankerten siebeneinhalbtausend Tore, auf siebenunddreißig Kilometer Wegen verteilt und mit knapp hunderttausend Quadratmetern an synthetischem Gewebe behängt, das aus denselben Firmen, der J. Schilgen GmbH & Co im münsterländischen Emsdetten und der Bieri Zeltaplan GmbH im sächsischen Taucha, stammt wie die Silberplanen für die Verhüllung des Reichstagsgebäudes, dürften auch alle im Sportstudio gestählten New Yorker vor lohnende Herausforderungen stellen.

Achtzig Millionen Dollar Einnahmen erhofft

Bequemer als Walking Tours werden allemal Partys sein, die den safrangelben Fluß aus der Penthouse-Perspektive in Aussicht stellen. Das Metropolitan Museum wird seinen Dachgarten öffnen, und naturgemäß fehlt es daneben nicht an Pauschalangeboten, vom Hotel bis zum Nobelrestaurant, das mit sicher safranhaltigem Menü um kunstsinnige Kundschaft wirbt. Die Stadt rechnet mit einem außerkünstlerischen Mehrwehrt, der sich, vorsichtig geschätzt, in achtzig Millionen Dollar an Einnahmen dank künstlerisch belebter Touristenströme niederschlagen soll. Drei Millionen hat die Stadt dem Künstlerehepaar für die Miete des Parks berechnet.

Kunst als öffentliches Ereignis hat es in New York tatsächlich zum letzten Mal in dieser Dimension bei der Eröffnung des Central Park gegeben, und somit könnte es für das Heimspiel der New Yorker Christo und Jeanne-Claude keine angemessenere Arena geben. Es versteht sich, daß die Vorgänger Olmsted und Vaux darüber nicht in Vergessenheit geraten. „Gates“ nannten sie einst die Durchgänge in der Steinmauer, die den Central Park nach wie vor umgibt, und auch daran erinnern nun die Tore von Christo und Jeanne-Claude. Sechzehn Tage lang, vom nächsten Samstag an.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 09.02.2005, Nr. 33 / Seite 33
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Jahrgang 1949, Feuilletonkorrespondent in New York.

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