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Kunst Eine Ausstellung als Ablenkungsmanöver?

 ·  Der Ton im Streit um die Sammlung Flick ist abermals schärfer geworden. Versucht Friedrich Christian Flick, durch eine Präsentation seiner Kunst in Berlin von der historischen Schuld seiner Familie abzulenken?

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"Natürlich ist mit dem Namen Flick eine besondere Verantwortung verbunden." Diesem Satz aus einem offenen Brief Friedrich Christian Flicks an Salomon Korn, den Vizepräsidenten des Zentralrats der Juden in Deutschland, ist nicht zu widersprechen. Wie aber kann diese Verantwortung heute wahrgenommen werden? Wer bestimmt darüber, welches Verhalten ihr gerecht wird? Welche Geste taugt, welche nicht?

Salomon Korn hatte im Zusammenhang der künftigen Präsentation der umfangreichen Kunstsammlung Flicks in Berlin, deren Eröffnung für September geplant ist, bereits Anfang Mai harsche Kritik sowohl an Flick als auch an der Bundesregierung geübt, die das Vorhaben unterstützt. Korn sprach davon, es handle sich bei dem Unternehmen "um eine Art moralische Weißwäsche von Blutgeld in eine gesellschaftlich akzeptable Form des Kunstbesitzes". Nachdem sich Flick in dem erwähnten Brief gegen die Vorwürfe zur Wehr gesetzt hatte, präzisierte Korn seine Bedenken nun seinerseits in einem offenen Brief an Flick. Der Ton ist nicht versöhnlicher geworden, sondern abermals schärfer.

Dreierlei Assoziationen

Mit dem Namen Flick, schreibt Korn, verbinde die Öffentlichkeit gewöhnlich dreierlei: "Zunächst den Konzerngründer Friedrich Christian Flick, jenen Mann, der die NSDAP finanziell unterstützte, einen großen Teil seines Reichtums vor allem der gnadenlosen Ausbeutung von Zwangsarbeitern und Arisierungsverbrechen verdankte, vor dem Nürnberger Tribunal als verurteilter Kriegsverbrecher nicht die geringste Einsicht zeigte und als einer der reichsten Männer Deutschlands sich bis zu seinem Tode weigerte, auch nur die geringste Entschädigung zu zahlen; dann seinen Sohn Friedrich Karl Flick, den ,bekennenden Steuerflüchtling', und schließlich seine Enkel ,Mick' (Sie) und ,Muck' (Ihr Bruder), die über viele Jahre hinweg die Spalten der Regenbogenpresse mit ihrer ausschweifenden Jet-Set-Odyssee und einem spektakulären Glamourleben füllten."

Die historische Reihung fällt deutlich aus: Kriegsverbrecher, Steuerflüchtling, Playboys. Dann kommt Korn auf den zentralen Punkt zu sprechen: "Der dunklen Seite Ihrer Familiengeschichte werden Sie durch Ausstellung Ihrer Kunstsammlung in der deutschen Hauptstadt allenfalls vordergründig eine helle hinzufügen können. Seit Sie 1975 (und noch einmal 1985) ein riesiges Vermögen geerbt haben, hatten Sie über ein Vierteljahrhundert ausreichend Zeit und Gelegenheit, die Zwangs- und Sklavenarbeiter Ihres Großvaters - und sei es nur symbolisch - zu entschädigen."

Das Blutgeld des Großvaters

Ebendies ist die Familie bislang schuldig geblieben. Ohne das Erbe des Großvaters, so Korn weiter, gäbe es keine Kunstsammlung, also stamme die "Flick-Collection" letzten Endes aus "jenen Quellen, aus denen ursprünglich das Blutgeld Ihres Großvaters sprudelte". Korns Fazit: Wenn Flick seine Verantwortung ernst nähme, müsse er auf eine Präsentation seiner Sammlung in Berlin verzichten.

Eines ist klar: Zwischen beiden Positionen kann es keine Brücke geben. Flick beharrt darauf, er wolle mit der Ausstellung seiner Kunstsammlung die Verbrechen seines Großvaters "nicht relativieren oder gar vergessen machen", den Namen Flick aber mit etwas verbinden, das in der Öffentlichkeit positiv besetzt ist - mit kritischer, zeitgenössischer Kunst. Dagegen setzt Korn den Primat der Moral. Redlich sei allein die Entschädigung der Opfer; alles andere sei ein unzulässiges Manöver, das von der historischen Schuld ablenken solle.

Nicht sofort eine Reinwaschung

Nun ist Kunstbesitz an sich nichts Verwerfliches. Und selbst wenn man zugesteht, daß Flick sich mit der von Korn geforderten symbolischen Geste der Entschädigung bis heute schwergetan hat, so kommt die Präsentation seiner Kollektion deshalb nicht sofort einer Reinwaschung des Namens gleich. Nicht jeder, der die Werke von Bruce Nauman, Thomas Schütte und Franz West, von Duchamp, Picabia oder Giacometti in Berlin betrachten wird, wird zuerst an den Namen Flick denken. Es wird aber auch niemand dessen dunkle Seite vergessen, nur weil er nun Kunst betrachtet. Allerdings ist zu fordern, daß die Besucher der Sammlung über die Familiengeschichte informiert werden. Dann liefe Korns Vorwurf der Ablenkung ins Leere.

Flick hat immer wieder zu erkennen gegeben, daß er Kunst nicht in erster Linie als Besitz sieht, sondern daß ihm vor allem anderen der Umgang mit den Künstlern, die in seiner Sammlung vertreten sind, wichtig ist. Man mag ihm das glauben oder nicht. Gleichwohl scheint er, so unbeholfen dies zuweilen wirken mag, die Auseinandersetzung mit den Schrecken und den Wunden der Vergangenheit aufnehmen zu wollen. Warum ist Flick, nachdem sein Projekt in Zürich gescheitert war, ausgerechnet nach Berlin gegangen, an den Ort, an dem das dunkelste Kapitel der deutschen Geschichte geschrieben wurde? Um des "Blutgeldes" oder um der Verantwortung willen?

Sicher ist, daß Flick sich, was die politischen Erschütterungen angeht, zu leichtfertig in den wärmenden Mantel des harmlosen Sammlers hüllt. Unstrittig ist aber auch, daß Korn die sachliche Auseinandersetzung erschwert, indem er Flick das Recht abspricht, der Familiengeschichte einen positiven Aspekt hinzuzufügen. Absurderweise beharren beide darauf, Kunst und Geschichte, Ästhetik und Moral ließen sich trennen. Doch so wenig sich die Geschichte der Familie Flick von der Sammlung ihres Erben trennen läßt, so wenig fällt sie mit dieser zusammen.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 19.05.2004, Nr. 116 / Seite 37
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