14.11.2003 · Estland hat zugesagt, einen seit dem Zweiten Weltkrieg verschollenen Altarflügel Albrecht Dürers an die Bremer Kunsthalle zurückzugeben. Als Dank wird die Kunsthalle Bremen die erste Dürer-Ausstellung im Kadriorg-Museum in Tallinn zeigen.
Von Robert von LuciusEstland hat zugesagt, einen seit dem Zweiten Weltkrieg verschollenen Altarflügel Albrecht Dürers an die Bremer Kunsthalle zurückzugeben. Anders als bei den Dürer-Blättern aus der russischen "Baldin-Sammlung", scheint die Übergabe gesichert, da Estland ein Rechtsstaat ist und im Mai, kurz vor der geplanten Rückgabe, der Europäischen Union beitreten wird. Am kommenden Montag wollen der estnische Kulturminister Urmas Paet und der deutsche Botschafter in Tallinn (früher Reval) ein Protokoll über die Rückkehr des Gemäldes unterzeichnen. Als Dank wird die Kunsthalle Bremen im April die erste Dürer-Ausstellung in Estland mit sechzig bis achtzig Dürer-Blättern im Kadriorg-Museum in Tallinn zeigen.
Bei dieser Gelegenheit wird auch Dürers "Johannes der Täufer" zum ersten Mal seit sechzig Jahren zu sehen sein. Anfang der neunziger Jahre war das Bild auf einem Film über ein Restaurierungszentrum in Moskau wiedererkannt worden. Wie es nach Tallinn kam, ist nicht mit Sicherheit bekannt. Als Vetreter der estnischen Regierung eine Abbildung sahen, erinnerte man sich an den rechtmäßigen Eigentümer. Im Mai dieses Jahres unterrichtete die Leiterin des Museums für ausländische Kunst in Tallinn die Bremer Kunsthalle, die den Fund zunächst nicht bekanntgab.
Authentizität ist gesichert
Bremen erhält nun eines der wichtigsten Bilder seiner bedeutenden Dürer-Kollektion zurück. Die Tafel, vermutlich um 1505 gemalt, zeigt Johannes den Täufer mit Fellumhang, einem Lamm und einem Buch vor einem baumbestandenen Fels. Authentizität und Provenienz der Tafel, so die Kunsthalle, sind gesichert. Sie läßt sich ununterbrochen von der Praunschen Sammlung in Nürnberg - der Kaufmann Praun, der acht Dürerbilder besaß, starb 1616 - bis zum Gründer des Bremer Kunstvereins Hieronymus Klugkist verfolgen, der sie 1823 erwarb und 1851 dem Kunstverein, dem Träger der Kunsthalle, vermachte. 1943 wurde das Bild wie die übrige Dürer-Sammlung aus Bremen in die Mark Brandenburg ausgelagert, von wo aus es nach Rußland verschleppt wurde.
Die Tafel, nur 59 Zentimeter hoch und zwanzig Zentimeter breit, wird in Bremen wiedervereint mit dem linken Flügel eines, wie vermutet wird, einstigen Altar-Triptychons. Der linke Flügel zeigt den Heiligen Onophrius. Beide sind also Eremiten vor karger Landschaft - der eine ein Wegbereiter von Christus, der andere ein Schüler. Das mutmaßliche Mittelstück - Christus als Weltenretter - hängt im New Yorker Metropolitan Museum. Gewißheit über die Zusammengehörigkeit der Teile werden erst zwei Untersuchungen der Johannestafel im kommenden Jahr geben. Sie sollen vor allem die Farbschichten klären. Beide Tafeln sind in Teilen "unvollendet". Die Figuren mit ihrer "modernen" Körperhaltung sind italienisch beeinflußt sein. Das legt die Vermutung nahe, daß Dürer sie bei seiner zweiten Venedigreise malte und vielleicht deswegen eines seiner frühesten Altarbilder nicht fertigstellte. Für die Datierung um 1505 sprechen neben der Körperhaltung und den Farben viele Bilddetails, die auf Vorbilder der venezianischen Malerei weisen.
Im Entwurf des Rückgabeprotokolls wird vermerkt, daß "beide Staaten bestätigen, daß sie sich bei der Rückführung kriegsbedingt verlagerter Kulturgüter vom Völkerrecht leiten lassen" und "damit weitere Staaten zu solchem Verhalten ermutigen" wollen. Dieser Hinweis zielt nicht nur auf das Verhältnis zwischen Deutschland und Rußland. Denn auch Estland erhofft sich von Moskau die Rückgabe einer bedeutenden Münzsammlung und des Amtssiegels des letzten estnischen Präsidenten vor dem Zweiten Weltkrieg und der sowjetischen Besatzung, Konstantin Päts, der 1956 in russischer Verbannung starb.
Robert von Lucius Jahrgang 1949, politischer Korrespondent für Niedersachsen, Sachen-Anhalt und Bremen mit Sitz in Hannover.
Jüngste Beiträge