15.04.2006 · Sein bekanntestes Werk ist das Logo der Deutschen Bank: Anton Stankowski war Werbegrafiker, Fotograf, Maler, Zeichner und Grafik-Designer. Eine Ausstellung zeigt das Gesamtwerk dieses verkannten Künstlers.
Von Thomas WagnerEr beherrschte die Kunst, Zeichen zu setzen. Sein wohl bekanntestes ist ebenso schlicht wie einprägsam: ein stabiler quadratischer Rahmen - und mittendrin eine dicke freche Diagonale. Solide und dynamisch, beharrend und doch voll Energie - so sieht sich die Deutsche Bank, deren Markenzeichen Anton Stankowski 1974 schuf, bis heute gern.
Neben dem „Schrägstrich im Quadrat“ stehen viele weitere, mehr oder weniger bekannte Firmenzeichen, denen es allesamt nicht an Prägnanz mangelt. Den Schriftzug „Iduna“ hat Stankowski mit einer Linie abgeriegelt, über die der Punkt auf dem „I“ wie ein lustiger Geselle über eine Hürde springt. Die beiden „s“ im Namen des Heizungsbauers Viessmann hat er übereinandergestapelt wie zwei Heizschlangen, und seine Formmarke für Standard-Elektro-Lorenz sendet permanent schwarzweißgefächerte Strahlen aus.
Es fesselt das Auge
Was Stankowski, der Werbegrafiker, Fotograf, Maler, Zeichner und Grafik-Designer zugleich war, auch entwarf, es prägt sich ein und fesselt das Auge. „Gute Zeichen sind einfach und knapp gefaßt, schnell merkbar. Die Wirkungsweise beruht auf dem Erkennen“, stellt er 1968 fest. Doch sosehr seine vielen guten Zeichen das Erscheinungsbild der Bundesrepublik auch mitgeprägt haben, ihr Autor ist noch immer wenig bekannt. Ein Schicksal, das viele Grafiker und Designer teilen, da sich das Wörtchen „angewandt“ in der Kunst noch immer allzuleicht auf „unbekannt“ reimt, auch wenn sich die Sphären der vermeintlich freien und der im Dienste des Kapitals agierenden Kunst derzeit wieder anzunähern beginnen.
Das Gesamtwerk von Anton Stankowski in Stuttgart
Was Stankowski betrifft, so schafft eine Ausstellung Abhilfe, die zu seinem hundertsten Geburtstag alle Facetten seines OEuvres ausbreitet und beileibe nicht nur einen der Väter des „Corporate Design“ ehrt. Denn in der von der Stuttgarter Staatsgalerie gemeinsam mit der Stankowski-Stiftung realisierten Schau lernt man einen Universalisten kennen, der die Trennung in „autonom“ und „abhängig“ nie akzeptiert hat und sich in Reklame und Konkreter Kunst gleichermaßen tummelte.
Beginn als Kirchenmaler
Stankowski, 1906 in Gelsenkirchen geboren und 1998 in Esslingen am Neckar gestorben, beginnt als Kirchenmaler. In den zwanziger Jahren studiert er an der Essener Folkwangschule, wo er als Schüler des Raumgestalters und Werbegrafikers Max Burchartz in Kontakt mit den Theorien der holländischen De-Stijl-Gruppe und des russischen Konstruktivismus kommt. Hier lernt er auch die Fotografie schätzen, die in Essen früher als am Bauhaus auf dem Ausbildungsplan stand, und wie nebenbei wird Stankowski in den folgenden Jahren zu einem der wichtigsten Fotopioniere.
Seine frühen Gemälde fertigt er in den dreißiger Jahren vornehmlich während der Mittagspause seiner Arbeit in der Zürcher Agentur Dalang an, in die er die Fotografie und die Neue Typographie mitbringt. Die Gemälde stehen im Umkreis der Gruppe „Die Augen“, und obgleich sie oft reine Strukturanalysen sind, wirken sie doch niemals angestrengt. Stankowski ist jede Art von Dogmatismus fremd. Seine Gemälde erproben Konstellationen, die bald auch in seinen angewandten Arbeiten auftauchen.
Bildimmanente Spannung
Es sind Progressionen und abstrakte Kräfteverhältnisse, die ihn beschäftigen, immer wieder dynamisiert vom Energischen der Schräge und der von den Russen entlehnten Sicht von oben oder unten. Es ist die bildimmanente Spannung, die ein perspektivisch-diagonal in den blauen Himmel über schneebedeckten Bergen gesetzter Name einer Lüftungsfirma oder eine aus extremer Untersicht aufgenommene Hausfrau auf einem Plakat für eine „Super Bouillon“ erzeugt, die alles bewegt erscheinen läßt. Nichts in dieser Welt der Waren scheint fest gefügt, alles ist veränderbar. In der industrialisierten Gesellschaft haben die Dinge kein Wesen mehr, das nach außen gekehrt werden könnte, sondern sind Teil funktionaler Beziehungen. So wird auch das an sich hermetische Quadrat der Konstruktivisten, das Stankowski immer wieder aufbricht, spiegelt und auf Wanderschaft schickt, Teil einer Syntax und eines funktionalen Zusammenhangs, der über die visuelle Erfahrung auf das Verhalten einwirkt.
Von 1928 an arbeitet Stankowski auch an seiner „Gestaltungsfibel“, die er im Untertitel „Versuche der Möglichkeiten“ nennt und die ihm beide Wege, in die freie wie in die angewandte Kunst, offenhält. Hier fragt er „Was kann man mit einer Linie machen?“ und läßt deren zwei hinaus in „Weite und Höhe“ schwingen. Hier fügt sich das Alphabet zum Kubus, sind drei Augen drei Münder, drei Münder drei Augen. Oder haben drei Münder Augen, die sprechen können? Und alle zusammen sind ein Gesicht. „Sehen-Sprechen“ heißt das lustig-lehrreiche Blatt von 1937. So schlagend einfach kann Gestaltungslehre sein.
Finden, vereinfachen, versachlichen, vermenschlichen
Stankowski hat nicht nur früh begriffen, daß in einer auf industrieller Massenproduktion basierenden Gesellschaft das Verhalten durch visuelle Kommunikation beeinflußt werden kann. Er hat auch erkannt, welche Möglichkeiten sie bei der Darstellung von an sich Unanschaulichem spielt. Wo alles auf die Beziehung zwischen den Teilen ankommt, werden Begriffe und Sachverhalte erst durchschaubar, wenn sie innerhalb dieser Verhältnisse vorgestellt werden: „Das Bild kann helfen, abstrakte Vorgänge zu verstehen, Vorgänge technischer Art in kurzer Zeit besser zu erlernen. In der Zeit des Spezialistentums kann somit das Bild erkenntnisvermittelnde Funktion übernehmen.“ Einer seiner Merksätze lautet: „Finden, vereinfachen, versachlichen und vermenschlichen - das letzte ist das schwerste.“
Als Erzieher im Visuellen bedient sich Stankowski auch Witz und Originalität. In seinen „Typogrammen“ schreibt er „Dreckfehler“, um das Malheur anschaulich zu machen, legt das „ü“ im Wort „müde“ schon mal schlafen und schreibt falsch einfach „valsch“. Immer gibt er der Sache einen Haken, der zum Denken anregt und klarmacht, worum es geht. Auch wenn er feststellt: „Ästhetik ist Ordnung“, so bildet diese doch nur die Grundlage, um das Abweichende hervorheben zu können.
Ein Verstehen von Welt
Aus dem scheinbar Nutzlosen einer Kunst der reinen Form und der reinen Farbe entsteht mit der Zeit jenes Repertoire, auf dem die Vermittlung abstrakter Sachverhalte aufbaut - ein Verstehen von Welt. Den Gebrauchswert der Kunst mußte Stankowski nicht erst behaupten. Er bewies ihn andauernd, wenn er Zeichen und Konstellationen, die er auf der Leinwand - oder später in einem seiner 116 Skizzenbücher, die als Faksimiles in der Ausstellung betrachtet werden können - entwickelt hat, für Signets oder Plakate übernahm. So taucht etwa eine aus mehreren farbigen Kreisformen und diese trennenden, unterschiedlich geneigten Linien bestehende „Punktprogression“ erstmals 1929 auf einem Gemälde auf. 1938 erscheint sie dann auf einem Briefbogen für die Druckerei Fretz, um 1952 abermals als Gemälde ausgeführt zu werden.
Auch das Motiv des wandernden, zweifarbigen Quadrats kommt mehrfach zum Einsatz. Vertikal durchquert es 1969 das Gemälde „1+1=3“, ins Horizontale gedreht wird es 1973 zum Firmenzeichen der „Münchener Rück“. Solche Verschiebungen zwischen Gemälde, Foto, Plakat und Briefbogen, solche Vernetzungen innerhalb des eigenen Werks, sind typisch für Stankowski und sein systematisches Erkunden bestimmter Strukturfelder. Jedes Ding auf das zauberhafteste in Erinnerung zu rufen, darin sah schon Majakowski die Aufgabe der Reklame.
Die Umgestaltung der Welt durch Kunst - an dieser revolutionären Lehre der zwanziger Jahre hat Stankowski festgehalten. Sie kann nur gelingen, wenn sich alle künstlerischen Sparten in formaler wie inhaltlicher Hinsicht gegenseitig inspirieren und bereichern. Deshalb spricht aus allen Arbeiten Stankowskis der Wille zur Einheit einer Kreativität, die alle Bereiche des Lebens ergreift und mit visuellen Mitteln auf die veränderten Konditionen einer industriellen Produktionsweise antwortet. Wenn er die Einheit der Kunst betonte, statt ihre verschiedenen Äußerungen bequem zu separieren, so verdankt sich das aber keiner Ideologie, sondern zieht Schlüsse aus der Herrschaft der wissenschaftlich-technischen Denkweise: „Ob Kunst oder Design, ist egal, nur gut muß es sein.“