http://www.faz.net/-gqz-owj0

Kunst : Die Schönen und die Leichen

Teresa Margolles ist eine der umstrittensten und meistdiskutierten Künstlerinnen der Gegenwart. In ihren Werken konfrontiert sie die Betrachter auf schockierende, auch ekelhafte Weise mit dem Tod.

          Die Heiterkeit täuscht. Wer dieser Tage das Frankfurter Museum für Moderne Kunst betritt, dem kommen in der Haupthalle dieser verspielt heiteren Festung der architektonischen Postmoderne luftige Seifenblasen entgegen - aber der Freude über das harmlose ästhetische Spiel folgt recht schnell der Schock, sobald man von der Konsistenz der Seifenblasen erfährt: Was einem hier entgegenschwebt, ist Wasser, das zum Waschen von Toten in mexikanischen Leichenhäusern benutzt wurde.

          Niklas Maak

          Redakteur im Feuilleton.

          "Muerte sin fin" ist die weltweit erste große Werkschau der Mexikanerin Teresa Margolles, die im Schatten ihrer Kollegen und Schüler Francis Alys und Santiago Sierra zu einer der umstrittensten und meistdiskutierten Künstlerinnen der Gegenwart geworden ist. Geboren 1962 in Culiacán, absolvierte Margolles ein Diplom in forensischer Medizin und war Anfang der neunziger Jahre Mitbegründerin der Künstlergruppe "Semefo", die ihren Namen dem medizinisch-forensischen Dienst verdankt.

          Verführerisch golden

          In Europa bekannt wurde sie vor zwei Jahren mit einer goldglänzend lasierten Wand, die den Betrachter durch ihre unmittelbare Schönheit anzog. Auch hier folgte der verführerischen Kraft des ästhetischen Scheins ein um so heftigerer Ekel - denn die goldene Farbe, so erklärten die Kuratoren der Berliner "Kunst-Werke" im Beipackzettel, war menschliches Fett, das bei Schönheitsoperationen in Mexiko gewonnen wurde. Was verführerisch golden glänzte, an die luxuriösen Träume der Industrieländer und die abstrakte Kunst des gestischen All-Over erinnerte, war Sondermüll und Memorial einer vom Fett bedrohten Gesellschaft.

          Der Ekel (und damit auch das Kunstwerk) entsteht allerdings im Kopf des Museumsbesuchers. Was die Verstörung auslöst, ist nicht, wie bei den Blut-Exzessen der Wiener Aktionisten, das Sichtbare, sondern das Behauptete. Der Zuschauer muß glauben, was ihm erzählt wird: muß glauben, daß das Fett vom Menschen, das Wasser wirklich aus Leichenhallen stammt und daß die hochästhetischen goldschimmernden bis dunkelrotbraunen Farbverläufe auf Aquarellpapier, die im zweiten Saal an der Wand hängen, nicht aus dem Pinsel eines freundlichen deutschen Jungmalers, sondern aus dem Wasser mexikanischer Obduktionswannen stammen: Die Haare und Blutklumpen, die man in der Farbe entdeckt, sprechen allerdings für diese Behauptung.

          Kitsch und Grusel

          Teresa Margolles bewegt sich an einer heiklen Grenze zu Kitsch und Grusel, und das eigentlich Erstaunliche ist, wie es ihr gelingt, auf jenem Grat nicht sofort abzustürzen. Kritiker werfen ihr Zynismus, Effekthascherei und ein geschmackloses Spiel mit dem Tod als einem der letzten Tabus der Kunstproduktion vor; ihre Anhänger feiern ihre Kunst als radikale Auseinandersetzung mit dem Tod als dem schlechthin Verdrängten einer Kultur, die mit jungen Drogen- und Gewaltopfern, überhaupt mit dem allgegenwärtigen Tod nichts zu tun haben wolle.

          Fast sakral inszeniert Margolles die Spuren unbekannter Toter am Ende einer dramatisch ausgeleuchteten Halle; dort warten die Gipsabgüsse zweier obduzierter Leichen, die, als seien die Untoten auf die Erde zurückgekehrt, wie aufgeklappte Sarkophage am Ende eines Raumes stehen. Man sieht in den Abdrücken eines männlichen und eines weiblichen Körpers die grobe Naht, die die Obduktion hinterließ, geisterhaft verfolgen einen die dunklen Augenhöhlen der Hohlformen verschwundener Menschen bis ans Ende des Saals. Die beklemmende Atmosphäre dieser Spuren verschwundenen, anonym bleibenden Lebens wirkt wie ein Anschlag auf den Körper des Betrachters.

          Weitere Themen

          Wer räumt nach einem Mord auf?

          Tatort-Sicherung : Wer räumt nach einem Mord auf?

          Im neuen „Tatort“ aus Hamburg fehlt ein Tatortreiniger und auch sonst wird die Arbeit der Kommissare von vielen Seiten angezweifelt. Was sagt die echte Polizei dazu?

          „24 Frames“ Video-Seite öffnen

          Trailer : „24 Frames“

          Am Montag, dem 19. November, läuft um 23:35 Uhr „24 Frames“ auf Arte.

          Topmeldungen

          Matteo Salvini und Silvio Berlusconi

          Salvinis Taktik : Finanzpoker mit Brüssel

          Rom macht zu viele Schulden. Ein Bußgeld droht. Doch statt zu zahlen, verhöhnt Innenminister Salvini die „Bürokraten in ihrem Brüsseler Bunker“, denn er hat noch ein paar Asse in der Hinterhand.
          Lächelnd im Konfettiregen: Alexander Zverev wandelt endgültig auf den Spuren von Boris Becker und Michael Stich.

          ATP-WM in London : Alexander Zverev überrollt Djokovic

          Das hätte ihm kaum jemand zugetraut: Der Hamburger besiegt den Weltranglistenersten in zwei glatten Sätzen und gewinnt beim ATP-Finale in London den bislang größten Titel seiner Karriere.
          Jörg Meuthen, Ko-Vorsitzender der AfD, schaut während des Parteitags der Rechtspopulisten im Magdeburg am 16. November auf sein Smartphone.

          AfD-Parteitag : Für ein Europa in Dunkelblau

          Die AfD stellt in Magdeburg ihre Liste für die Wahl zum EU-Parlament auf. Mit dabei sind einige Vertreter des radikalen Flügels.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.