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Kunst : Die Geheimnisse des späten Picasso

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In seinen letzten Jahren arbeitete Picasso wie besessen. Doch Publikum und Fachwelt taten sich lange schwer mit den Gemälden und Radierungen. Jetzt ist das Spätwerk neu zu entdecken: im Düsseldorfer K20. Was ist das Besondere an den rasanten letzten Arbeiten? Fünf Antworten.

          In seinen letzten Jahren arbeitete Picasso (1881-1973) wie besessen: In nur sechs Monaten entstanden 347 Radierungen, für ein Gemälde gab er sich nicht mehr Zeit als für eine Zeichnung. Publikum und Fachwelt taten sich lange schwer mit den Arbeiten, die Douglas Cooper als „Schmierereien, ausgeführt von einem rasenden Greis im Vorzimmer des Todes“, beschimpfte. Doch jetzt wird das Spätwerk neu entdeckt: In Wien sahen 350 000 Besucher die von Werner Spies kuratierte Ausstellung „Picasso - Malen gegen die Zeit“, die vom 3. Februar an im Düsseldorfer K20 zu sehen sein wird. Was ist das Besondere an den rasanten letzten Gemälden und den präzisen Zeichnungen? Fünf Antworten.

          „Die Umarmung“

          Mit diesem Bild, das am ersten Juni 1972 entstand, endet Picassos malerisches Werk. Bis zu seinem Tod zehn Monate später, am achten April 1973, zeichnet Picasso nur noch - und wenn man weiß, wie manisch er zwischen September 1970 und Juni 1972 nicht weniger als zweihundert Bilder gemalt hatte, dann erscheint dieses Werk, das den Titel „Die Umarmung“ trägt, als ein bewusster Schlusspunkt. Zwei Farben dominieren die Liebesszene, die sich in einem eigenartig perspektivlosen Raum abspielt: Blau und Rosa. Picasso greift hier noch einmal die grundlegenden Tonlagen seiner Kunst auf, die Todesbilder und den gemalten Liebesrausch, die melancholische „blaue Periode“ und die spielerische „rosa Periode“. Das errötende Leben, der blaue Tod: Wie „ein Tsunami, der alles auslöschen wird“ (Werner Spies), rast in diesem letzten Bild eine blaue Welle auf ein Paar zu, und dass es überhaupt ein Paar ist, das leitet man eher aus dem Titel ab als aus dem, was man zu sehen bekommt - denn wem hier welcher Körperteil gehört, das ist beim besten Willen nicht zu sagen: Die schwarzen Leitplanken der Figuration werden von der rasenden Farbe überrollt und produzieren ein ekstatisches Knäuel aus Körper- und Geschlechtsteilen.

          Im „Symposion“ berichtet Platon von solchen Kugelmenschen, die je vier Hände und Füße und zwei entgegengesetzte Gesichter trugen und die, seit Zeus sie entzweischnitt, ihre andere Hälfte suchen. Picasso schließt den archaischen Mythos mit der modernen Sehrevolution des Kubismus kurz und malt die Liebenden so, wie ein Cineast sie zeigen würde (wie überhaupt Kubismus sozusagen gemaltes Kino ist, nämlich Schnitttechnik auf Leinwand): ein Bein. Schnitt. Zoom auf einen Fuß. Schnitt. Eine entblößte Brust - Schwenk auf den Arm des anderen. Wie in einem Kippbild springen die Körperteile hin und her; die apokalyptisch dynamisierte Liebe will noch einmal jeder Statik trotzen, während hinten schon der blaue Vorhang fällt; das Spiel ist beendet, der Blick fällt ins weiße Nirwana.
          NIKLAS MAAK

          „Liegender Akt mit überkreuzten Beinen“

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