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Kunst der Mao-Zeit Bilder eines Aufstandes

24.09.2009 ·  Als 1965 das Werk „Hof für die Pachteinnahme“ vollendet war, wurde in China ein Mythos in Gang gesetzt. Diese Parabel von Gut und Böse ist von heute an zu Gast in Frankfurt. Ein genialer Coup - die Ausstellung parallel zum China-Schwerpunkt der Buchmesse anlaufen zu lassen.

Von Julia Voss
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Wir Besucher betreten diese Skulpturengruppe wie die eingefrorene Szene aus einem Stück von Bertolt Brecht: Es gibt den Großgrundbesitzer Liu Wencai, dem eine Schreckensherrschaft in der Provinz Sichuan nachgesagt wird. Es gibt seinen Hofstab, die Verwalter, Aufseher, Polizisten, eine eingeschworene Gruppe, die von Liu Wencai profitieren. Es gibt ein Heer von Arbeitern, die tagtäglich ausgebeutet werden: Sie ziehen Karren, schleppen Säcke, mahlen Getreide. Es gibt junge Mütter, die vom opiumsüchtige Liu gehalten werden, weil er ihre Milch trinkt.

Es gibt ein paar wenige, die ihr Leben aufs Spiel setzen, um diese Ausbeutung zu beenden. Und es gibt eine Gruppe von Männern, die die Ärmel hochgekrempelt haben, sich zu einem Trupp zusammenschließen und mit entschlossener Miene in Richtung Liu Wencai marschieren. Es ist der Moment, an dem sich der knapp hundert Meter messende Zug aus insgesamt 114 Figuren von einer Bühnensituation in einen Traum von Karl Marx verwandelt: Die Arbeiter erheben sich gegen ihren Unterdrücker. Ja, und was es auch natürlich noch gibt, ist die Geschichte, den historischen Großgrundbesitzer Liu Wencai, der 1949 eines natürlichen Todes starb, ganz ohne Aufstände und Revolution.

Der falsche Jargon

Die Frankfurter Kunsthalle Schirn stellt vom heutigen Tag an eines der erfolgreichsten chinesischen Kunstwerke des zwanzigsten Jahrhunderts aus, und man kann es nicht anders als einen genialen Schachzug nennen, ausgerechnet diese Ausstellung parallel zum China-Schwerpunkt der Buchmesse anlaufen zu lassen. Die inzwischen mehr als vierzigjährige Geschichte von „Der Hof für die Pachteinnahme“ hat gezeigt, dass die Figurengruppe eine geradezu unheimliche Fähigkeit besitzt: Sie hat einen Mythos geschaffen, der in immer wieder neue Gestalten schlüpft, sich wandelt, die aktuellen Verhältnisse einverleibt, neue Erzählungen und Gegenerzählung aussendet. Wo der Personenzug in China auftrat, kamen bis zu zwei Millionen Menschen, um das Werk zu sehen. Es gibt die Guten und die Bösen in diesem Mythos, und wie bei jedem Mythos, gibt es Neuerzählungen, in denen beide die Rollen vertauschen. 1999 erschien des Buch „Die wahre Geschichte von Liu Wencai“, in dem der Großgrundbesitzer plötzlich als positive Gestalt auftritt. Das Buch wurde verboten. Doch in den Internetforen geht die Diskussion weiter, ein einst zensierter Fernsehfilm steht auf dem Videoportal Sina.com, ein neues Buch ist gerade erschienen.

Also zurück an den Anfang: Die fassbare Geschichte von „Der Hof der Pachteinnahme“ beginnt im Jahr 1959 mit einem Auftrag des Kultusministerium der Provinz Sichuan. Das ehemalige Anwesen des Großgrundbesitzers Liu Wencai, der, wie gesagt, 1949 eines natürlichen Todes gestorben war und dessen Besitztümer erst danach zum Staatsbesitz erklärt wurden, war zu einer Gedenkstätte erklärt worden. Als Gedenkstätte produzierte das Anwesen allerdings Missverständnisse: Die Bauern kamen, um Pracht und Reichtum des Anwesens zu bestaunen. Die Objekte sprachen offensichtlich den falschen Jargon, sie erzählten nichts von Ausbeutung und Greueltaten, sie funkelten lieber und verschwiegen die Lehren des Klassenkampfs.

Diener der Massen

Also wurde, um den prachtverzückten Bauern Einhalt zu gebieten, Bildhauer der Kunstakademie von Sichuan in Chongqing damit beauftragt, ein Diorama mit lebensgroßen Figuren zu schaffen, die szenisch darstellen sollten, was sich damals zutrug. Die junge Akademie hatte sich in kurzer Zeit einen herausragenden Ruf erworben und auch einiges Selbstbewusstsein. So nahm man sich unter anderem die Freiheit, andere Auftragsarbeiten abzulehnen. Dieses Mal sagten die Kunstprofessoren Wang Guanyi und Zhao Shutong zu. Es wurde ein Kollektiv von Künstlern gebildet, keines der Mitglieder durfte genannt werden, so dass erst 2001 eine vollständige Namensliste publiziert werden konnte. Die Künstler sprachen mit den lokalen Bauern und ehemaligen Pächtern; sie sprachen mit Luo Erniang, die als Amme dem Großgrundbesitzer gedient haben soll; sie hörten die Geschichte der Bauernaktivistin Leng Yueying, die angeblich in einem Wasserkerker des Großgrundbesitzers bei lebendigem Leib verrottete. Sie erarbeiteten die Figuren in der Formensprache, die sie an der Akademie gelernt hatten und die europäisch geprägt war. Im Studium hatten sie den französischen Naturalismus und Sozialrealismus kennengelernt. Dazu kamen der Einfluss sowjetischer Bildhauerei im Stil des sozialistischen Realismus und die Forderung Maos, Kunst müsse den Massen dienen. Und auch die Bauern äußerten einen Wunsch: Den Figuren wurden schwarze Glasaugen eingesetzt, wie sie bei Sakralfiguren Verwendung finden, anstatt sie leer oder farblos zu belassen wie in der westlichen Tradition.

Die Erfolgsgeschichte, die dann einsetzte, verlief im Zeitraffer etwa so: Von den ursprünglichen Tonfiguren wurden zahlreiche Kopien geschaffen, die an immer wieder neuen Orten ausgestellt wurden. Figuren wurden dabei umgeformt, das Ende neu erzählt. Nach der Kulturrevolution von 1966 wurden kräftige Männer eingesetzt, die Schergen niederschlagen und die rote Fahne schwenken; im selben Jahr wurde diese Version zum Modellkunstwerk erklärt, an dem sich die künstlerische Produktion in China zu orientieren habe. 1972 bemühte sich Harald Szeemann, der Leiter der Documenta 5, vergeblich, das Werk in Kassel ausstellen zu können. 1973 schließlich wurde eine robuste Kopie aus verkupferten Fiberglas für eine gewaltige Summe in Auftrag gegeben, um sie großflächig auf Wanderschaft gehen zu lassen. Die Künstler beharrten darauf, mit geringen Veränderungen die ursprüngliche Version wiederherzustellen. Es ist diese Version, die 1978 fertiggestellt wurde, die nun in der von Esther Schlicht kuratierten Schau in Frankfurt gezeigt wird.

Inmitten der postmodernen Ausstellungshalle steht nun diese Parabel von Gut und Böse. Die Skulpturengruppe hat sich ein neues Publikum gesucht. Aus den Bauern sind längst Wanderarbeiter geworden, aus den Eingekerkerten Dissidenten. Die Debatten der Buchmesse werden sich aber um die ungeklärte Frage dieses Werks drehen: In wessen Haut ist der Großgrundbesitzer Liu Wencai geschlüpft?

Kunst für Millionen. 100 Skulpturen der Mao-Zeit. In der Schirn Kunsthalle Frankfurt bis zum 3. Januar 2010. Der Katalog kostet 27,80 Euro.

Quelle: F.A.Z.
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