„Das ist sie! Ja, wirklich, sie ist es, sie ist es!“ Sichtlich erregt zupft die Dame ihre Begleiterin am Ärmel - als hätte sie gerade Madonna oder Nicole Kidman über die Straße gehen sehen. Tatsächlich aber steht der Gegenstand ihrer Bewunderung auf Stummelfüßchen in einer würfelförmigen Vitrine und trägt anstelle eines Kopfes eine kleine Öse. Zu einer weiblichen Ikone hat es die gerade mal sechs Zentimeter hohe Figur trotzdem gebracht: im Mai dieses Jahres, als sie die Titelseiten vieler Zeitungen zierte (darunter auch dieser) - sowie vor 40.000 bis 35.000 Jahren, als jemand sie aus einem Mammutzahn schnitzte.
Die „Venus vom Hohle Fels“ ist die älteste bekannte Darstellung eines Menschen und schon durch diesen Superlativ einer der Stars der am 17. September eröffneten Ausstellung, die noch bis zum 10. Januar 2010 im Kunstgebäude Stuttgart zu sehen ist. Aber erst hier offenbart sich dem Betrachter die wahre Bedeutung dieses Fundes, den Tübinger Archäologen erst im vergangenen Jahr im Erdreich des Hohle Fels, einer Höhle in der Schwäbischen Alb nahe Blaubeuren, fanden. Denn in Stuttgart steht die Dame nicht alleine, sondern ist umgeben von ihren Zeitgenossen und Nachfahren: den Kunstwerken der jüngeren Altsteinzeit, einer Ära, die in Bezug auf Europa besser unter dem Namen der klimahistorischen Epoche bekannt ist, in deren Endphase sie fällt: der Eiszeit.
Das mysteriöse Punktmuster auf der Rückseite
Was es mit der Eiszeit auf sich hat, wie es damals in Europa aussah, welche Tiere es gab, welche Frühmenschen dort lebten, bevor der anatomisch moderne Mensch Homo sapiens aus Richtung Afrika dort eintraf - übrigens kurz vor der Entstehungszeit der Venus vom Hohle Fels -, all das erfährt man in der Ausstellung natürlich auch. Und an all dem sollte nicht achtlos vorbeigehen, wer zur Eiszeitkunst will. Nicht nur, weil es liebevoll und informativ präsentiert ist, sondern weil man nur so sieht, wie plötzlich und vollendet diese Schöpfungen in die Geschichte traten. Zum Künstler wurde der Mensch offenbar nicht erst nach und nach. Sobald er schuf, schuf er richtig.
Es waren die Juraformationen der Schwäbischen Alb, in deren Höhlen an Nebenflüssen der Donau die meisten dieser sehr frühen Stücke bisher gefunden wurden. Sie lagen in Schichten einer altsteinzeitlichen Kulturstufe des Aurignacien - benannt nach der Höhle von Aurignac in den französischen Pyrenäen. Alle Fragmente eingerechnet umfasst die Kunst des schwäbischen Aurignacien heute etwa fünfzig Skulpturen. In Stuttgart stehen nun alle, wirklich alle wichtigen Vertreter dieser Fundgruppe Seite an Seite: Der Löwenmensch aus Hohlenstein-Stadel fehlt ebenso wenig wie das Pferdchen oder das Mammut aus der Vogelherd-Höhle, die schon lange zu Ikonen geworden sind. Bis auf Pferdchen, Mammut und Venus sind die Stücke leider nur von einer Seite zu sehen, was namentlich bei dem eleganten Wasservogel aus dem Hohle Fels und dem „Adoranten“, dem Relief eines Mischwesens aus der Höhle Geißenklösterle, ausgesprochen schade ist. So bleibt dem Besucher auch das mysteriöse Punktmuster auf der Rückseite der rätselhaften Figur verborgen.
Warum sind die Menschen so unpersönlich?
Dafür wird er durch drei Neufunde aus der Vogelherd-Höhle entschädigt, die zuvor noch nie der Öffentlichkeit vorgestellt worden waren, darunter auch ein Artefakt, das einen Fisch darstellen könnte. Vor allem aber ist in demselben großzügig gestalteten Saal auch ein umfassendes Ensemble von Funden anderer Orte zu sehen. Da wäre etwa die „Fanny vom Galgenberg“, eine etwas jüngere, aus dem Mineral Serpentin gefertigte österreichische Kollegin der schwäbischen Venus, die sich mit ihr die Vitrine teilen darf. Dann aber kommen die Damen aus dem Gravettien - benannt nach der Fundstelle La Gravette in der Dordogne -, jener auf den Aurignacien folgenden um einige Jahrtausende jüngeren Epoche, aus der auch die berühmte Venus von Willendorf stammt.
Die Willendorferin selber ist in Stuttgart leider nicht persönlich dabei, genauso wenig wie das kaum minder prominente Frauenköpfchen von Brassempouy - als österreichische beziehungsweise französische Staatsheiligtümer werden diese Werke nicht ausgeliehen. Doch sonst fehlt kaum ein Stück von Rang. So kann der Besucher die Entwicklung der Venus- und Tiermotive bis zum Ende der Eiszeit vor rund 10.000 Jahren verfolgen und Entdeckungen wie diese machen: Während Tiere in der Regel realistisch dargestellt wurden, sind die Frauengestalten, von einigen berückenden porträthaften Stücken abgesehen, unpersönlich, idealtypisch und oft auf bestimmte Merkmale reduziert. Im Laufe der Zeit wird diese Reduktion sogar immer radikaler. Das geht bis hin zu den um die 15.000 Jahre alten Venusfiguren aus der Kulturstufe des Magdalénien, die eigentlich nur noch aus einem Stab mit Gesäß bestehen. Skulpturen von Männern sind übrigens äußerst selten, beschränken sich dann aber konsequenterweise oft aufs Phallische. Mit dem Siltstein-Penis aus dem Hohle Fels gibt es hier auch einen schwäbischen Fund, der aber in einer Schicht des Gravettien lag, mithin nicht von einem Zeitgenossen des Venus-Schnitzers stammt.
Die figürliche Kunst bildet den Schwerpunkt der Stuttgarter Schau. Daneben sind aber auch Zeugnisse eiszeitlicher Malerei und Musik zu sehen. Auch hier werden sie zu Funden aus den Höhlen der Schwäbischen Alb in Beziehung gesetzt, liefern den weiteren Kontext zu deren Verständnis. Was das Malen angeht, so waren die Umweltbedingungen an der Donau der Erhaltung solcher Werke, wie sie in Lascaux oder Altamira überliefert sind, leider nicht zuträglich. Doch zeigen Farbreste auf Felsen, dass auch im jungpaläolithischen Schwaben gerne gemalt wurde.
Abschied von der biologischen Evolution
In der Musik dagegen kann sich die Alb ebenso als Kunstmetropole der Eiszeit fühlen wie in der Schnitzerei. Flöten aus Vogelknochen und Elfenbein belegen, dass sich altsteinzeitliches Musizieren keineswegs aufs Trommeln beschränkte. Bei einem gebogenen Geweihband könnte es sich sogar um einen sogenannten Mundbogen handeln, ein Saiteninstrument.
Wie schon die Skulpturen, so lagen auch die Musikinstrumente zumeist mitten in Siedlungsresten, was darauf hindeutet, dass Kunst und Kunstgenuss bereits damals zum Alltag gehörten. In der Eiszeit mag es also kalt gewesen sein, und die Jagd auf Mammuts, Wollnashörner und Höhlenbären riskant und beschwerlich. Trotzdem hatten die Menschen aber offenbar bereits genug Muße, um in ihrem nach heutigen Maßstäben äußerst kurzen und harten Leben auch auf anderes aus sein zu können als auf einen vollen Magen und Nachwuchs, der bis zur Geschlechtsreife überlebt. Ausgerechnet in der Eiszeit hatte der Mensch manifest damit begonnen, sich aus der biologischen Evolution zu verabschieden.
@ wetterwitz
Claus Eberhardt (cetinger)
- 01.10.2009, 10:01 Uhr
Zur EVOLUTION von „Kunst“-Kulturellem: Eiszeitkunst
Werner Hahn (wernerhahn)
- 05.10.2009, 20:14 Uhr
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Werner Hahn (wernerhahn)
- 06.10.2009, 12:37 Uhr