21.07.2010 · Nach den Wasserspielen des Olafur Eliasson hat New York sein nächstes großes Kunstevent: Doug und Mike Starn lassen auf dem Dach des Metropolitan Museum of Art Bambusrohre sprießen.
Von Jordan MejiasDoug Starn ist kein Arzt, Psychotherapeut oder Bergführer; er ist Künstler. Aber jetzt fragt er mich nicht, wie ich sein neuestes Kunstwerk finde, sondern wie es mir darin und darauf und darunter ergeht: „Wie fühlen Sie sich? Sollen wir weitergehen?“ Ich war gewarnt. Das Metropolitan Museum, auf dessen Dach Doug Starn und sein Zwillingsbruder Mike bis weit in den Herbst hin einen Bambusdschungel wachsen lassen, schickt die Besucher, die vielleicht eher als Wanderer oder Bergsteiger zu bezeichnen wären, weder unvorbereitet noch unbeaufsichtigt auf Erkundungs- und Erlebnistour. So werden sie aufgefordert, flache, vorn und hinten geschlossene Schuhe mit Gummisohlen zu tragen, nicht unter Einwirkung von Alkohol oder anderen Rauschmitteln zu stehen und individuell weniger als vierhundert amerikanische Pfund zu wiegen.
Ein Dreieinhalbzentnermann darf also noch mit. Allerdings wird entschieden abgeraten, das Abenteuer zu unternehmen, wenn mit Herz- oder Atembeschwerden zu rechnen ist, schon einmal Gleichgewichtsstörungen aufgetreten oder akro- und klaustrophobische Reaktionen nicht auszuschließen sind. Die Liste ist noch länger, aber das mag reichen, empfindsame Kunstfreunde das Fürchten zu lehren. Wer dennoch das Bambusdickicht der Starn Twins, von ihnen „Big Bambú“ genannt, nicht nur von weitem betrachten will, muss auch noch schriftlich bestätigen, dass er sich der Gefahren des Ausflugs im Namen der Kunst wohl bewusst ist und deshalb das Museum nicht gleich vor Gericht schleppen würde, wenn dabei etwas schiefginge. Vor Klagen vermag sich im klagelustigen Amerika auch die Kunst nie ausführlich genug abzusichern.
Erfahrung von Schwerelosigkeit und Freiheit
Doug Starn, in abgewetzten Jeans und ziemlich verschwitzt unter seiner leicht angegrauten Mähne, ist immer noch erstaunt, dass es angesichts zahlloser, aus allen nur erdenkbaren städtischen und staatlichen Richtungen drohender Vorschriften und Verordnungen und durchaus begründeter Bedenken der Museumsleitung möglich war, die Unternehmung überhaupt in Angriff zu nehmen. Denn ein Ende ist immer noch nicht abzusehen, auch wenn er, sein Bruder und ein Team von jungen Helfern, alle im Bergsteigen geübt, schon seit März damit beschäftigt sind, Hunderte und schließlich viele Tausende von Bambusrohren zu einem stabilen Dschungel zu verknoten.
Ins Gewirr der fabelhaft belastbaren Halme, die mehr als dreißig Meter über den Central Park hinausragen, wurden zudem Treppen und Wege gehängt, alles ebenfalls aus Bambus und lediglich mit farbigen Nylonschnüren zusammengehalten. Auf einem solchen Pfad habe ich nun mit Doug Starn, meinem Tourguide, auf halber Höhe haltgemacht, und die Höhenangst, mit der ich gerechnet hatte, will sich nicht einstellen. Dabei kann mein Blick unverstellt über den Central Park und auf die Wolkenkratzerkulisse von Midtown und die feudalen Wohnturmbauten der Upper West Side schweifen, gehen direkt unter mir Museumsbesucher spazieren und rauschen über mir in der sanften Brise die an den Halmen verbliebenen Blätter. Aber das Bambusgewebe, so dicht auf den Wegen und so luftig in der Gesamtanlage, erweckt trotz seiner grazilen Struktur den Eindruck von Solidität. Wo mit der Erfahrung von Schwerelosigkeit und Freiheit gespielt wird, wo der Besucher fast ins Schweben gerät, stellt sich auch eine Art Geborgenheit ein.
Jeden Tag ein Stückchen wachsen
„Big Bambú“ besteht aus derart wundersamen Widersprüchen und Gegensätzen. Das fragile Gespinst, das auf dem Flachdach des Museums nirgendwo verankert ist und es stellenweise nicht einmal berührt, erweist sich als robustes Röhrengewirr, unverwüstlich in seinem inneren Zusammenhalt und durch ihn. Wie eine Riesenwelle schwappt es übers Museumsdach, tritt in Wettbewerb mit der Natursimulation des Central Park und ihrer Antithese, der urbanen Verdichtung der Skyline. Bald Naturereignis, bald hochartifizielles Konstrukt, will die begehbare Skulptur zugleich eine Performance sein, die sich über Monate hinzieht, jeden Tag ein Stück weiter wächst und manch Neues zu bieten hat, dank den beiden Künstlern und ihren Bambusalpinisten, die irgendwo im Dickicht hängen und klettern, Halme verschnüren, Pfade ausbauen und immer riskantere Höhen anpeilen. Obwohl sie ein Modell in ihrem Atelier vor den Toren von New York gebaut hatten, sind sie heutzutage, wie Doug Starn bestätigt, meist beim Improvisieren. Augenschein und Augenblick bestimmen mit, wie sich die Skulptur entfaltet.
Empfinden sollen wir sie wie einen lebenden Organismus, durch dessen Arteriensystem wir uns bewegen können, und womöglich ergibt sich daraus auch, dass sie dem kletternden, wenn nicht surfenden Kunstfreund keine Angst einjagt, sondern ihm Zutrauen einflößt. Doug Starn spricht von Energieübertragung, und mag das inzwischen auch allenthalben von der Kunst erwartet und ihr nachgesagt werden, lässt „Big Bambú“ doch den Gemeinplatz hinter sich, indem es uns einlädt, eine Weile an seinem komplexen Leben teilzunehmen und so unser Leben und die Stadt, in der wir leben, anders zu erleben.
Performance über alles
„You Can’t, You Don’t, and You Won’t Stop“ ruft uns die Installation in ihrem Untertitel zu, aber das gilt auch für sie selbst als Work in Progress, als veränderliche Architektur auf Zeit, die es den Starn Twins erlaubt, ihre Untersuchungen organischer Systeme jenseits der alten Laboratorien von Fotografie, Bildhauerei, Malerei und Videokunst fortzusetzen, im Großformat zwischen Kunst und Natur.
„Big Bambú“ ist gewiss ein Event, ein Kulturspektakel, nicht anders als die New Yorker Wasserspiele des Olafur Eliasson oder die Marathonperformance der Marina Abramovic. Aber wer Achterbahn fahren will, wird auf der Bambuswelle kaum auf seine Kosten kommen. Der Gang ins Metropolitan Museum ersetzt nicht den Ausflug nach Coney Island. Dafür ist das Museum ganz vorn mit dabei, wenn es um den heißesten Trend der zeitgenössischen Kunst, die allgegenwärtige Performance, geht. Mit „Big Bambú“ liefert es einen Beitrag, der sicherlich zu den wenigen besseren gehört.
„Big Bambú“: Begehbare Skulptur (Performance) als „heißester Trend“?
Werner Hahn (wernerhahn)
- 22.07.2010, 09:01 Uhr