17.12.2004 · Berlins Kulturlinke meldet sich zurück - mit einem gemeinsamen Projekt: Die Gegnerschaft zur umstrittenen Ausstellung der Flick-Collection weckt die kritische Masse aus ihrer Lethargie. Das ist erfreulich.
Von Dietmar DathErst stand man eine halbe Stunde händereibend und weiße Wölkchen atmend auf der Straße, dann gab es nur noch Treppen- und Stehplätze, und am Ende wurde den letzten Gästen freigestellt, wieviel sie für den späten Zutritt noch bezahlen wollten. Der Andrang zur Vortrags- und Kunstaufführungs-Veranstaltung „Heil Dich doch selbst! Die ,Flick Collection' wird geschlossen“ am Donnerstag abend im Berliner Hebbel-Theater am Halleschen Ufer war ein Manifest eigener Art. Der Abend hat das große Interesse mehr als gerechtfertigt.
Der Anlaß dazu, die Ausstellung der Sammlung des späten Sammlers und heiklen Erben Friedrich Christian Flick, gehört nicht nur in Berlin zu den anstrengendsten und ermüdendsten Themen des eben verlöschenden Jahres. So gesehen hatte das Veranstalterkollektiv aus Mitarbeitern des Buchladens „b-books“, der Zeitschrift „Texte zur Kunst“ und diverser im zuständigen Pidgin-Soziologendeutsch gern so genannter „linker Zusammenhänge“ sich keinen allzu viel versprechenden Anlaß für den Versuch einer Bündelung verschiedener kunst- und kulturkritischer Analyse- und Interventionsformen ausgesucht. Aber irgendwer muß eben immer wieder abwaschen, die alten Lappen abbürsten oder den Müll rausbringen - vielleicht ist ja die Penetranz, mit der gewisse kulturpolitische Inszenierungen in der Hauptstadt deprimierend erfolgreich auch die kritischste Aufmerksamkeit zermürben, die eigentliche Herausforderung an deren Gegner.
Vier schnelle Stunden
Das ungläubige Gelächter, das eingangs auf die Ankündigung der Mitveranstalterin Katja Diefenbach antwortete, man wolle sich angesichts von fast zwei Dutzend vorgesehener Rede- und Kunstbeiträge „eine gewisse aktivistische Schnelligkeit“ abverlangen, war nach rund vier Stunden gegen dreiundzwanzig Uhr jedenfalls gründlich entkräftet. Man erfuhr zwar manches, was die meisten Anwesenden schon wußten oder sich selbst hätten denken können: Thomas Kuczynski rechnete noch einmal donnernd vor, was den Zwangsarbeitern zusteht und was sie bekommen, Susanne Leeb empfahl den öffentlichen Berliner Budgetverwaltern mit beißender Ironie den Ankauf einer Hitler-Plastik von Schülerhand, und Diefenbach selbst demonstrierte die rhetorische Erledigungsfigur des „Moralterrors“ wie gehabt als simple, aber effektvolle Technik der medialen Neutralisierung allfälliger Versuche, linke Kulturkritik anzumelden.
Einige Beiträge lappten ins schlechte politische Kabarett: Immer dann, wenn „die Mächtigen“ dämonisiert oder als hohle Trottel vorgeführt werden, zeigt sich die Linke von ihrer schwächsten Seite. Das Erfreuliche aber überwog und bestand vor allem in der Wendung vieler Teilnehmer gegen die Ohnmacht, mit der die meisten bisherigen Versuche, die Flick-Sammlung anzugreifen, die dabei relevante Kunst immer nur als etwas wahrnehmen konnten, das der Erörterung des eigentlichen Themas, ebender „Entlarvung“ Flicks und seiner staatlichen Kartenknipser, im Wege steht.
Regressive Tendenzen
Das war im Hebbel-Theater ganz anders: Diedrich Diederichsen etwa erhellte, wie absurd es ist, daß Flick sich mit Kunst von Martin Kippenberger, welche einst im Namen radikaler neuer Kritik gegen behäbige alte Kritik angetreten war, nun in einer Weise schmücken kann, die gegen Kritik insgesamt und überhaupt gerichtet ist. Auch Clemens Krümmel betrieb angewandte Kunstwissenschaft, indem er eine Demonstration flagranter Zusammenhänge zwischen repräsentationslüsterner Kulturpolitik und regressiven Tendenzen in der Gegenwartskunst selbst lieferte.
Auch das eigene Milieu wurde nicht geschont: Neuer Pop-Nationalismus und die kalkulierte Naivität, die der Fotokünstler Wolfgang Tillmanns bei öffentlichen Auftritten kultiviert, kamen schlecht weg. Stephan Geene schließlich artikulierte Zweifel daran, ob die Hausse der klassischen Moderne, die Berlin derzeit erlebt, nicht den Umstand verdeckt, daß die Provokationskonstellation zwischen Kunst und Gesellschaft, die der Begriff „Avantgarde“ meint, historisch überlebt ist. Ein authentisches Video, das Gerhard Schröder zeigt, wie er anläßlich des Parteispendenskandals Anfang der achtziger Jahre im Bundestag gegen die Firma Flick vom Leder zieht, weckte ausgelassene Heiterkeit.
Die Kulturlinke Berlins überwindet also endlich ihre rot-grüne und rot-rote Lethargie. Daß es Bedarf an ihren Einwänden gibt, hat diese Veranstaltung bewiesen.