Wie eine Halbinsel schiebt sich der gewaltige Felsen des Fort Saint-Jean ins Meer und verleiht der reizvollen Perspektive von Marseilles Altem Hafen samt der darüber aufragenden Kathedrale mediterranen Zauber. Die eindrucksvolle Festung erzählt von Reisenden, vom Handel mit fernen Ländern, von orientalischen Stoffen und Gewürzen, von Sprachgewirr. Seit dem Altertum hat sich dieses bunte Treiben in seinem Schatten abgespielt. 2013 wird Marseille Kulturhauptstadt Europas sein und soll als neue Metropole des 21. Jahrhunderts zum Nachdenken über Mittelmeer-Europa, seine Geschichte und seine Zukunft anregen.
Deshalb wird das zwischen dem Meer und der Altstadt gelegene Viertel von insgesamt 310 Hektar in einen pulsierenden Brennpunkt umgestaltet. Sein Zentrum: die 1938 durch eine Schnellstraße vom Stadtviertel Saint-Laurent isolierte Festung. Bisher waren die 1944 durch eine Explosion vernichteten wesentlichen Teile des unteren Plateaus der Bastion nur notdürftig repariert worden. Jetzt aber soll der Architekt François Botton die Wehrgänge, Kurtinen und Kavaliere wiederherstellen und die fortifikatorischen und sakralen Bauten des Fort Saint-Jean zu Akteuren eines ehrgeizigen kulturellen Programms machen. Reste des antiken Stadtstaates Massilia, die Kapelle des Kastells aus dem 13. Jahrhundert, der Turm des Roi René, Festungen, die bis auf die Zeit von Barockgenies Vauban zurückgehen, werden zu Elementen eines ereignisreichen Parcours.
Ein blockförmiges Volumen
Von der Place d’Armes mit ihren Sitzstufen nach Art antiker Theater gelangt man zum „village“, einer Baugruppe im Kern der Bastion, und schließlich zur ehemaligen Commanderie. So entsteht ein breitgefächertes Ensemble von Ausstellungssälen, Restaurants, Bars und Kinderspielplätzen, das den Mythen und Visionen der mediterranen Kulturen gewidmet ist. In diesem „immer geöffneten Buch“ wird der Besucher Gärten genießen, deren Pflanzenvielfalt Ferne und Migration, das Leitmotiv der Kulturhauptstadt, verlebendigen sollen; visuelle Eindrücke von Natur und Architektur werden „multi-sensuell“ kombiniert.
Auf der Mole J4 am Fuße der Bastion schreitet der Bau des „Musée des Civilisations du XXIè siècle“ (MuCEM) zügig voran. Vom Frühjahr 2013 an soll das Museum „zum Himmel, zum Meer, zum Salz und zum Wind“ sprechen. Als erstes Beispiel für die Umsiedlung eines Pariser Museums (des Musée national des arts et traditions populaires) wird es zum Bindeglied zwischen dem Fort Saint-Jean und der Altstadt. Architekt Rudy Ricciotti musste sich bei seinem Entwurf an ein Gutachten halten, das ein blockförmiges Volumen vorschrieb, und Materialien, die den Naturstein der Region evozieren.
Das Gebäude wächst aus einem künstlichen Meerwasserbassin und bildet einen Quader von zweiundsiebzig Metern Seitenlänge, in dem, wie eine Cella, das Museumsherz, ein kleinerer Block von zweiundsechzig Metern, mit den Ausstellungsräumen sitzt. Die Außenwände des fünfgeschossigen Kubus werden von archaisch anmutenden, bald gerade, bald schräg stehenden und sich gabelnden Betonstützen in unregelmäßigem Rhythmus getragen. Die der Sonne zugewandten Fassaden sind von einem netzartigen Gewebe bekleidet. Aus drei Zentimeter dicken Betonplatten ornamental ausgestanzt, filtert es das eindringende Licht.
„Nicht Haut, sondern Knochen“
Ein den Sinn benebelndes orientalisches Parfum scheint den umgarnenden Maschen zu entströmen. Damit kontrastiert wohltuend die Transparenz der Nord- und Ostfassade, die Einblick ins Innere erlauben. Neben der wuchtigen Festung wirkt diese durchbrochene Mantille jedoch trivial, zumal sie im Wasserspiegel zu ihrer eigenen Grimasse wird. „Nicht Haut, sondern Knochen“ ist die Devise dieser Baustrategie, die vorgibt, die orientalischen Kulturen heraufzubeschwören. Mit ihrer delikaten Umhüllung möchte sie auf weibliche Zerbrechlichkeit, mit ihren vorfabrizierten Stützen aber auf virile Härte anspielen.
An einer emblematischen Stelle wie dieser, wo Tradition und Zukunft mittelmeerischer Länder überzeugend visualisiert werden sollen, könnte ein Bau wie dieser kaum verfehlter sein. Von der Dachterrasse des Museums führt ein hundertdreißig Meter langer Betonbalken-Steg – Prädikat: béton fibré ultra performant – ins Herz der Festung, während sich eine weitere passerelle von achtundsechzig Metern Länge nach Osten über die Schnellstraße schwingt und das Fort mit der Esplanade von Saint-Laurent verbindet. Letztere aber beeinträchtigt erheblich die Sicht von der Stadt aus. Auf unwirtlichen Stiegen werden dem Besucher wie auf einem Jahrmarkt ungeahnte Stadt- und Meeres-Panoramen angepriesen, wobei abzuwarten bleibt, ob die hohen Brüstungen und die Auflagen für Behinderte solche Erlebnisse überhaupt zulassen. Die Stadt Marseille darf man zu dem Projekt beglückwünschen, weniger den Architekten Ricciotti, der den architektonischen Herausforderungen einer europäischen Kulturhauptstadt nur in Maßen gerecht geworden ist.