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Künstler als Comic-Zeichner : Gerhard Richters gescheiterte Idee

Es geht hoch hinaus: Doppelseite aus Gerhard Richters „Comic Strip“ Bild: Robert Oisin Cuback/Lempertz

Eine Bildergeschichte von 1962 zeigt, dass Gerhard Richter einst Comic-Zeichner werden wollte. Doch das Projekt blieb erfolglos. Nun wagt der große Künstler einen zweiten Vorstoß.

          Als Gerhard Richter sich im Winter 1961 gerade noch rechtzeitig vor dem Mauerbau aus der DDR in die Bundesrepublik absetzte, war er 29 Jahre alt und stand vor dem Nichts. In Dresden war er Meisterschüler gewesen, im Westen kannte ihn keiner, seine Bilder waren im Osten zurückgeblieben. Er schrieb sich in Düsseldorf abermals als Kunststudent ein, auf die erste Ausstellung musste er bis zum Oktober 1962 warten; sie brachte ihm nichts ein. Wovon also leben? Für den Neuankömmling im Kapitalismus schien die Sache klar: von einträglicher gezeichneter Massenkultur, also von Comics.

          Andreas Platthaus

          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Schon 1957 in Dresden hatte Richter kleine Bildergeschichten mit „schwarzen Männern“ angefertigt, reine Silhouettenfiguren in Tusche. An diese Vorarbeiten knüpfte er im Dezember 1962 an, als er ein Werk namens „Comic Strip“ schuf, das aber kein Comic-Strip war. Für das Comic-Entwicklungsland Deutschland war die aus Amerika importierte Terminologie verwirrend; dass „Strip“ lediglich jene Comics bezeichnet, die in Zeitungen publiziert werden, wusste hierzulande kaum jemand – und der im Osten aufgewachsene Richter schon gar nicht – dort war die Rede von Comic Strips stets abqualifizierend gemeint. Aber er kannte schon als Dresdner Student jenen Cartoonisten, der damals weltweit als ein Künstler gehandelt wurde, dessen Rang man auf dem Feld der Zeichnung mit dem von Picasso in der Malerei gleichsetzte: Saul Steinberg. Der war als gebürtiger Rumäne und Jude 1941 aus Italien in die Vereinigten Staaten emigriert, wo er als Illustrator für den „New Yorker“ eine steile Karriere hingelegt und sein neues Heimatland 1958 auf der Brüsseler Weltausstellung mit dem riesigen Bildzyklus „The Americans“ vertreten hatte. Sammelbände mit seinen Cartoons waren Bestseller.

          Inspiriert von Steinberg

          Richter orientierte sich deshalb grafisch an Steinberg, als er „Comic Strip“ zeichnete, aber er wählte eine für den Amerikaner ganz untypische Erzählform: eine wirkliche Bildergeschichte. Das war seine Anleihe beim Comic, den Steinberg als Form verachtete. Von dem Erfolgskünstler wiederum hatte Richter die Idee der Stempel übernommen, mit denen er nun seinen Protagonisten seriell aufs Blatt brachte: einen schwarzen Mann mit breitkrempigem Hut, dessen Silhouette an einen italienischen Monsignore erinnert. Die ebenfalls steinbergtypischen Fingerabdrücke als Gestaltungselement wollte Richter nicht, aber die Ausführung der Dekors mit der Tuschefeder nahm wiederum viele Ornament- und Kompositionsideen Steinbergs auf, unter anderem auch seine kalligraphisch-unleserlichen Textzeilen.

          Es geht rund: Doppelseite aus Gerhard Richters „Comic Strip“
          Es geht rund: Doppelseite aus Gerhard Richters „Comic Strip“ : Bild: Robert Oisin Cuback/Lempertz

          Erzählt wird eine anfangs symbolistische, später dann geradezu phantastische Geschichte, die mit einer Reise auf den Mond endet – John F.Kennedy hatte 1961 verkündet, man werde bis zum Ende des Jahrzehnts einen Amerikaner dorthin bringen. Von solcher Aktualität versprach Richter sich Aufmerksamkeit.

          Anfangs ohne kommerziellen Erfolg

          „Comic Strip“ war jedoch anders als Steinbergs Cartoonbände kein Erfolg, Gerhard Richter fand nicht einmal einen Verlag dafür. Die in mehreren Skizzenheften angelegte und dann vom Zeichner zu einem einzigen Buch mit Holzimitat-Einband vereinigte Geschichte wurde schließlich von einem alten Dresdner Freund Richters, der schon vorher in den Westen gegangen war, gekauft und vom Künstler vergessen. Bis es ihm der alte Freund vor fünf Jahren wieder zeigte und Richter zustimmte, dass der Verlag der Buchhandlung Walther König eine Buchausgabe daraus machen sollte. Sie erschien 2014. Nächste Woche wird in einem Kölner Auktionshaus nun das Original versteigert – als autonomes Künstlerbuch, obwohl es das nie sein sollte, sondern lediglich Vorlage für die erhoffte Publikation.

          Dass dies mehr als fünfzig Jahre später doch noch erfolgte, wird Richter zufriedengestellt haben, seine ursprüngliche Fassung allerdings unterwarf er für die Veröffentlichung noch einer Bearbeitung. Etliche Seiten der Erzählung stellte er um, wodurch zum Beispiel das spektakuläre Auftaktdoppelblatt zur Mondsequenz nun an deren Ende rückte. Einzelne Seiten des Manuskripts entfielen, darunter die allererste mit dem von Richter wieder nahezu unleserlich gemachten Titelschriftzug „Comic Strip“, und aneinander klebende Blätter wurden nicht mehr voneinander gelöst, so dass im Original zu „Comic Strip“ noch manche Überraschung wartet. Einige davon sind jetzt schon sichtbar, weil vier verklebte Seiten mittlerweile doch getrennt wurden, andere aber lassen durch Durchscheinen der Tuschezeichnung erst nur ahnen, dass sich in dicken Papierbatzen noch mehr von der Bildergeschichte finden wird – ob gewollt verklebt oder nicht, ist unbekannt. Derzeit beträgt das Verhältnis von sichtbaren gezeichneten Seiten im Manuskript zu denen im Nachdruck 139 zu 132. Viele Feinheiten der Tuschezeichnungen sind aber auch nur im Original zu erkennen, diverse Richtersche Collageelemente in der Publikation nicht erkennbar. Der 1962 ausgebliebene kommerzielle Erfolg könnte nun dem Eigentümer von „Comic Strip“ winken: Der Schätzpreis, ursprünglich mit 60.000 bis 80.000 Euro kalkuliert, beträgt im Katalog jetzt 100.000 bis 120.000 Euro.

          Verkannter Comic-Zeichner: Künstlerlegende Gerhard Richter
          Verkannter Comic-Zeichner: Künstlerlegende Gerhard Richter : Bild: dpa

          Quelle: F.A.Z.

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